Heimlich Rampensau

Eigentlich wollte Maria Ehrich nie nach Berlin ziehen. „Ich ging immer davon aus, dass mir Berlin zu groß und zu weitläufig ist“, erklärt die gebürtige Erfurterin. Seit vier Monaten lebt sie nun mit Freunden in einer WG in Schöneberg und fühlt sich sich dort sehr wohl: „Ich musste wohl einfach noch ein bisschen in die Stadt hineinwachsen.“ So wie in die Schauspielerei eben. Die konnte sich Maria Ehrich auch lange Zeit nicht als Beruf vorstellen, obwohl sie seit ihrem zehnten Lebensjahr mindestens einmal im Jahr für eine größere TV- („Dresden“, „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ ) oder Kinoproduktion („Mein Bruder ist ein Hund“, „Rock It!“) vor der Kamera stand. Die früheren Pläne, Tierärztin, Friseurin oder Meeresbiologin zu werden, sind nun aber endgültig vom Tisch: Als Zeitreisende Gwen ist die 21-Jährige das Gesicht der sogenannten Edelstein-Trilogie, der ersten deutschen Fantasyfilmreihe seit Langem. Nach „Rubinrot“ kommt am 14. August nun „Saphirblau“ in die Kinos.

Maria Ehrich steht schon ihr halbes Leben vor der Kamera. Ihre Mutter dachte, dass die Schauspielerei vielleicht etwas für sie wäre - "wahrscheinlich, weil ich eine kleine Rampensau war", meint die 21-Jährige.

 

chilli: Als Daniel Radcliffe damals als Harry Potter vorgestellt wurde, beschwerten sich die Leser, dass er die falsche Frisur und die falsche Augenfarbe habe. Hatten Sie Angst, dass die Leser von Kerstin Giers Edelstein-Trilogie auf Sie ähnlich reagieren könnten?
Maria Ehrich: Ich hatte „Rubinrot“ schon gelesen, als es noch gar keine konkreten Pläne für eine Verfilmung gab. Dabei habe ich mich sehr mit Gwen, der Hauptfigur, identifizieren können und mich ganz unbewusst in sie hineinversetzt. Beim Casting spielte ich die Rolle einfach so, wie ich als Leserin es für richtig hielt. Darum war ich zuversichtlich, als ich dann tatsächlich genommen wurde, dass die Leser mir „ihre“ Gwen auch abnehmen.

 

chilli: Freuen Sie sich, wenn eines Ihrer Lieblingsbücher verfilmt wird? Oder sind Sie eher der skeptische Typ?
Ehrich: Für mich sind Buch und Verfilmung tatsächlich zwei verschiedene Dinge – vielleicht, weil ich selbst in einer Literaturverfilmung mitspiele. Film und Buch zu vergleichen ist in etwa so, wie einen Spiegel mit einer Fensterscheibe zu vergleichen. Es sieht zwar ähnlich aus, ist aber nicht dasselbe.

 

chilli: Sie kommen nie aus dem Kino und denken: „Das Buch war besser“?
Ehrich: Ich vergleiche schon, aber ich weiß auch, dass sich ein Buch nicht eins zu eins übertragen lässt. Es gibt immer wieder Momente, in denen man Szenen aus Büchern vermisst oder bestimmte Eigenschaften von Figuren noch besser beleuchtet sehen möchte. Beispielsweise bei den „Harry Potter“-Verfilmungen. Aber dann würden Filme vier Stunden dauern und hauptsächlich aus Off-Kommentaren bestehen. In letzter Zeit habe ich übrigens viele gute Romanverfilmungen gesehen – „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ beispielsweise oder „Vielleicht lieber morgen“. Über so gut getroffene Filme freue ich mich dann so sehr, dass mich die weniger guten Buchverfilmungen gar nicht mehr tangieren.

 

chilli: Sie sind eine echte Leseratte – eigentlich wollten Sie in diesem Jahr sogar mit einem Literaturstudium beginnen.
Ehrich: Das will ich auch weiterhin gern machen. Nur ist das Studium zeitlich gerade schwer mit der Schauspielerei vereinbar. Aber ich schreibe immer noch und bleibe auch dabei.

Maria Ehrich hat nur Spaß an Literaturverfilmungen, sie liest auch wahnsinnig viel - und schreibt selbst: "Momentan sitze ich an einem Roman."

 

chilli: Sie schreiben?
Ehrich: Ja, momentan sitze ich an einem Roman, aber das ist noch gar nicht richtig spruchreif. Ich habe eine Geschichte, die ich schön finde, und ich denke, dass die auch andere schön finden könnten. Es geht in die Fantasy-Richtung, hat aber auch märchenhafte Züge.

 

chilli: Wann begannen Sie mit dem Schreiben?
Ehrich: Mit zehn oder elf Jahren. In der Schule waren meine beste Freundin und ich die Kreativos der Klasse. Irgendwann begann sie, Geschichten zu schreiben, und weil ich auch immer welche im Kopf hatte, zog ich nach. In den langweiligeren Unterrichtsfächern kritzelten wir die ganze Zeit in unsere Hefter – und die Lehrer dachten, wir würden fleißig mitschreiben. Meine Freundin war immer viel weiter als ich und strukturierte ihre Texte besser. Deshalb dachte ich lange Zeit, die Schreiberei wäre nichts für mich …

 

chilli: Aber?
Ehrich: Aber in der elften und zwölften Klasse hatte ich eine fantastische Deutschlehrerin. Sie brachte den Lehrstoff so rüber, dass man mehr wollte. Mehr, mehr, mehr. Ich stellte fest, dass meine Aufsätze immer besser wurden. Ich schrieb Sätze, über die ich beim nochmaligen Lesen dachte: „Das hab wirklich ich geschrieben?“ Das war ein tolles Gefühl.

 

chilli: Wen lassen Sie Ihre Geschichten lesen?
Ehrich: Anfangs nur meine ganz engen Freunde und meine Mama. Letztens fand in meinem Freundeskreis aber eine kleine Lesesession statt: Erst lasen wir uns gegenseitig aus Märchenbüchern vor, dann packte ich meine eigenen Geschichten aus. Es kostete Überwindung, aber dann war es echt cool, weil die anderen ziemlich begeistert waren. Da traut man sich auch, weiterzuschreiben. Aber ob und wann der Roman fertig wird, kann ich noch nicht sagen.

"Rubinrot" hatte Maria Ehrich (rechts, hier mit Justine del Corte) schon gelesen, bevor sie wusste, dass daraus ein Film werden sollte. "Beim Casting habe ich die Rolle einfach so gespielt, wie ich als Leserin es für richtig hielt" - und das hat funktioniert.

 

chilli: Ihre Mutter war es auch, die Sie vor gut zehn Jahren zur Schauspielerei brachte, als sie Ihnen einen Castingaufruf in der Zeitung zeigte. Wie kam sie darauf, dass das etwas für Sie sein könnte?
Ehrich: Wahrscheinlich, weil ich eine kleine Rampensau war. Wenn man mich kennenlernte, wirkte ich zwar sehr ruhig und introvertiert, aber bei Geburtstagspartys sprang ich auf den Tischen rum. Einmal habe ich sogar meinen Opa ange-„Pssst“, weil ich singen und tanzen wollte! Alle mussten mir zuhören. Vielleicht hat meine Mutter deshalb in mir Sachen gesehen, die ich damals noch nicht wahrnahm.

 

chilli: Hauptdarstellerin in einer Kino-Trilogie ist nun ein paar Nummern größer als der Star der Familienfeier zu sein. Wie fühlt es sich an, wenn einen die Öffentlichkeit plötzlich wahrnimmt?
Ehrich: Ich freue mich natürlich, dass das, was ich mache, nun auch gesehen wird. Irgendwie ist es aber auch komisch, weil ich plötzlich zu irgendwelchen Galas eingeladen werde und eine ganz andere Seite dieser Filmwelt kennenlerne, die ich vorher überhaupt nicht gesehen habe. Früher war maximal eine Premiere drin, mittlerweile werde ich zu Fashion Shows eingeladen und gehe zur Berlinale. Das ist noch mal eine komplett andere Welt. Komischerweise gewöhnt man sich sehr schnell daran: Wenn man mehr mit anderen Schauspielern zu tun hat, für die das alles normal ist, findet man den Rummel bald selbst normal.

 

chilli: Aber wenn man auf der Titelseite einer Boulevard-Zeitung über sich die Schlagzeile „Ich bin das nackte Mädchen aus ‘Hotel Adlon’“ liest, muss man doch erst mal schlucken, oder ..?
Ehrich: Ja, das stimmt, das war gruselig. Das zugehörige Interview war wirklich harmlos, ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass es so aufgemacht wird. Die Szene, auf die die Überschrift anspielte, war im Film so winzig und nur ein kurzer Moment im komplizierten Werdegang meiner Figur. Aber genau die wurde herausgepickt. Seither arbeite ich auch mit einer Presseagentin zusammen und alles funktioniert reibungslos. Manchmal muss man eben erst auf die Nase fallen.

 

chilli: So kurz die Nacktszene im ZDF-Dreiteiler „Das Adlon. Eine Familiensaga“ auch war – gesehen wurde sie von neun Millionen Fernsehzuschauern. Denkt man darüber nach, dass nun der Nachbar oder die Deutschlehrerin weiß, wie man nackt aussieht?
Ehrich: Bevor der Film ausgestrahlt wurde, gab es schon eine riesige Premiere mit unheimlich vielen Gästen. Als die Szene gezeigt wurde, hielt ich mir die Augen zu. Ich konnte nicht hinsehen. Es war mir zu peinlich. Aber danach waren alle so begeistert von der Rolle und von meiner Darbietung, dass ich Mut schöpfte. Ich merkte, dass die alle gar nicht so sehr auf diese einzelne Szene geschaut haben, sondern das große Ganze sehen und es gut finden. Das hat mir die Angst ein wenig genommen. Aber mit meinen Eltern wollte ich den Film trotzdem nicht ansehen.

 

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst