Die Selbst-Befreiung

Kai Wiesinger inszeniert seine erste Serie, und alle machen mit: Partnerin Bettina Zimmermann spielt die Ehefrau der von Wiesinger verkörperten Hauptfigur, dem Werbegrafiker und Familienvater Tom. Schauspiel-Granden wie Ben Becker, Benjamin Sadler, Silke Bodenbender und Anja Kling tauchen in Episodenrollen auf. Klingt nach einem Primetime-Event erster Güte? Mitnichten! Die sehr empfehlenswerte Serie „Der Lack ist ab“ über Menschen in der Midlife-Crisis inszenierte der 49-jährige Schauspieler für das kostenlose Internet-Portal MyVideo. In zehn kurzen Episoden werden Probleme der Lebensmitte schonungslos auf den Tisch gebracht: von schlaffer Bauchmuskulatur bis zu pubertierenden Kindern, die ihre Eltern nur noch peinlich finden.

Kai Wiesingers erste Regiearbeit hat es in sich: In der Web-Serie "Das Lack ist ab" inszenierte er sich selbst schonungslos in der Midlife-Crisis.

 

chilli: Sie sind einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Warum läuft Ihre neue Serie nur im Internet?
Kai Wiesinger: Was heißt „nur“? Da sollte sie hin! Da hat man ganz andere Freiheiten. Früher entwickelte ich mit meiner Filmproduktionsfirma immer wieder Stoffe, damit gingen wir zu Fernsehredakteuren. Der eine sagte: „Das ist eher ein Stoff für Sonntag, du musst zu jemand anderem gehen.“ Der Sonntagsmensch sagte aber: „Nein, probiere es doch mal auf dem Mittwoch.“ Offenbar gab es keinen Redakteur, dessen wichtigste Aufgabe es war, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden. Die Regeln sind dort manchmal so starr, dass man zurzeit nicht das machen kann, was vor allem der Geschichte dient – sondern mehr dem Sendeplatz. Ich wollte eine Serie von und mit Leuten über 40, die auch so reden wie echte Leute über 40.

 

chilli: „Der Lack ist ab“ ist Ihre erste Regiearbeit.
Wiesinger: Ja, ich mache seit Oktober nichts anderes, als an dieser Serie zu arbeiten. Und ich war selten in meinem Leben so glücklich. Ich habe alle Freiheiten, diese Serie so zu erzählen, wie ich es möchte. Das sehen viele Kollegen genauso, weshalb sie mit großer Freude bei der Serie mitmachen. Was die begeistert, ist, dass wir keine Fernsehrealität erschaffen, sondern dass das Ganze einfach echt ist.

 

chilli: Sie halten das herkömmliche Fernsehen in seiner Ästhetik also für künstlich – wenn es um Fiction geht?
Wiesinger: Die meisten Dinge, die wir im TV sehen, zeigen irgendwie eine Fernsehrealität. Ob das nun Verhaltensweisen sind, ganze Lebensformen und natürlich – für alle am leichtesten erkennbar – die Art, wie man miteinander redet. Kein Mensch spricht in echt so, wie viele Dialoge im Fernsehen klingen (lacht). Meine Idee für diese Serie war, dass sie filmisch sehr hochwertig aussieht, aber sich die Figuren darin bewegen und unterhalten wie echte Menschen.

Kai Wiesinger und Bettina Zimmermann in der Web-Serie "Der Lack ist ab": Er spielt einen Werbegrafiker, der damit hadert, dass seine Auftraggeber immer jünger werden. Sie schreibt Kinderbücher von zu Hause aus. Ihre beiden Kinder sind 16 und 14 Jahre alt.

 

chilli: Trotz allen Herzblutes, das in „Der Lack ist ab“ drinsteckt, will man ja langfristig auch von seiner Arbeit leben können. Das wird bei einer kostenlosen Video-Plattform schwer, oder?
Wiesinger: Klar, so eine Serie kostet Geld. Viele Leute haben diesmal mit viel Idealismus an diesem Projekt gearbeitet. Wir hatten zwar ein gutes Budget für die erste Staffel, doch arbeiten wir für die Zukunft an weiteren Finanzierungsmöglichkeiten. Momentan bekommen wir von allen Seiten eine super Resonanz auf die Serie. Auch aus der Wirtschaft. Das hört sich erst mal komisch an, aber ich sehe in diesem Bereich große Möglichkeiten, sich aus dem eingefahrenen System der Finanzierung durch Fördertöpfe und Fernsehsender in eine größere kreative Freiheit zu lösen. Warum soll es keine Finanzierungsmodelle geben, in der die freie Wirtschaft Filme produziert, ohne den Filmemachern künstlerisch reinzureden?

 

chilli: Sie denken an Werbung oder eher Sponsoring?
Wiesinger: Ich bin kein Freund von Werbeunterbrechungen. Werbung in Filmen ist genauso unschön für den Zuschauer wie für die Filmemacher selbst. Wie man im Internet Geld verdienen kann, zeigen andere Produktsparten ja schon lange. Nun funktioniert das auch mit Qualitätsfilmen und Serien. „House of Cards“ von Netflix ist da immer das herausragende Beispiel. Woody Allen dreht jetzt für Amazon. Es gibt die Möglichkeit des Sponsorings von Filmen durch die Wirtschaft. Und auch noch andere elegante Möglichkeiten, über die wir gerade diskutieren.

 

chilli: Netflix oder der Streaming-Dienst von Amazon sind Abo-Modelle, für die Menschen monatlich Geld bezahlen. MyVideo ist hingegen kostenlos.
Wiesinger: MyVideo ist kostenlos – und wird durch Werbung finanziert. Die Idee für „Der Lack ist ab“ habe ich gemeinsam mit dem Geschäftsführer von Myvideo, Manuel Uhlitzsch, vorangetrieben. Und wir denken auch über radikal andere Möglichkeiten der Finanzierung für solche Inhalte nach. Ich möchte momentan nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich bin guten Mutes, dass wir weiterdrehen und das dann auch gut finanziert bekommen.

Privat und vor der Kamera ein Paar: Kai Wiesinger und Bettina Zimmermann, die Hauptdarsteller der Web-Serie "Der Lack ist ab".

 

chilli: Sie machen es ja spannend. Denken Sie auch über Product Placement nach?
Wiesinger: Es gibt viele Möglichkeiten, wie ein Unternehmen einen Vorteil durch die Finanzierung eines Filmprojekts haben kann, ohne dass es künstlerisch Einfluss nimmt. Dass es diesen künstlerischen Inhalt dann exklusiv hat, wäre zum Beispiel eine Möglichkeit. Auch Product Placement müsste in Deutschland ganz anders wahrgenommen werden. Es wäre doch auch im Privatfernsehen viel besser, wenn der Protagonist in einem Moment, wenn es Sinn macht, einfach die Cola eines bekannten Herstellers trinkt, anstatt dass der Film für Werbesports mit dieser Cola unterbrochen wird. Wir denken in Deutschland seit ewigen Zeiten nur in den Kategorien Werbung, Gebühren und Fördertöpfe. Ich finde, es ist ein hehres Projekt, darüber nachzudenken, wie man Filme in Deutschland unabhängig davon finanziert bekommt.

 

chilli: Sie haben nun erst mal zehn Kurzfilme von jeweils zehn Minuten Länge produziert. Behandelt jede Episode ein anderes Problem der Midlife-Crisis?
Wiesinger: Kann man so sagen. Es geht immer um Verwandlungen und Entwicklungen, die man in seiner Lebensmitte psychisch und physisch so durchmacht: von grauen Haaren bis zur Pflegebedürftigkeit der Eltern. Die Küche von Hannah und Tom ist der Mikrokosmos, in dem sich diese ganzen Dinge entfalten. Oft kommen Gäste vorbei: Verwandte, Freunde, Nachbarn und auch Fremde. Mit denen wird dann ein Problem aufgeworfen. Die Episoden sind schnell, sehr witzig und filmisch auf dem Niveau eines deutschen Kinofilms. Dass die Serie gut aussieht und nicht wie eine schnelle, billige Netzproduktion wirkt, war mir schon sehr wichtig.

 

chilli: Wie sind Sie auf die Inhalte Ihrer zehn Episoden gekommen? Per Brainstorming rund um die Midlife-Crisis?
Wiesinger: Ich habe ich mit einem Autorenteam zusammengearbeitet, das komplett meiner Vision und Sprache folgte. Das hatte nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern damit, dass es künstlerisch immer sinnvoll ist, einer Vision zu folgen – was leider oft nicht beherzigt wird. Die Themen finden sich bei uns im Alltag. Wenn Ben Becker in einer Episode erzählt, dass er nach einem sehr emotionalen Kinderfilm sein Testament gemacht hat, ist das zwar witzig. Aber das entstand aus der Idee heraus, dass ich finde: Jeder, der Kinder hat, sollte ein Testament schreiben, damit nicht der Staat eines Tages bestimmt, was mit ihnen passiert. Oder, weniger dramatisch: Ständig trifft man in meinem Alter Freunde, die sagen, dass sie nichts mehr trinken, weil sie es nicht mehr vertragen. Mit 25 sagt man noch aus Witz, dass man auch Spaß ohne Alkohol haben kann. Mit Mitte, Ende 40 muss man sich ernsthaft Gedanken über das Thema machen, wenn man will, dass der Körper noch länger hält. Die Themen für „Der Lack ist ab“ finden sich in meinem Alter von selbst.

"Der Lack ist ab" - zehn schnelle und überaus unterhaltsame Episoden zur Midlife-Crisis. Hier drehen (von links) Sonja Gerhardt, Kai Wiesinger, Bettina Zimmermann und Benjamin Sadler eine Folge über die Unterschiede zwischen alter und neuer Liebe.

 

chilli: Haben Sie selbst ein Rezept gefunden, um mit der Midlife-Crisis umzugehen?
Wiesinger: Meine Kollegen und ich, die wir gemeinsam an dieser Serie arbeiteten, fanden es vor allem sehr schön, dass wir uns so dem Thema offen und ehrlich gestellt haben. Man darf nicht versuchen, so zu tun, als wäre man noch Mitte 20. Wenn wir nicht mehr denken: „Ach, es wäre schon gut, wenn ich noch ein Sixpack hätte!“ Wie unglaublich befreiend ist es dagegen zuzugeben, dass der normale Mann Ende 40 eben keinen Sixpack hat. Und wenn er ihn trotzdem haben will, ist es wahnsinnig viel Arbeit und es entspricht nicht dem Wunsch seines Körpers. Es entspricht nur einem Schönheitsideal unserer Gesellschaft.

 

chilli: Finden Sie es schwer, diese Dinge zu akzeptieren?
Wiesinger: Ich arbeite daran, und das tut, wie gesagt, ziemlich gut. Es ist für niemanden schön, sich einzugestehen, dass es von nun an mit dem Körper und vielen seiner Leistungen bergab geht. Wir sind in einem Alter, in dem per Definition unserer Gesellschaft definitiv der Lack ab ist. Trotzdem bringt es nichts, die Flinte ins Korn zu werfen. Wir haben vielleicht noch 20, 30 oder 40 Jahre zu leben. Und wir können in dieser Zeit noch viele schöne, sinnvolle Dinge tun. Das ist der Trost. Und eben die Erkenntnis, dass wir nicht alleine sind mit all diesen Problemen.

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © privat; myvideo/ Claudius Pflug
Quelle: teleschau – der mediendienst