Feiern mit den Freaks

Linkin Park sind eine Band der Superlative: 50 Millionen Alben hat die amerikanische Rockband verkauft. Sie haben zwei Grammys im Regal stehen, sind mit mehr als 63 Millionen „Likes“ die beliebteste Band auf Facebook und ihr letztes Album „Living Things“ schaffte es in 17 Ländern an die Spitze der Charts. Allerdings schieden sich daran auch die Geister: Mit dem Elektro- und Dubstep-Sound konnte so mancher Fan der ersten Stunde nichts anfangen. Auf ihrem sechsten Album „The Hunting Party“ schlagen Linkin Park nun wieder deutlich härtere Töne an: Rock trifft auf Metal- und Thrash-Einflüsse. Gitarrist und Co-Songschreiber Mike Shinoda spricht im Interview über Ausverkaufsvorwürfe, alte und neue Wut und Linkin Parks ehrenamtliches Engagement.

Linkin Park sind eine Mainstream-Rock-Band - biederten sich aber niemals an: Die Leute "mochten unsere Musik einfach. Und dafür kann ich sie ja nicht hassen", sagt Mike Shinoda (dritter von rechts).

 

chilli: Ihr neues Album klingt wieder härter als seine Vorgänger. Wollten Sie einen Teil Ihrer neueren Pop-Fans wieder loswerden?
Mike Shinoda: Wir wollten auf jeden Fall wieder eine Rock-Platte machen. Wissen Sie, generell mag ich Indie-Musik und all diese Gute-Laune-Tanz-Elemente, die gerade ihren Weg in die Rock-Musik finden. Aber so langsam habe ich die Nase einfach voll davon. Der Alternative-Rock-Radio-Sender in Los Angeles spielt Avicii, Mumford & Sons und Lorde. Das ist doch kein Rock! Wir wollten mit diesem Album das Gleichgewicht in der Rockmusik wieder herstellen – mit Songs, die aggressiv, heavy und wütend sind.

 

chilli: Was macht Sie persönlich wütend?
Shinoda: Früher, vor 15 Jahren, waren wir eher wütend, weil wir das Gefühl hatten, die Dinge nicht unter Kontrolle zu haben. Die Eltern, die Lehrer oder der Boss wollten ständig, dass man gewisse Dinge tut. Selbst unsere Plattenfirma nervte uns manchmal. Für uns drehte sich alles um uns selbst. In gewisser Weise waren wir damals ziemlich egoistisch. Aber so ist es eben, wenn man Teenager ist, die Hormone sind außer Kontrolle, und in einem drin ist alles chaotisch. Mittlerweile machen uns eher Dinge wütend, die wir in den Nachrichten hören, die unsere Familien oder unsere Gesellschaft beeinträchtigen.

 

chilli: Zum Beispiel?
Shinoda: Wenn ich von Menschenhandel oder Sexsklaverei lese. Allein die Tatsache, dass das in unserer modernen Welt noch passiert, macht mich wütend. Übrigens sagen einige, dass Sklaverei heutzutage weiter verbreitet sei als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Das regt mich wirklich auf. Zu gerne würde ich etwas dagegen unternehmen, aber ich fühle mich oft frustriert, weil es so ein komplexes Thema ist und es scheint, als könne man nichts machen.

Linkin Park engagieren sich für viele gute Zwecke: "Wir sind nun mal in der glücklichen Position, dass wir den Zugang zu Menschen haben, die etwas verändern können", erklärt Mike Shinoda (vorne links).

 

chilli: Finden solche Themen auch den Weg in Ihre Texte?
Shinoda: Auf subtile Weise, ja. Unsere Songs entstehen oft über Monate und haben mehrere Ebenen. Nehmen wir zum Beispiel mal „Guilty All The Same“. Sowohl ich als auch Chester, unser Gitarrist Brad und der Rapper Rakim, der in dem Song einen Gastauftritt hat, trugen zu dem Text bei. Der eine war wütend, dass die Regierung schlecht mit den Menschen umgeht, der andere hatte einen Kumpel, der von einem Arbeitgeber übel behandelt wurde und der letzte war sauer, weil sich ein Freund als Lügner entpuppt hatte. All diese Dinge türmen sich dann zu einem Song auf.

 

chilli: Wenn man sich die Songtitel und Texte auf dem Album genauer anschaut, entsteht ein sehr apokalyptisches Bild von unserer Welt …
Shinoda: Apokalyptisch würde ich nicht sagen. „A Thousand Suns“ war apokalyptisch. Dieses Album ist eher reaktionär oder rebellisch. Wobei rebellisch vielleicht auch das falsche Wort ist. Es geht ums Kämpfen. Für etwas oder gegen etwas. Wir greifen das Ethos unserer liebsten Punk-Rock-, Hardcore und Metal-Alben auf. Als ich in der High School war, waren viele meiner Lieblingsbands straight edge. Ich hörte sehr experimentelles und komisches Zeug. Und sobald eine meiner Lieblingsbands zu sehr Mainstream wurde, sobald die Cheerleaderinnen und Football-Spieler einen Aufnäher von ihnen auf dem Rucksack hatten, mochte ich die Band weniger.

 

chilli: Und heute spielen Sie selbst in so einer Band: Mit Linkin Park sind Sie längst im Mainstream angekommen. Fühlen Sie sich wohl damit?
Shinoda: Damit mussten wir uns schon vor einiger Zeit abfinden. Es gab Momente, Anfang des Jahrtausends, in denen ich auf der Bühne stand, ins Publikum blickte und dachte „Scheiße, diese Leute sind hier, und ich bin in dieser Band“. Aber wir versuchten ja nie, ihnen zu gefallen. Sie mochten unsere Musik einfach. Und dafür kann ich sie ja nicht hassen. Es ist doch gut, wenn sie unsere Musik mögen und mit den Heavy-Metal-Kids, den Rap-Kids und den Freaks zusammen feiern.

"Wir wollten mit diesem Album das Gleichgewicht in der Rockmusik wieder herstellen - mit Songs, die aggressiv, heavy und wütend sind": Linkin-Park-Gitarrist Mike Shinoda (zweiter von links) über "The Hunting Party", das neue Album seiner Band.

 

chilli: Dank Ihres Erfolgs haben Sie immerhin auch die Möglichkeit, Projekte wie die bandeigene Non-Profit-Organisation „Music For Relief“ ins Leben zu rufen. Seit 2005 sammelten Sie über sechs Millionen US-Dollar für Umweltprojekte und Opfer von Naturkatastrophen.
Shinoda: Ja, das ist das Tolle am Erfolg. Wir können unsere Beziehungen für solche Dinge nutzen. Jeder von uns hat Vorurteile im Kopf, deswegen ist es wichtig, den Leuten einfach mal in die Augen zu sehen und zu realisieren, dass wir alle Menschen sind. Egal, wie unterschiedlich wir sind, aus welcher Kultur wir kommen oder welchen ethnischen Gruppen wir angehören. So viel uns unterscheidet, so viel haben wir auch gemeinsam. Und man kann sich durchaus annähern, ob nun im Rahmen eines Konzerts oder auf komplexeren Ebenen, zum Beispiel die Sachen, die wir mit „Music For Relief“ machen.

 

chilli: Zusätzlich haben Sie selbst auf Haiti die Recycling-Firma Sustainable Recycling Solutions gegründet. Was hat es damit auf sich?
Shinoda: Nach dem Erdbeben arbeiteten wir mit „Music For Relief“ auf Haiti. Dafür taten wir uns mit einer Firma zusammen, für die zufällig ein Schulfreund von mir arbeitet. Er erzählte mir von den Problemen auf Haiti: 75 Prozent der Leute sind dort arbeitslos, über 50 Prozent sind Analphabeten und außerdem ist Cholera ein großes Problem. Die meisten Menschen erkranken, weil das Trinkwasser verschmutzt ist. Und das passiert, weil die Wasserquellen voll sind mit Müll. Wenn man also den Müll recycelt, wird das Wasser sauberer und beschäftigen kann man für den Job auch Menschen, die Analphabeten sind.

 

chilli: Und das Recycling funktioniert?
Shinoda: Ja! Im ersten Jahr recycelten wir 3,5 Millionen Pfund Plastik und stellten 30 Leute ein. Das Plastik verkaufen wir an Firmen, die daraus neue Flaschen, Klamotten, Spielzeug oder Möbel machen. Wir haben sogar schon ein paar Linkin-Park-Merchandise daraus machen lassen: Trikots und Rucksäcke. Für einen Rucksack braucht man 50 Flaschen, das ist also sehr produktiver Weg, um etwas Neues aus dem Müll zu machen.

 

chilli: Was treibt Sie an? Der Wunsch, die Welt zu verändern?
Shinoda: Für eine lange Zeit glaubte ich nicht, dass ich das könnte. Ich mochte es nicht, wenn Musiker oder Schauspieler plötzlich Advokaten wurden, denn meistens taten sie es nur für die Presse, damit ihr Name auftaucht. Aber eines Tages waren wir in Afrika und trafen Leute von der UN. Ihnen erzählte ich, wie blöd ich mich fühle, wenn ich mich mit Botschaftern und Politikern treffe und am Ende nichts dabei herumkommt. Sie antworteten, dass es nur blöd ist, wenn Veränderung nicht mein echtes Ziel ist. Dass es sich lohnt, solange man die Aufmerksamkeit der Leute auf etwas stößt, dass gemacht werden muss. Und wir sind nun mal in der glücklichen Position, dass wir den Zugang zu Menschen haben, die etwas verändern können.

 

chilli: So sehr Sie sich engagieren, sind Sie andererseits in kommerzielle Deals verstrickt: Ihre Single „Guilty All The Same“ präsentierten Sie exklusiv über Shazam, mit Microsoft entwickelten Sie in Anlehnung an das X-Box-Spiel „Project Spark“ ein interaktives Musikvideo. Wo setzen Sie Ihre Grenzen?
Shinoda: Nun ja, unsere Intention bei diesen Projekten ist stets, Partnerschaften mit Firmen aufzubauen, die Mittel und Möglichkeiten haben technische Innovationen voran zu treiben. Shazam wird meiner Meinung nach eine große Rolle in der Zukunft der Musik spielen. Und mit „Project Spark“ können Nutzer Ihre eigenen Spiele entwickeln – ich wünschte so etwas hätte es gegeben, als ich ein Kind war. Deswegen wollten wir Teil davon sein. Manchmal kann man das eine übrigens auch mit dem anderen verbinden: Für Facebook zum Beispiel haben wie ein Spiel namens „Recharge“ entwickelt. Darin kann man Zeug für seine Charaktere kaufen, und Teile von dem Geld gehen an „Music For Relief“. Wir machen das alles also nicht, um unser Bankkonto zu füllen. Es geht uns drum, etwas zu bewegen.

 

chilli: Geld haben Sie vermutlich sowieso genug, oder?
Shinoda: Ich denke schon.

 

Text: Nadine Lischick / Fotos: © Brandon Cox / Warner
Quelle: teleschau – der mediendienst