Ein reiferes Mädchen

Eben war sie noch die 18-jährige Abiturientin aus Hannover. Jenes Mädchen, in das sich fast alle Deutschen verliebten, weil es Stefan Raabs ESC-Casting aufmischte und den größten Liederwettbewerb der Welt auch noch auf märchenhafte Weise gewann. Ziemlich genau fünf Jahre ist das her, Oslo war der Schauplatz. Großen Höhenflügen müssen steile Abstürze folgen. So lautet das Gesetz des Showbusiness. Lena Meyer-Landrut wird am 23. Mai 24 Jahre alt. Schon 24 Jahre. Erst 24 Jahre? Im Interview zu ihrem neuen Album „Crystal Sky“, das so elektronisch, erwachsen und dunkel klingt, wie keines ihrer Werke zuvor, spricht die Sängerin über das Erbe ihrer Vergangenheit und die Chancen der Zukunft.

Lena klingt auf ihrem neuen Album "Crystal Sky" dunkler und elektronischer.

 

chilli: Sie nennen Ihr neues Album ein „elektronisches Glitzerwerk“. War dieser neue Stil das, was Sie sich vorgenommen hatten?
Lena: Mein großes Ziel ist, dass meine Musik so klingt, wie ich mir das vorher ausgedacht habe. Klingt einfach, ist aber gar nicht so leicht zu bewerkstelligen. Ich arbeitete mit verschiedenen Songwritern und Produzenten. Ich habe auch eine eigene Entwicklung als Songschreiberin durchgemacht. Die Lieder sollten elektronischer, ein bisschen düsterer und emotionaler klingen.

 

chilli: Bereits ihr drittes Album „Stardust“ von 2012 hatte nicht mehr so viel mit dem Eurovision Song Contest und dem zu tun, wofür Stefan Raab musikalisch steht …
Lena: Ja, aber mein letztes Album war dennoch ganz anders als nun „Crystal Sky“. Bei „Stardust“ wollte ich einen erdigen Sound mit richtigen Instrumenten. Der Klang von vielen Leuten, die gemeinsam auf der Bühne stehen. „Stardust“ war sehr von Folk beeinflusst, weil ich das damals super fand. Bei den Aufnahmen zu den neuen Liedern spielte ich den Produzenten eben nicht mehr Mumford & Sons vor, sondern eher Banks oder andere elektronische Sachen.

 

chilli: Sie nennen Namen freiraus, wo andere bekannte Künstler sich eher bedeckt halten. Man will ja nicht mit anderen verglichen werden will. Machen Sie Ihre Musik immer noch aus der Fan-Perspektive?
Lena: Ja, da bewahre ich mir eine gewisse Unverkrampftheit. Ich habe kein Problem, auch bei meinem vierten Album zuzugeben, wenn ich etwas toll finde und es mir gefällt, dass mein Song auch so ein bisschen in diese Richtung geht. Ich denke, das geht den meisten Musikern so. Nur zugeben tut man das ungern.

 

chilli: Ihr Gesang klingt ebenfalls anders: distanzierter, elektronischer. Nehmen Sie eigentlich Gesangsunterricht?
Lena: Nein, auf Gesangsunterricht habe ich keine Lust. Ich denke, meine Stimme veränderte sich in den letzten fünf Jahren einfach. Ich übe auch und versuche, besser zu werden. Was die anstehenden Konzerte betrifft, denke ich, dass ich mir einen Vocal Coach hole. Es ist einfach besser, wenn man vorbereitet singt.

 

chilli: Was antworten Sie mittlerweile auf die Frage nach Ihren Beruf? Musikerin?
Lena: Ja.

 

chilli: Und … das fühlt sich gut an?
Lena: Schon. Ich bin sicher keine Vollblut-Musikerin, die 300 Tage im Jahr auf Tour ist. Ich bewundere so etwas, es wäre mir aber zu anstrengend. Ich sage, dass ich Musikerin bin und noch andere Dinge machen darf, die dieses Leben so mit sich bringen. Davon tue ich ein paar Dinge, die ich gut finde (grinst).

 

chilli: Nach dem Wahnsinn rund um Ihren Sieg beim Eurovision Song Contest hatten Sie auch Ihre Tiefpunkte. Würden Sie sich heute als glücklich bezeichnen?
Lena: Ich bin heute sehr glücklich und glaube rückblickend: Mir konnte nichts Besseres passieren als diese ESC-Geschichte! In keinem anderen Beruf wäre ich so erfolgreich gewesen wie mit dem, was ich in den letzten vier, fünf Jahren gemacht habe. Ich hatte einfach ein Schweineglück. Dass es in jedem Job Dinge gibt, die man nicht so richtig geil findet, ist normal. Man muss sich eben manchmal zusammenreißen, um das Ganze, was ja zumindest meine Leidenschaft ist, genießen zu können.

 

chilli: Was stört Sie am meisten im Showbusiness?
Lena: Wenn ich jetzt sage: das-in-der-Öffentlichkeit-stehen, wäre dies nicht ganz richtig. Eine öffentliche Person zu sein, hat Vor- und Nachteile. Ein Nachteil ist, dass man nicht unerkannt auf die Straße gehen oder in den Urlaub fahren kann. Vor allem, wenn man krank ist, kann ich das nicht so gut ab. Aber es gibt auch Vorteile …

 

chilli: Zum Beispiel?
Lena: Wenn ich nicht bekannt wäre, könnte ich all die Sachen, die mir Spaß machen, nicht tun.

 

chilli: Womit wir bei den Dingen wären, die Ihnen am meisten Spaß machen …
Lena: Auf der Bühne stehen, in Fernsehshows sitzen, durch die Welt reisen, Foto-Shootings, geschminkt werden …

Auch ein Mädchenwunder wird älter. Am 23. Mai feiert die Wahl-Kölnerin Lena ihren 24. Geburtstag.

 

chilli: Also Mädchenträume?
Lena: Klar, alles voll Mädchen. Ist doch cool!

 

chilli: Können Sie sich an den Moment erinnern, in dem Sie am meisten an Ihrer öffentlichen Rolle zweifelten?
Lena: Es gab nie diesen einen bestimmten Moment. Ich war natürlich manchmal sauer. Ich bin ohnehin ein Typ, der eher so eine kurzlebige Miniwut entwickelt, anstatt langfristig zu verzweifeln. Meistens bin ich ein positiver, gut gelaunter Mensch. Ich finde, unsere Zeit auf der Erde ist viel zu kurz, um ständig schlecht drauf zu sein.

 

chilli: Nach dem unglaublichen Hype um Lena, die ESC-Siegerin, konnte es nur einen Absturz geben. Auch wenn der vorhersehbar war, trifft es einen nicht trotzdem ungemein, wenn man plötzlich überall in die Pfanne gehauen wird?
Lena: Klar tut das weh. Ich glaube auch, dass ich das aus eigener Kraft nicht begriffen hätte. Ich hatte aber das Glück, dass mich Leute vorher darauf hingewiesen haben, was passieren würde. Man braucht diese Erfahrung am eigenen Leib, um mit so etwas umgehen zu können. Wenn 5.000 Leute, die du alle nicht kennst, auf einmal sagen, es ist scheiße, was du da machst, ist es erst mal krass.

 

chilli: Was tun Sie, um die Kritik nicht zu sehr an sich ranzulassen. Aufs Lesen verzichten?
Lena: Da würde ich jetzt lügen. Ich bin selbst der beste Kunde von Klatschseiten im Internet. Da ich selbst total gern all den Quatsch über Promis lese, kann ich jetzt nicht jammern, wenn auch mal etwas über mich drinsteht. Ich bin voll das Gossip-Opfer. Sie können mich alles fragen, was in der Trashwelt los ist, da bin ich erster Ansprechpartner (lacht). Ich habe über die Jahre gelernt, Sachen, die da über mich stehen, komplett an mir vorbeiziehen zu lassen. Vor allem, wenn sie nicht stimmen.

 

chilli: Trotzdem ist jeder Mensch verletzlich. Gibt es einen Mechanismus, wie man sich schützen kann?
Lena: Es ist einfach nur ein Lernprozess, den man da durchläuft. Man muss lernen, dass solche Gerüchte keine Bedeutung haben. Man gewöhnt sich daran, so wie sich eine attraktive Blondine auf der Straße irgendwann daran gewöhnt, dass ihr Kerle hinterher pfeifen. Am Anfang regt man sich vielleicht noch über die Distanzlosigkeit auf. Irgendwann überhört man die dummen Sprüche einfach. Und das mit dem Überhören kann ich mittlerweile ganz gut.

 

chilli: Gibt es Dinge, die Sie vermissen – aus der Zeit, als noch niemand Lena Meyer-Landrut kannte?
Lena: Ja, schon ein paar. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, im Sommer mal an den See fahren zu können. Könnte ich natürlich, mach’ ich aber nicht. Ich habe keine Lust, dass mich Leute im Bikini fotografieren. Trotzdem muss man aufpassen, nicht paranoid zu werden. Ich würde nicht darauf verzichten, in den Zoo zu gehen, wenn ich es will. Dann fotografieren mich dort eben 30 Leute. In Deutschland ist es ja nun nicht so, dass an jeder Ecke Paparazzi lauern oder Menschenmassen ausflippen, nur weil ein Promi vorbeikommt. Das ist nicht unsere Mentalität.

 

chilli: Sie könnten sich ja auch tarnen: Haare hochstecken, Sonnenbrille auf. Machen Sie so etwas?
Lena: Ach, so was ergibt keinen Sinn. Die Leute erkennen mich trotzdem. Natürlich könnte ich mir den Hut tief ins Gesicht ziehen, Sonnenbrille auf und dann noch einen Schal bis unter die Nase binden. Dann würde ich allerdings so bescheuert aussehen, dass ich deshalb fotografiert werden würde. Weil ein Vollidiot unterwegs ist …

 

chilli: Sie werden bald 24 Jahre alt. Haben Sie das Gefühl, sich so langsam aus dem ganz jungen Lebensalter heraus zu entwickeln? Fühlen Sie eine größere Ernsthaftigkeit?
Lena: Ich würde sagen, dass es für mich emotional keinen Unterschied macht, ob ich 20 oder 24 Jahre bin. Ich könnte auch noch gut 20 sein. Ich glaube nicht, dass ich mal Angst davor bekomme, älter zu sein. Noch vor 15 oder 20 Jahren galt man mit 30 als seriöser Erwachsener. Das ist heute total anders. Eine meiner besten Freundinnen ist 36. Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen uns.

Ihre Berufsbezeichnung? Lena hat nach Produktion ihres vierten Albums kein Problem mehr damit, sich Musikerin zu nennen.

 

chilli: Sind Ihnen inzwischen nicht andere Sachen wichtig als vor vier Jahren?
Lena: Es gibt ein paar Dinge. In Sachen Geschäft bin ich sicher ernsthafter geworden. Damals interessierte mich das alles nicht. Heute weiß ich, dass ich mich um meine Arbeit kümmern muss. Ich verstehe und akzeptiere heute, dass ich auf gewisse Art auch ein Business-Modell bin, über das ich mir Gedanken machen muss und will.

 

chilli: Wenn Sie heute auf Ihre ersten Auftritte bei Stefan Raabs Casting für den ESC zurückblicken – verstehen Sie dann besser, warum sich damals ganz Deutschland in dieses Mädchen verliebte?
Lena: Ich glaube, verstehen kann man das selbst nicht. Ich habe Dinge gelesen, die andere Leute über mich schrieben, und kann sie zum Teil nachvollziehen. Ich war damals total unvoreingenommen. Das gefiel den Leuten. Ich verbreitete eine Leichtigkeits-Stimmung. Das traf vielleicht irgendeinen Nerv oder Zeitgeist.

 

chilli: Sie meinen, dass damals keine medienkonforme Persönlichkeit auf der Bühne stand, sondern jemand, der spielerisch war? Haben genau das damals viele Menschen instinktiv verstanden?
Lena: Ja, das könnte sein. Aber wie gesagt, mir ist klar, dass ich Riesenglück hatte. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am für mich richtigen Ort. Wenn ich jetzt noch mal 18 wäre, mit der Erfahrung von heute, würde ich wahrscheinlich all diese Dinge nicht tun, die die Leute damals toll fanden.

 

chilli: Gibt es etwas, das Sie bereuen?
Lena: Nein, nicht wirklich. Nur, dass mir mal jemand hätte sagen können, dass es nicht notwendig ist, seinen vollen Namen zu nennen. Wenn mich heute jemand fragt, was er tun soll, bevor er zu einer Casting-Show geht, würde ich antworten: „Papp dir einen schönen Künstlernamen auf die Stirn, aber sag nie deinen eigenen!“ Weil jeder meinen vollen Namen kennt, habe ich Probleme mit der Post, meiner Wohnung und so weiter. Außerdem kann natürlich jeder wie bescheuert nach Infos graben – in meiner kompletten Familiengeschichte. Das hätte ich mir alles ersparen können, hätte ich mich beispielsweise Lena Mai genannt.

 

chilli: Wovon träumen Sie in Ihrem Leben?
Lena: Von ganz vielen Dingen: Musik machen, vielleicht Schauspiel, Reisen, Familie. Ich bin nicht so jemand, der sagt: „Ey, ich habe den ESC gewonnen, was soll jetzt noch kommen?“ Das ist auch nicht der größte Traum, der sich jemals in meinem Leben erfüllte. Es war nur eine Sache …

 

chilli: Es ist auch ein Traum mit wenig Nachhaltigkeit. Wenige Dinge sind so kurzlebig groß und danach so schnell vergessen wie der ESC.
Lena: Genau, so sehe ich es auch. Deshalb habe ich ganz viele andere Wünsche, die manchmal auch extrem klein sind: einen bestimmten Film gucken, mal am Strand reiten oder ähnliches. Es gibt auf jeden Fall ganz viel Leben bei mir – nach dem ESC.

 

Text: Max Trompeter / Fotos:
Quelle: teleschau – der mediendienst