Man sollte nicht meinen, dass eine solche Karriere viel Anlass zum Hadern hergibt. Aber die allgemeine Verehrung, die Mario Adorf heute, mit 82 Jahren, entgegenschlägt, die hätte er sich tatsächlich schon eher gewünscht. Vor allem vonseiten der Regisseure, die ihm allzu selten Stoffe auf den imposanten Leib geschneidert hätten. Wie gut, dass der deutsche Großschauspieler mit kalabrischen Wurzeln väterlicherseits, der in Zürich zur Welt kam und in der Eifel aufwuchs, heute wenigstens ab und an Gehör findet, wenn er selbst einen Stoff auf den Weg bringen will. Wie die Literaturverfilmung „Krokodil“, die das ZDF am 29. März, 21.15 Uhr, als Karfreitagsschmankerl sendet. Adorf, der heute vorzugsweise an der Côte d’Azur residiert, spielt einen gut betuchten Grantler, den am Lebensabend unverhofft die Frühlingsgefühle wecken. Für reifere Herren, die sich in erheblich jüngere Frauen vergucken, hat der Hauptdarsteller dieser lebensklugen TV-Komödie aber nicht viel übrig.

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chilli: In „Krokodil“ verfällt ein betagter Schriftsteller einer sehr viel jüngeren Künstlerin. Waren Sie jemals in einer vergleichbaren Situation?
Mario Adorf: Es ist klar, dass man im fortgeschrittenen Alter, das ja schon hinter mir liegt, Versuchungen ausgesetzt ist, denen man dann entweder erliegt oder nicht erliegt. Aber auf so eklatante Weise wie im Film ist mir das nicht passiert.

chilli: Finden Sie es denn grundsätzlich legitim, wenn gesetzte Männer etwas mit deutlich jüngeren Frauen anfangen?
Adorf: Ich find’s peinlich. Das ist meine Grundhaltung dazu. Meistens haben solche Verbindungen weniger von einer schicksalhaften Begegnung wie zwischen Goethe und Ulrike, sondern wirken mehr wie eine gewollte, in der Öffentlichkeit ausgestellte Verjüngungskur. Ich sehe so etwas mit großer Skepis. Wenn der Altersunterschied zu groß ist, ist das Scheitern in der Regel vorgezeichnet.

chilli: Der Film „Krokodil“ basiert auf einer Kurzgeschichte von Philippe Djian. Sind Sie ein passionierter Leser?
Adorf: Ich war mal ein sehr passionierter Leser. Heute bin ich längst nicht mehr so eifrig.

chilli: Keine Zeit?
Adorf: Mein Neugierde ist nicht mehr ganz so groß. Früher habe ich mir meine Lieblingsautoren förmlich reingefressen. Ich hatte Phasen, da las ich alles von Dostojewski und Tolstoi, dann las ich bestimmte Franzosen, Amerikaner. Diesen Drang verspüre ich nicht mehr. Ich halte mich lediglich ein bisschen auf dem Laufenden, obwohl man sich nur sehr schwer orientieren kann, was lesenswert ist. Denn die „Spiegel“-Bestsellerliste sagt ja nur etwas über die Verkäufe aus, nicht über die Qualität.

chilli: Das ist wahr.
Adorf: Sehen Sie, ich war früher mal ein sehr guter Theatergänger. Bin ich auch nicht mehr. Ich spielte acht Jahre an den Münchner Kammerspielen. Heute fehlt mir die Neugier, mir dort ein neues Stück anzuschauen. Ich machte früher Reisen, nach New York, Mailand, London und Paris – nur um ein bestimmtes Stück zu sehen. Diesen Eifer habe ich nicht mehr.

chilli: Bedauern Sie das?
Adorf: Ich glaube, dass die Zeiten sich verändert haben. Dass es so tolle, interessante Sachen wie früher nicht mehr gibt. Dass das Theater für Jüngere, die das Alte nicht gekannt haben, immer noch sehr attraktiv ist, mag ja sein. Und umgekehrt mag es sein, dass man das Neue nicht gut anerkennen kann, wenn man das Alte gekannt hat. Aus meiner Sicht ist vieles beliebiger geworden.

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chilli: Woran machen Sie das fest?
Adorf: Tja, woran liegt das? Wieso gibt es unter den Jungen keinen Peter Stein mehr? Es gibt schon ein paar sehr interessante junge Regisseure am Theater. Aber die sind zum Teil einfach nicht mein Geschmack. Einmal war ich in Berlin im Theater und habe kein Wort verstanden!

chilli: Zu abstrakt?
Adorf: Das auch. Aber vor allem habe ich die Schauspieler akustisch nicht verstanden. Offenbar gab es eine Regieanweisung, dass man sie nicht verstehen darf. Ich habe insgesamt das Gefühl, dass am Theater nicht mehr sorgfältig gesprochen wird. Es gibt die Tendenz, einen schlampigen Jargon zu bedienen. Das liegt mir nicht. Wahrscheinlich liegt es auch an meinem Alter, dass ich nicht mehr so gut höre. Mir entgeht dadurch so einiges, obwohl ich Hörgeräte trage.

chilli: Sind Sie jemand, der Andenken an früher pflegt, wie es Richard im Film mit seinem alten Jaguar tut?
Adorf: Überhaupt nicht. Ich bin jahrelang Jaguar gefahren – meinen letzten hatte ich 20 Jahre lang, einen echten Oldtimer. Aber den habe ich vor über 20 Jahren abgegeben. Heute habe ich überhaupt kein großes Auto mehr. Ich hänge alten Dingen nicht nach.

chilli: Bewahren Sie denn nicht Erinnerungsstücke an Ihre Karriere auf? Fotos von Dreharbeiten …
Adorf: Nein, das ist überhaupt nicht meine Art. Bei mir hängen überhaupt keine Fotos an den Wänden. Weder von mir noch von anderen Berühmtheiten aus meiner Karriere. Es stehen ein paar typische Schnappschüsse aus dem Leben oben auf den Möbeln. Die hat aber meine Frau dort aufgestellt, und ich komme längst nicht auf allen vor.

chilli: Und die vielen Filmpreise?
Adorf: Die meisten habe ich weggegeben. Entweder in Museen oder Archive. Ein paar wenige stehen noch in meiner Münchner Wohnung. Aber auch da habe ich kein Regal voller Filmpreise stehen, schon gar keine Garage voll, wie es der Richard mit seinen Rallyepokalen im Film handhabt. Ich war nie ein ehrgeiziger Sportler, ich bin allgemein kein ehrgeiziger Mensch. Auch als Schauspieler nicht.

chilli: Dafür haben Sie es weit gebracht.
Adorf: Dennoch habe ich nie eine Auszeichnung angestrebt. Die haben sich ergeben, aber ich habe nie etwas gezielt dafür getan. Selbst der Oscar sollte kein Ziel für einen Filmschaffenden sein. Das ist eine Belohnung – entweder sie kommt, oder sie kommt nicht.

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chilli: So viel Fatalismus lassen Sie bei Ihrer Rollenwahl nicht walten. Die „Krokodil“-Verfilmung haben Sie selbst auf den Weg gebracht, wie man hört.
Adorf: Eigentlich hatte ich einen anderen Stoff vorgeschlagen, den man mir aber aus Kostengründen absagte. So etwas passiert leider viel zu oft. Dann schlug ich vor: Machen wir doch diesen kleinen Film mit überschaubarem Personal: „Krokodil“.

chilli: Den Autor Philippe Djian haben Sie getroffen, richtig?
Adorf: Dieser Djian ist ein ganz interessanter Schriftsteller. Ich lernte ihn persönlich in Paris kennen, als ich mich um die Filmrechte an der Geschichte kümmerte. Er ist ein fleißiger Autor, er schreibt sehr effektvolle Krimis, die mir gut gefallen. Das Einzige, das mir nicht so gut gefällt, ist sein Hang zur Gewalt. Es wird viel geballert in seinen Erzählungen. Fürs Fernsehen ist so eine Schießerei natürlich eine attraktive Sache.

chilli: Vor allem ist „Krokodil“ aber doch ein sehr nachdenklicher Stoff. Der Schriftsteller, den Sie spielen, äußert Sätze wie: „Soll ich wirklich noch mal ein Buch schreiben, oder ist nicht schon alles gesagt?“
Adorf: Was das Schreiben betrifft, habe ich den Satz selbst schon geäußert. Als man mich fragte, „Warum schreiben Sie nicht mehr?“, sagte ich: „Ich habe alles erzählt, was ich zu erzählen hatte.“ Nun bin ich aber auch kein Schriftsteller, sondern Schauspieler. Und als Schauspieler habe ich nicht das Gefühl, das schon alles gesagt ist. Sonst hätte ich ja längst aufgehört.

chilli: Sie drehten über 200 Filme …
Adorf: Wenn man die Fernsehrollen mitrechnet.

chilli: Und da hatten Sie nie das Gefühl, schon jede Art Rolle gespielt zu haben?
Adorf: Nein. Aus dem einfachen Grund, weil es nicht stimmt. Rollen wie in den letzten Jahren habe ich zuvor nicht gespielt. Ich habe sie auch nicht angeboten bekommen. Ich hätte mir gewünscht, dass ich sie schon früher bekommen hätte. Aber eindeutige, große Rollen wurden nicht für mich geschrieben. Selbst „Der große Bellheim“ wurde nicht für mich geschrieben. Dieter Wedel wollte Michel Piccoli für die Rolle haben. Der damalige Programmdirektor Heinz Ungureit hat mich durchgeboxt, er sagte: Das muss der Adorf machen!

chilli: Im Nachhinein können mit der Wahl alle Beteiligten glücklich sein.
Adorf: Es hat sich niemand beklagt. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass Menschen in einem Büro sitzen und sich für mich etwas ausdenken. Für mich sind Stoffe nicht geschrieben und entwickelt worden. Das hat es bis auf die letzten Jahre leider nicht gegeben.

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chilli: Es ist das Schicksal eines Schauspielers, auf Regisseure und Angebote angewiesen zu sein …
Adorf: Das ist richtig. Aber ich bin nie in eine Krise geraten oder in ein Loch gefallen. Außer am Anfang meiner Karriere. Damals hatte ich das Gefühl: Jetzt müssen doch die Leute auf mich aufmerksam geworden sein! Jetzt müssen sie sich doch überlegen, was man als nächstes mit mir machen kann! Das ist aber in Deutschland nicht passiert, während es in Amerika sicherlich passiert wäre. Ich musste damals warten auf die nächsten Angebote, die nicht immer die besten waren. Und wenn ich neun Filme abgesagt hatte, musste der zehnte mal wieder gemacht werden. Auch das hat’s gegeben.

chilli: Wie sehr beschäftigt Sie heute das Vergangene, der Blick zurück?
Adorf: Eigentlich kaum. Als ich schrieb, habe ich für ein paar Jahre den Blick zurückgewandt. Aber eigentlich war es mir nie wichtig zurückzublicken – etwa auf die Jugend. Ich schaue nicht zurück. Das bisschen Wegstrecke, auf das ich blicke, liegt vor mir.

chilli: Auch wenn die Distanz naturgemäß immer kürzer wird.
Adorf: Wenn vor einem nur die Leere, die Aussicht auf Langeweile, auf Krankheit, auf Nichts steht, dann ist es natürlich traurig. Aber in der Situation bin ich nicht. Und ich würde mich ihr auch nicht gerne aussetzen, so lange es zu vermeiden ist. Wenn ein Unglück kommt, dann kommt es eben.

Fotos: ZDF / Elke Werner
Quelle: teleschau – der mediendienst