Marcus Mittermeier kann sich über mangelnde Präsenz nicht beklagen. Gleich mit vier Hauptrollen ist er im Frühjahr im TV zu sehen. Dabei nimmt er längst nicht jedes Angebot an, wie der sympathische Star im Interview betont: „Es gibt gute Rollen, die man ablehnen muss, weil die Herausforderung zu groß ist.“ Wie bitte? – Vielleicht ist gerade diese eher selbstkritische Einstellung des Landshuters sein Erfolgsgeheimnis. Womöglich sind es auch seine uneitle Art und der Mut zur Nacktheit, die den 45-Jährigen bei Fans und Regisseuren gleichermaßen beliebt machen: Im Piloten der ZDF-Krimireihe „München Mord“ sprang Mittermeier beispielsweise im Adamskostüm vom Balkon, „weil die Szene witzig und passend war“. Auch als bodenständiger Barney in der Beziehungskömödie „Hochzeitskönig“ (Freitag, 10. April, 20.15 Uhr) bringt er nun die Zuschauer garantiert zum Lachen, wenn er einer Prostituierten lieber beim Bügeln zusieht, als mit ihr ins Bett zu gehen. „Solch eine Rolle habe ich noch nie gespielt“, grinst Mittermeier und räumt dabei ein, dass ihm der harmoniebedürftige Barney durchaus ähnelt.

 

Marcus Mittermeier spielt in "Hochzeitskönig" einen harmoniebedürftigen Polizisten, der vor lauter Beziehungsfrust bei einer Prostituierten landet.

chilli: „Hochzeitskönig“ ist nach „Blauwasserleben“, „München Mord“ und „Die Ungehorsame“ nun bereits der vierte Film innerhalb eines Monats mit Ihnen in der Hauptrolle. Läuft bei Ihnen, oder?

Marcus Mittermeier: Na ja, das ist eher Zufall. Manchmal läuft lange Zeit gar nichts im Fernsehen, und dann werden gleich vier Filme auf einmal gezeigt. Ich nehme die Rollen an, die mich interessieren. Dabei ist mir die Qualität immer sehr wichtig, sie müssen mich als Schauspieler weiterbringen. Manchmal ist es aber schwierig, wenn einem gute Rollen angeboten werden, die man ablehnen muss, weil die Herausforderung zu groß ist. Schauspielerei ist nicht nur Textaufsagen. Das hat etwas mit Verantwortung zu tun – gegenüber der Rolle aber auch dem Zuschauer gegenüber. Ich versuche eine Rolle immer, so gut und tief es geht, auszufüllen.

 

chilli: Bei welcher Rolle würden Sie sagen: „Die traue ich mir nicht zu“?

Mittermeier: Bei „Die Ungehorsame“ habe ich zum Beispiel stark gezweifelt, ob ich die Rolle annehmen soll.

 

chilli: Sie spielten in dem SAT.1-Film einen Mann, der seine Frau schlägt …

Mittermeier: Ja. Ein Schauspieler macht ja viel aus sich heraus und bringt das, was er an Erfahrungsschatz hat, mit in die Rolle ein. Mit Gewalt habe ich Gott sei Dank keine Erfahrung – weder als Kind bin ich damit in Berührung gekommen, noch bin ich selbst gewalttätig. Deshalb habe ich mich vorab gefragt, ob ich die Rolle eines gewalttätigen Ehemanns glaubwürdig spielen könnte.

 

Marcus Mittermeiers Rolle in "Die Ungehorsame" steht in krassem Kontrast zu seinem Part im "Hochzeitskönig".

chilli: Was gab den Ausschlag, dass Sie die Rolle und damit die Herausforderung annahmen?

Mittermeier: Ich habe vor Drehbeginn mit forensischen Psychologen gesprochen, die mir erklärt haben, wie man zu einem Gewalttäter wird. Was passiert mit diesen Personen? Dieses Verhalten war mir vorher vollkommen fremd. Es zu verstehen, war die Voraussetzung, um die Rolle spielen zu können. Hätte ich diesen Zugang nicht bekommen und keinerlei Informationen zu den Zusammenhängen gehabt, hätte ich die Rolle auch konsequenterweise nicht annehmen können.

 

chilli: Ihre Rolle als gutmütiger, harmoniebedürftiger Barney in „Hochzeitskönig“ steht nun in starkem Kontrast zum prügelnden Ehemann …

Mittermeier: An der Geschichte hat mich am meisten interessiert, dass ein Mann und eine Frau aufeinandertreffen, die beide ihr Leben schon zur Hälfte hinter sich haben – samt Verlieben und Kinderkriegen und so weiter. Ihre Herangehensweise an die Partnerschaft ist deshalb etwas gemütlicher. Sie haben sich gefunden und passen gut zusammen. Aber es passiert immer irgendetwas, das Probleme bereitet: Sei es der Hund, der tropfende Wasserhahn oder die kranke Mutter. Barney leidet sehr darunter, denn eigentlich möchte er einfach nur ein gemütliches und harmonisches Zuhause haben. So eine Rolle habe ich noch nie gespielt.

 

chilli: Sind Sie zu Hause auch eher so ein gemütlicher Typ, der gerne kocht im Kreise seiner Lieben?

Mittermeier: Ja. Barney hat viel mit mir privat gemeinsam. Ich koche wahnsinnig gerne und will auch nicht, dass mir jemand dabei hilft. Die anderen sollen sich entspannen. Denn ich bin so oft beruflich unterwegs und bekomme mein Essen vom Catering-Service. Wenn ich zu Hause bin, dann möchte ich einfach mit meiner Familie zusammen sein.

 

chilli: Geht es bei Ihnen manchmal ebenso so drunter und drüber wie im „Hochzeitskönig“?

Mittermeier: Es ist natürlich nicht immer einfach als Familie. Bei uns sind es fünf Individuen unter einem Dach. Aber wir versuchen, so oft es geht, gemeinsam Zeit zu verbringen, und ich schätze das sehr.

 

chilli: Sie haben Ihre Frau sehr jung kennengelernt. Was ist Ihr Beziehungsgeheimnis? Dass Sie so oft beruflich weg sind?

Mittermeier: Das kann natürlich sein. (lacht). Wenn man erst mal versteht, was eine Partnerschaft und eine Familie bedeutet, dann spürt man eine Qualität, die sehr schwer durch andere Sachen aufzuwiegen ist.

 

chilli: Was bedeutet Familie für Sie?

Mittermeier: Familie bedeutet, auch in schlechten Zeiten einen Halt und jemanden zum Reden zu haben. Meine Karriere ging nicht immer kontinuierlich bergauf, sondern es gab auch schwierige Phasen, in denen lange keine oder unpassende Schauspielangebote kamen. Umso wichtiger und schöner ist es dann, jemanden zu haben, der für einen da ist.

 

Barney (Marcus Mittermeier, links) ist überrascht, als er in Jennys Wohnung Giorgio (Carlos Lobo) und seine Geliebte antrifft.

chilli: Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre Kinder Schauspielambitionen hätten?

Mittermeier: Dann würde ich genau hinsehen, ob sie Talent haben. Falls nicht, würde ich einen sehr guten Rat geben. (lacht)

 

chilli: Sie leben in Regensburg. War München keine Option?

Mittermeier: Meine Frau und ich haben uns in Regensburg kennengelernt, zwischenzeitlich dann auch mal in München gelebt. Danach waren wir in Frankreich, und im Anschluss zog es uns wieder nach Regensburg. Eine tolle, unfassbar freundliche Stadt. Die Menschen sind sehr warmherzig. Es gibt viele Studenten, dadurch gibt es viel Frische und Lebendigkeit. Ich mag auch die Überschaubarkeit. Man kennt und schätzt sich dort. Und man hat seine Ruhe. (lacht)

 

chilli: Sie haben in jungen Jahren mal ein Theaterstück inszeniert und dazu gesagt: „Das Stück war gut, aber niemand hat’s gesehen.“ Danach wechselten Sie vom Theater ins TV. Wie wichtig ist Ihnen die große Bühne?

Mittermeier: In erster Linie ist es wichtig, was und wie man etwas macht. Aber ohne Zuschauer bin ich ein Niemand. Ich kann kein Schauspieler sein ohne Publikum. Je mehr Zuschauer, desto besser!

 

chilli: Welche Projekte stehen als nächstes an?

Mittermeier: Mit Gabriela Zerhau drehe ich einen Film über die heutige Situation von Hebammen. Danach stehen zwei neue Folgen von „München Mord“ an.

 

chilli: Das Fernsehen wird momentan mit Krimis überflutet. Woran liegt das?

Mittermeier: Es ist wohl momentan eine Phase des Ausprobierens im Krimi-Genre, in der viele Projekte gestartet werden. Die besten und außergewöhnlichsten bleiben am Ende übrig.

 

chilli: Gehört „München Mord“ zu den Formaten, die am Ende übrig bleiben?

Mittermeier: Ich hoffe das, denn bei „München Mord“ sind die drei Ermittler nicht von der Stange. Sie sind eigenartige Individuen, die sich durch ihre Fehler auszeichnen und liebenswert sind. Schaller (gespielt von Alexander Held, d. Red.) hat einen Hau, Frau Flierl (Bernadette Heerwagen) ist nur durch Vitamin B an den Job gekommen, hat aber außer Empathie keine wirklichen Qualifikationen (lacht), und Neuhauser, den ich spiele, ist disziplinarisch eine Katastrophe und hat jede Menge Frauengeschichten.

 

chilli: In der ersten Episode mussten Sie nackt vom Balkon springen. Haben Sie gezögert, diese Szene zu spielen?

Mittermeier: Nein, das war sogar meine Idee. (lacht) Wenn eine Figur neu vorgestellt wird, dann sollte sie prägnant eingeführt werden. Die Szene war witzig, und es hat einfach gepasst. Deshalb konnte ich nicht kneifen.

 

Text: Vanessa Schwake / Fotos: © ARD Degeto / Barbara Bauriedl
Quelle: teleschau – der mediendienst