„Das Olympische Dorf ist wie ein goldener Käfig“

„Gold-Lena“! – Einen besseren Spitznamen für Ex-Biathletin Magdalena Neuner gibt es nicht. 2010 stand sie bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver gleich zweimal ganz oben auf dem Siegertreppchen, zwölf Weltmeistertrophäen stehen in den heimischen Regalen in Wallgau. 2012 beendete die mehrfache Sportlerin des Jahres ihre Karriere. An sportlichen Ruhestand kann sie aber noch lange nicht denken, zu groß ist das öffentliche Interesse an ihrer Person. Für die ARD steht die 26-Jährige beim „Star Biathlon 2014“ (Samstag, 01.02., 20.15 Uhr) neben Matthias Opdenhövel als Co-Moderatorin vor der Kamera. Bei den Olympischen Spielen in Sotschi (Freitag, 07.02., bis Sonntag, 23.02.) unterstützt die werdende Mutter das Erste und den Bezahlsender Sky als Expertin. Ein Gespräch über ihren Rücktritt, die Olympischen Spiele und ihre Sorgen um den Biathlon-Sport.

"Die Wichtigkeit, die Bedeutung von Olympia hat am Schießstand nichts zu suchen": Um sich ganz auf ihren Sport zu konzentrieren, engagierte Magdalena Neuner extra einen Mentalcoach.

 

chilli: Frau Neuner, was müssen die Prominenten für den „Star Biathlon“ mitbringen?
Magdalena Neuner: In der Loipe braucht es auf alle Fälle eine gewisse Grundphysis, etwas Geschicklichkeit kann auch nicht schaden. Das Fehlen der Kanten bei den Langlaufskiern stellt für Neulinge zudem eine große Herausforderung dar, ungeübte Fahrer werden da ihre Probleme bekommen und sich womöglich über die Piste quälen.

 

chilli: Wie hoch ist die Sturzgefahr für Anfänger?
Neuner: Es wird auf jeden Fall Stürze geben. Die Selbstüberschätzung, wenn eine Runde gut überstanden ist, verleitet die Fahrer automatisch zu Fehlern. Dennoch ist es immer eine persönliche Sache, was man sich selbst zutraut. Eine Portion Mut gehört aber schon dazu.

 

chilli: Und neben der Courage, sich den Abhang runterzustürzen …,
Neuner: …kann ein einmal im Jahr absolvierter Skiurlaub zumindest nicht von Nachteil sein (lacht).

 

chilli: Sie waren im Januar beim Weltcup in Ruhpolding, im Februar mischen Sie beim „Star Biathlon“ mit und bald auch bei den Winterspielen in Sotschi: So ganz vom Biathlon loslassen können Sie ja nicht, oder?
Neuner: Könnte ich schon – wenn es nach mir ginge, aber die Nachfrage nach meiner Person ist nach wie vor sehr groß. Biathlon war einfach eine lange Zeit ein großer Teil meines Lebens, den ich aber auch nicht missen und vergessen möchte.

 

chilli: Ihre Expertenmeinung ist für einige sicher Gold wert …
Neuner: In Sotschi begleite ich die ARD aber nicht als Biathlon-Expertin, sondern als eine Art Reporterin, die zum Beispiel Hintergrundberichte über russische Familien erstellt. Da geht es nicht primär um den sportlichen Aspekt der Spiele. Für Sky ist meine Aufgabe zwar etwas sportlicher, aber auch nicht der klassische Expertenjob.

 

chilli: Startet jetzt ihre große TV-Karriere?
Neuner: Seit zwei Jahren wehre ich mich einigermaßen erfolgreich dagegen, etwas im Fernsehen zu machen. Meine jetzige Situation ist ja ganz angenehm: Ich bin freiberuflich, kann mir eigentlich aussuchen, was ich möchte. Und im Mai kommt mein Baby, da ändert sich sowieso alles für mich, der Beruf wird zurückstecken müssen. Deswegen wird es in näherer Zukunft auch keinen festen Job im Fernsehen geben. Was in drei oder vier Jahren ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich bin aber auch nicht so von meiner Karriere besessen, dass ich überall mitmachen muss.

 

chilli: Wie beurteilen Sie die Chancen der Biathletinnen in Sotschi?
Neuner: Ganz gut, mit dem Team haben die Damen die Möglichkeit, auf dem Podest zu landen. Ihre Formkurve zeigt auf jeden Fall nach oben, in der Staffel sind sie ziemlich stark.

"Die Erfolge und Medaillen, die Siegerehrungen, die Nationalhymne ? Solche Gedanken existieren": Magdalena Neuner denkt gerne, aber ohne Wehmut an ihre Karriere zurück.

 

chilli: Haben Sie keine Bedenken, dass Sie vor Ort wehmütig werden könnten?
Neuner: Nein, meine Rücktrittentscheidung überlegte ich mir damals ja gut, das war nicht von heute auf morgen. Ich dachte zwei Jahre intensiv darüber nach und arbeite immer noch mit einem Mentalcoach zusammen, mit dem ich meine Gedanken und Absichten bespreche. Daher bin ich mir meiner Sache sehr sicher. Aber Erinnerungen werden garantiert an meine eigenen Olympischen Spiele hochkommen. Die Erfolge und Medaillen, die Siegerehrungen, die Nationalhymne … – Solche Gedanken existieren. Das ist auch richtig und muss so sein. Ich möchte nicht vergessen, was ich erleben durfte. Es war eine super tolle Zeit, aber das hat wenig mit Wehmut zu tun.

 

chilli: Träumen Sie nachts vom Sport?
Neuner: Nein. Nach meinem Karriereende gab es vielleicht kurz ein oder zwei kleinere Träume, aber das ist schon längst vorbei. Während der letzten Monate meiner Karriere stellte ich mich auf die Zeit danach ein und trat so völlig befreit in den sportlichen Ruhestand.

 

chilli: Ihre Kollegin Evi Sachenbacher-Stehle schulte sich noch im Alter von 33 Jahren von einer reinen Langläuferin zur Biathletin um. Ist man für diesen Sport also nie zu alt?
Neuner: Dadurch, dass Evi durch das Langlaufen bereits zur Hälfte Biathletin ist, bringt sie die nötige Körperlichkeit mit. Beim Schießen kommt es vor allem auf die mentale Stärke an, und dafür ist man nie zu alt.

 

chilli: Wie geht man mental an eine Sportgroßveranstaltung wie die Winterspiele heran?
Neuner: Immer versuchen, im Kopf auszuschalten, dass gerade Olympia ist. Einfach versuchen, Spaß am Moment zu finden, sein Bestes zu geben und auch umzusetzen.

 

chilli: Lässt sich da wirklich so einfach ein Schalter umlegen?
Neuner: Dafür gibt es eben den Mentalcoach (lacht). Ich betone immer wieder gerne, wie wichtig die eigene mentale Stärke ist. Natürlich kann man darüber den ganzen lieben langen Tag nachdenken, dass man sich gerade bei den Olympischen Spielen befindet. Aber man sollte sich auf seinen Sport konzentrieren und sich nicht reinsteigern. Die Wichtigkeit, die Bedeutung von Olympia, hat am Schießstand nichts zu suchen.

 

chilli: Haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt, selbst einmal Mentaltrainerin zu werden?
Neuner: Ich habe darüber nachgedacht, aber so leicht ist das nicht. Da muss man unglaubliches Können vorweisen. Einfach hinstellen und von seinen Erfahrungen erzählen, das reicht nicht aus. Mein Mentalcoach hat sich 14 Jahre lang Techniken angeeignet – diesen Job darf und sollte keiner unterschätzen.

 

chilli: Wie steht es um einen normalen Trainerjob?
Neuner: Ich möchte in Zukunft mit Kindern arbeiten, den Trainerschein besitze ich bereits. Kindern und Jugendlichen lässt sich so viel mehr mitgeben und beibringen, Erwachsene sind nicht mehr so aufnahmefähig. Ich denke, dass ich jungen Schülerinnen und Schülern meine sportlichen Kenntnisse besser vermitteln kann. Davon würden viele profitieren, und außerdem brauchen wir immer mal wieder gute Biathleten – denn das erwarten die Leute ja auch. Ein Biathlet fängt ja nicht erst mit 20 Jahren an. Bei mir ging es schon mit neun Jahren los, und um dieses Alter muss man sich dann auch kümmern.

 

chilli: Wie sieht die Situation im Nachwuchsbereich denn derzeit aus?
Neuner: Es gibt zu wenige Coaches für die jungen Leute, da die Kindertrainer im Ehrenamt arbeiten und berufstätig sind. Am Nachwuchs, am Talent, mangelt es hingegen nicht.

 

chilli: Hat die Sportförderung in Deutschland in dieser Hinsicht geschlafen?
Neuner: Ich weiß es nicht und möchte mich auch nicht so weit hinauslehnen. Nur so viel: Bei mir in der Gegend kann es sich leider keiner aus reinem Spaß an der Freude leisten, drei- bis viermal in der Woche in der Freizeit die Kinder unentgeltlich zu trainieren. Ein bisschen mehr ließe sich vielleicht mit Förderungen machen.

 

chilli: Gibt es noch den Olympischen Gedanken?
Neuner: Der ist noch vorhanden, auch wenn das ganze Drumherum nicht mehr ganz der Kernidee entspricht. In den Sportlern ist der Olympische Gedanke aber verankert. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben, da es für einen Sportler mit das Größte ist, bei den Spielen dabei zu sein. Wie das alles in Russland über die Bühne gehen wird, lässt sich noch nicht absehen.

 "Ich denke, dass ich jungen Schülerinnen und Schülern meine sportlichen Kenntnisse besser vermitteln kann": Magdalena Neuner macht sich Sorgen um den Nachwuchs ihres Sports.

 

chilli: In Sotschi werden den Sportlern von vornherein einige verbale Maulkörbe angelegt, unter anderem, wenn es um Äußerungen bezüglich gleichgeschlechtlicher Liebe geht. Nun hatte der ehemalige deutsche Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzelsperger sein Coming-Out. Ein richtiges Zeichen zur richtigen Zeit?
Neuner: Ich finde das von ihm sehr mutig, kann aber nicht abschätzen, ob die russische Regierung von seinem Coming-Out überhaupt Kenntnis nimmt. Aber vielleicht nehmen sich andere Sportler ein Beispiel daran. Letztendlich fahren Sportler zu so einer Großveranstaltung, um ihren Sport gut zu machen und nicht, um sich um politische Diskussionen zu kümmern. Die Athleten befinden sich in ihrem Tunnel und blenden alles andere aus.

 

chilli: Geht das in der heutigen medialen Vernetzung wirklich so einfach?
Neuner: Das Olympische Dorf ist wie ein goldener Käfig. Man sitzt mit den ganzen anderen Sportlern und Betreuern in dieser Siedlung und kommt da nur sehr schwer raus.

 

chilli: Und durch die ganzen Sicherheitskontrollen …
Neuner: … kommt ja gar keiner rein, genau. In Vancouver teilte ich mir mit zehn weiteren Athleten einen Fernseher, auf dem eigentlich auch nur Sport lief (lacht). Im Endeffekt kriegt man so gut wie nichts von der Außenwelt mit, ist ziemlich abgeschirmt und entscheidet selbst, wieviel man überhaupt wissen möchte.

 

chilli: Das Standing von Sportlern in der Öffentlichkeit hat längst die Dimension von Hollywood-Schauspielern erreicht. Wie gehen Sie mit dieser ständigen Beobachtung um?
Neuner: Es kommt darauf an, wie sehr man den Druck an sich heranlässt. Während der Spiele ist man in einer anderen Welt, nach Olympia wurde es aber umso schwieriger. Der Hype war teilweise unerträglich, und ich hätte mich am liebsten zu Hause verkrochen. Damit musste ich auch erst umzugehen lernen. Ich lebte diesen Sport rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag. Da musste ich mir genau überlegen, wen oder was ich noch an mich heran ließ.

 

chilli: Wenn der Deutsche Skiverband in zwei Jahren bei Ihnen anruft und fragt, ob Sie nicht wieder die Langlaufskier umschnallen wollen …
Neuner: Würde ich „nein“ sagen (lacht). Das ist für mich keine Frage mehr.

 

Text: Ben Hiltrop / Fotos: ARD / Nicolas Olonetzky / Lana Grossa
Quelle: teleschau – der mediendienst