Es war die wohl aufsehenerregendste Wiedervereinigung der jüngeren Pop-Geschichte: Als Robbie Williams 2010 zu seiner ehemaligen Band Take That zurückkehrte, brachen das gemeinsame Album „Progress“ und die dazugehörige Tournee sämtliche Rekorde. Doch auch nach dem schönsten Wiedersehen braucht man irgendwann eine kleinere Pause. Die Engländer beschlossen, sich eine Auszeit zu nehmen. Mark Owen wollte eigentlich nichts tun – am Ende allerdings fand er sich doch in seinem Studio wieder und tüftelte an Songs. Mit „The Art Of Doing Nothing“ (VÖ: 7. Juni) veröffentlicht der 41-jährige Brite nun sein erstes Solo-Album nach acht Jahren. Im Interview spricht er über die Kunst des Nichtstuns, Kaninchen, Erfolg und den Tod.

Musik ist für Mark Owen eine Form des Nichtstuns: Der Take-That-Star veröffentlicht sein Soloalbum "The Art Of Doing Nothing".

 

chilli: Herr Owen, das mit dem Nichtstun hat nicht ganz geklappt, oder?
Mark Owen: Wissen Sie, für mich ist Musik machen wie Nichtstun. Es ist mein Nichts und mein Alles. Ich gehe nicht wirklich aus, stattdessen gehe in mein Studio und drehe die Musik auf. Musik ist mein Ausgehen und mein zu Hause bleiben, meine Hochstimmung und manchmal auch mein Tief. Ich schreibe einfach gerne Songs. Etwas anderes weiß ich gar nicht mit mir anzufangen. In meinem Garten habe ich ein kleines Studio, mein Rabbit Hutch. (zu Deutsch: Kaninchenstall, Anm. d. R.)

chilli: Halten Sie dort Kaninchen?
Owen: Nein, aber ich habe immerhin ein Bild von einem Kaninchen als Bildschirmschoner auf meinem Computer (lacht). Ehrlich gesagt sieht mein Studio nicht mal aus wie ein Kaninchenstall. Am Anfang vielleicht, da war es einfach eine kleine Holzhütte mit ein paar Keyboards und Lautsprechern. Mittlerweile ist es deutlich größer und hat sogar Fenster. Ein ziemlich großer Kaninchenstall also. Eines Tages saß ich dann auf der Bank davor und überlegte, wie toll es wäre, diesen Ort und die freie Zeit zu nutzen, um gemeinsam mit anderen Leuten kreativ zu werden. Zusammen auf eine Reise aufzubrechen und voneinander zu lernen.

chilli: Bei „The Art Of Doing Nothing“ geht es also ums Loslassen, darum sich treiben zu lassen?
Owen: Genau, bei Take That ist alles penibel organisiert, und das muss es natürlich auch sein. Aber es hat Spaß gemacht, dieses Mal freier zu arbeiten, die Dinge einfach passieren zu lassen, offen zu sein. Das Schöne ist, dieser Prozess geht jeden Tag weiter. Ich finde es beeindruckend, wie aus dem Nichts, aus völliger Leere, etwas entsteht. Es ist, als würde man einen Samen pflanzen, der langsam beginnt zu sprießen. Die Sache wächst und wächst, breitet sich aus. Anfangs wollte ich eigentlich noch einen Animationsfilm machen.

Mark Owen (rechts) feierte 2010 mit seiner Band Take That eine erfolgreiche Wiedervereinigung.

 

chilli: Wie bitte?
Owen: Ich habe mit Ideen für ein Drehbuch herumgespielt, bis ich irgendwann bei einem Animationsfilm war, unterlegt mit meiner Musik. Ich machte mich auf die Suche nach einem Animationskünstler und fand schließlich einen russischen Künstler, den ich fragte, ob er Animationen zu 45 bis 50 Minuten Musik machen könne. Er meinte, das würde sechs Jahre dauern – also habe ich die Idee wieder verworfen und beschlossen, erst mal bei der Musik zu bleiben (lacht). Ich glaube so lange hätten die anderen von Take That dann doch nicht warten wollen.

chilli: Apropos – nach Take That klingt „The Art Of Doing Nothing“ nicht. Manche Songs haben fast einen kleinen Indie-Einschlag. Warum nicht der sichere Weg eines glatten Pop-Albums?
Owen: So viel habe ich darüber ehrlich gesagt gar nicht nachgedacht. Klar hätte ich auf Nummer sicher gehen können, aber ich wollte etwas Neues ausprobieren. Es ist manchmal vielleicht etwas unangenehm, sich durchzukämpfen. Das kann aber auch Spaß machen. Ich habe eine Menge cooler Leute ins Studio eingeladen, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Zum Beispiel die Londoner Sängerin Ren Harvieu oder Jake Emlyn, der auf „Heaven’s Falling“ rappt. Er hat noch nicht mal einen Plattenvertrag. Die Produzenten Charlie Russell und Brad Spence haben derweil zuletzt mit Alt-J gearbeitet. Ich selbst bin vermutlich das Älteste, was Sie auf dieser Platte hören.

chilli: Im Juni gehen Sie auf Clubtour. Das Geld brauchen Sie sicher nicht. Geht es Ihnen um Selbstverwirklichung?
Owen: Was Geld betrifft, bin ich ehrlich gesagt ziemlich schlecht, davon habe ich keine Ahnung (lacht). Aber darum geht es natürlich nicht. Es geht um die Erfahrung. Ich will das alles dieses Mal wirklich genießen.

chilli: Was bedeutet Ihnen Erfolg?
Owen: Wissen Sie, vor ein paar Tagen beglückwünschte mich jemand, und ich fragte, was er meint. Er sagte: „Glückwunsch, weil du etwas zu Ende gebracht hast.“ Ich finde er hat Recht! Etwas zu Ende zu bringen, ist manchmal gar nicht so einfach. Das vergisst man oft. Also es kommt drauf an – in manchen Momenten ist es für mich schon Erfolg genug, dass ich ein Album gemacht habe, auf das ich stolz bin. In anderen Momenten wünsche ich mir natürlich, damit erfolgreich zu sein. Ich möchte, dass die Leute die Songs hören. Und wenn sie schon 47 Minuten ihres Lebens opfern, soll ihnen das Album natürlich auch gefallen! Lassen Sie es mich so formulieren: Wenn es den Leuten gefällt, ist es für mich ein Erfolg.

Bei seiner Soloplatte konnte Mark Owen (Mitte) freier arbeiten: "Bei Take That ist alles penibel organisiert, und das muss es natürlich auch sein", sagt der Musiker.

 

chilli: Textlich beginnt das Album sehr positiv, geradezu lebensbejahend. Doch zum Ende hin werden Sie immer düsterer.
Owen: Finden Sie? Das kommt wohl auf den Blickwinkel an.

chilli: Na ja, es geht in mindestens drei Songs um den Tod …
Owen: Das stimmt, es geht viel um den Tod. Er gehört nun mal zum Leben. Ich bin langsam in dem Alter, in dem mehr und mehr Menschen in meinem Umfeld versterben. Meine Eltern leben zum Glück noch, ich selbst habe mit dem Tod also noch nicht viele Erfahrungen gemacht. Aber in meinem Umfeld habe ich es in letzten Jahren vermehrt wahrgenommen. Mit Freunden und meiner Familie habe ich über das Thema deshalb oft gesprochen, und das schimmert auf dem Album durch.

chilli: In dem Stück „End Of Everything“ fragen Sie sich, ob es nach dem Leben doch noch etwas Schönes gibt. Vielleicht Wiedergeburt?
Owen: Wir können jeden Moment sterben. Ich denke darüber nach. Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, frage ich mich, was wäre, wenn ich nicht mehr aufwachen würde. Das klingt albern, aber ist da etwas, das ich noch tun müsste? Und dann wache ich am nächsten Morgen auf und denke: „Juhu, ich lebe noch!“ Im Grunde stirbt man jeden Tag – und wacht dann wieder auf.

chilli: Schlafen ist komisch, oder?
Owen: Es ist wie sterben und wieder aufwachen! Diese Sekunden des Aufwachens, wenn man langsam anfängt, den Körper zu spüren. Darum sollte es übrigens in meinem Animationsfilm gehen. Ein leerer Körper, der sich langsam wieder mit Leben füllt. All diese Zellen, aus denen man besteht, sind wie eine Flickendecke. Für einen Tag funktioniert wieder alles, bis man erneut schlafen geht und die Flickendecke ablegt. Und irgendwann zieht man sie einfach nicht mehr an … Das ist der Tod. Oder ist es das Leben? Aber was weiß ich schon. Sollten Sie es jemals herausfinden, lassen Sie es mich wissen!

Mark Owen auf Deutschland-Tournee:
23.06. Frankfurt, Gibson
24.06. Berlin, C-Club

Fotos: Hamish Brown / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst