spielt die Hauptrolle in „Men & Chicken“ (Kinostart: 2. Juli) „Wir spielen immer schon Gott“

Bereits zum vierten Mal spielt Mads Mikkelsen in einem Film von Anders Thomas Jensen mit. „Men & Chicken“ heißt ihr neues Werk und ist eine groteske Brüdermär von Wahnsinn und Sodomie. „Sehr poetisch“ findet das der dänische Schauspieler im Interview.

Dänemarks schönster Mann trägt jetzt Hasenscharte und Lockenpracht: Mads Mikkelsen ist in "Men & Chicken" kaum wiederzuerkennen.

 

„Ich bin gleich soweit“, ruft Mads Mikkelsen (49, „Casino Royale“, „The Salvation“) lässig in den Raum. „Ich rauche nur noch schnell auf.“ Kurz darauf ist die Kippe aus, der Däne schlendert auf seinen Platz, bestellt eine „richtige“ Coke und beantwortet die Fragen zu seinem neuen Film „Men & Chicken“ (Kinostart: 2. Juli) wie eine Schnellfeuerpistole. In Anders Thomas Jensens groteske Familienmär spielt der schönste Mann Dänemarks Elias, einen von fünf Brüdern, denen die Natur nicht die besten Karten für das Spiel des Lebens mitgegeben hat – sowohl mental als auch äußerlich. Auf einer einsamen Insel müssen sie sich zusammenraufen. Was die erwachsenen Männer, die sich wie Kleinkinder benehmen, wörtlich nehmen – in einer makabren Gesellschaftsanalyse, die das Wesen der Zivilisation erkundet.

 

chilli: Sie haben in den letzten Jahren überall auf der Welt gearbeitet: Wie war es, wieder nach Hause nach Dänemark zu kommen?
Mads Mikkelsen: Es war eine Erleichterung – nicht so sehr, wegen der Arbeit im Ausland. Vielmehr freute ich mich, dass sich Anders Thomas Jensen endlich aufgerafft hat, ein neues Drehbuch über sein düsteres, aber magisches Universum zu schreiben.

 

chilli: Was haben Sie gedacht, als er Ihnen seine Idee von fünf Brüdern vorstellte, die Ihre einzigen sexuellen Erfahrungen mit Tieren machen?
Mikkelsen: (lacht) So hat er mit seine Filmidee nicht erklärt. Er war in seiner Wortwahl etwas drastischer. Mir war es ohnehin egal, ich hätte jeden Film mit ihm gemacht. Wie niemand sonst kann er eine eigene Welt erschaffen, die in meinen Augen sehr poetisch ist, und in der er sich mit den größten Fragen unserer Existenz, mit Gott und dem Teufel, mit Leben und Tod beschäftigt – ohne dabei prätentiös zu werden. Er sucht seine Antworten in einem völlig verrückten Kosmos, der bevölkert wird von skurrilen Figuren. Bei ihm gibt’s kein Küchentischdrama, sondern eine Art magischen Wahnsinn: Deswegen kann er sich in seinen Filmen im Prinzip alles erlauben.

Mads Mikkelsen (links) und David Dencik kratzen in "Men & Chicken" den Lack von der Zivilisation ab.

 

chilli: Ein Wahnsinn, der seinen Filmen die Schwere nimmt …
Mikkelsen: Genau. Mich freut immer wieder, wie gut Anders Thomas Jensen den großen und wichtigen Themen eine leichte, schwarzhumorige Seite abgewinnt. Niemand sonst macht das so konsequent wie er, auch wenn man vielleicht ein paar Parallelen zu den Coen-Brüdern oder David Lynch entdecken kann. In „Men & Chicken“ machen die Figuren die wildesten Sachen, die in der Realität nicht komisch sind. Aber weil sie in einer eigenen Welt leben, ist es dann doch witzig. Sie benehmen sich wie Kinder und sind völlig lächerlich – aber wir nehmen sie ernst, weil sie uns einen Spiegel vorhalten, in dem wir uns selbst entdecken und trotzdem lachen können.

 

chilli: Wie sind Sie die Rolle angegangen? Als Komödiant?
Mikkelsen: Natürlich wusste ich, dass der Film ein Heidenspaß werden würde. Aber Komik und Slapstick sind nicht um ihrer selbst willen da, sie entwickeln sich heraus aus der absurden Situation, in der die Brüder stecken. Bei den Dreharbeiten waren wir alle unheimlich seriös und haben eine Menge guter Pointen weggelassen, um die Figuren ernstzunehmen.

"Im Grunde sind diese Brüder im Geiste Fünfjährige - und benehmen sich auch so", freute sich Mads Mikkelsen (rechts, im Bild mit Nicholas Bro) über seine groteske Rolle.

 

chilli: Trotzdem brauchten Sie ein gutes Timing.
Mikkelsen: Die Sache mit dem Timing in Komödien ist schwierig. Man kann es nur zu einem gewissen Grad üben. Aber wenn man seine Figur ernst nimmt, dann kommt es von ganz allein.

 

chilli: Ihre Figur Elias ist eher minderbemittelt und und ein Trampel: das komplette Gegenteil Ihrer Titelrolle in „Hannibal“, diesem gebildeten, eleganten Kannibalen …
Mikkelsen: Elias würde Ihnen sicher widersprechen, er kennt sich zumindest in Geschichte gut aus. Die Herausforderung, ihn zu spielen, ist aber genauso groß wie bei Hannibal Lecter. „Men & Chicken“ ist ein ziemlich wilder Genremix und Elias in dieser Welt eine Art fliegender Superheld. Das ist genauso schwierig zu spielen, wie Japanisch und Italienisch und die ganzen anderen verdammten Sprachen zu sprechen, die Hannibal Lecter beherrscht.

 

chilli: Ist Elias für Sie eine Märchenfigur?
Mikkelsen: Im Gegenteil, er ist sehr real, und es stecken auch eine Menge meiner persönlichen Erfahrungen in ihm. Vor allem die, die ich mit Anders Thomas Jensens Kindern mache. Die vier sind großartig, aber auch echte Rabauken. Sie streiten sich ständig, heulen, feixen, vertragen sich, und dann geht’s wieder von vorne los. Ich liebe sie wie meine eigenen Kinder – aber sie sind ein echter Albtraum (lacht). Elias ist in seinem Kopf auch ein Kind, das nach Aufmerksamkeit schreit. Niemand mag ihn, weil er so nervig ist. Dabei will er nur von seinem Bruder geliebt werden.

Vorliebe für düstere Figuren: Mads Mikkelsen spielte drei Jahre lang Dr. Hannibal Lecter in der NBC-Serie "Hannibal". Die Show wurde abgesetzt, aber "Vielleicht findet sich ja noch ein Sender, der sie übernimmt", hofft der Däne.

 

chilli: Wie ist es denn bei Ihnen zu Hause? Streiten sich Ihr Sohn und Ihre Tochter nicht?
Mikkelsen: Natürlich streiten sie sich, aber nicht so. Sie sind zivilisiert. (lacht)

 

chilli: In „Men & Chicken“ geht es auch um Genmanipulation: Sollten wir Menschen Gott spielen?
Mikkelsen: Das kommt darauf an, ob wir an Gott glauben. Wenn Er es kann, warum sollten wir nicht auch Gott sein? Oder einfach eine Neuwahl machen und jemanden finden, der den Job besser macht. Wir spielen doch immer schon Gott. Wir besiegen den Krebs, zwei Männer können Kinder aus ihren eigenen Genen bekommen, wir versuchen ganze Kontinente mit neuen Pflanzenarten vor dem Hunger zu bewahren. Die Genetik kann so viel Gutes für die Menschheit und den Planeten tun, aber sie kann uns auch zerstören. Bei wissenschaftlichen Errungenschaften kommt es immer darauf an, wofür man sie einsetzt.

Als Bond-Gegenspieler Le Chiffre wurde Mads Mikkelsen 2006 in "Casino Royale" zum Weltstar. Sein Leben habe sich dadurch aber nicht verändert, beteuert er.

 

chilli: Im nächsten Jahr können sie Ihr Jubiläum als Schauspieler feiern: Sind Sie zufrieden mit Ihrer dann 20-jährigen Karriere?
Mikkelsen: Ehrlich? Lassen Sie mich kurz nachrechnen … Sie haben recht. Ich habe darüber noch gar nicht nachgedacht. Im Herbst werde ich 50, die meisten Schauspieler haben in dem Alter viel mehr Dienstjahre auf dem Buckel. Ich fing ja relativ spät an, aber bereue nichts. Schauspieler zu sein ist der beste Job auf der Welt – wenn man nicht wie 95 Prozent der Schauspieler keine Arbeit hat.

 

chilli: Hat „Casino Royale“ (2006) im Rückblick Ihr Leben verändert?
Mikkelsen: Es war nur eine Rolle von vielen. Zum Glück änderte sich an meinem Leben nichts. Ich glaube, dass kein Film und keine Rolle das Leben verändern sollte und hoffe doch sehr, dass ich über mein Leben selbst bestimmen kann. Für die Karriere war der Bond-Film natürlich nicht so schlecht.

 

chilli: Als international gefragter Schauspieler kommen Sie viel rum: Wo haben Sie die größten Unterschiede im Vergleich zu Dänemark erlebt?
Mikkelsen: In Europa und Nordamerika teilen wir eine Menge Werte wie unser Demokratieverständnis und die Menschenrechte. Den größten Kulturschock erlebte ich in Indien. Dort wird das Leben anders wertgeschätzt, und die Menschen gehen anders miteinander um. Am Set arbeiteten Menschen, die extrem arm waren, während wir abends in unser 5-Sterne-Hotel gefahren wurden. Das war völlig absurd. Wir fühlten uns alle wie Idioten. Ich arbeite gerne in Dänemark – mit meiner Sprache und mit meinen Geschichten. Es ist mein Zuhause. Mittlerweile könnte ich das aber auch über Toronto sagen.

 

Text: Andreas Fischer
Fotos: © DCM / Anders Overgaard / Rolf Konow / DCM / Studiocanal / Sony Pictures