Nicht jeder kann Dolph Lundgren sein …

Für die einen ist er Sherlock Holmes’ grübelnder Sidekick Dr. Watson aus der BBC-Serie „Sherlock“, für die anderen der quirlige Hobbit Bilbo Beutlin aus Peter Jacksons Mittelerde-Saga. Gewiss ist, dass Martin Freeman (43) mit beiden Rollen in den Starhimmel gelangte. Dabei steht der Brite schon seit frühester Jugend auf der Bühne und machte erstmals mit seiner Rolle in der Comedy-Serie „The Office“ auf sich aufmerksam. Es folgten Rollen in Kinofilmen wie „Tatsächlich … Liebe“, „Shaun of the Dead“ und „Per Anhalter durch die Galaxis“. Noch bevor er eine weitere Hauptrolle in der TV-Serie „Fargo“ annahm, ließ sich Freeman für „Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere“ (Start: 10. Dezember), den dritten und letzten Teil nach Tolkiens Klassiker, die behaarten Hobbit-Füße ankleben, um Mittelerde vor dem Bösen zu retten.

Spätestens seit er die Hauptrolle in "Der Hobbit" annahm, ist Martin Freeman ein Star.

 

chilli: Wie blicken Sie jetzt mit Abschluss der Saga auf die letzten Jahre zurück?
Martin Freeman: Es war natürlich eine Rolle, die einem Schauspieler nicht jeden Tag angeboten wird. Ich habe diese Gelegenheit ergriffen, um meine Figur über die letzten drei Jahren von innen nach außen wachsen zu lassen. Es war eine lange Zeit, in der ich Bilbo für mich entdecken konnte. Ich fragte Peter Jackson oft, wann ich endlich Wut in meiner Rolle entwickeln oder andere Seiten von Bilbo spielen dürfte. Er antwortete immer, das wird schon kommen. So war es dann auch: Es hat sich entwickelt und wenn ich etwas gelernt habe, dann mich in Geduld zu üben.

 

chilli: Haben Sie je bereut, die Rolle angenommen zu haben?
Freeman: Bilbo war knapp vier Jahre Teil meines Lebens, und ich bin immer noch froh, dass ich die Rolle damals bekommen habe. Meine letzten Jahre wären ohne ihn gewiss ganz anders verlaufen. Es gab sogar mal eine Phase, in der ich dachte, dass ich die Rolle gar nicht packen würde. Jetzt bin ich sehr erleichtert, dass es mir ja doch gelungen ist.

 

chilli: Was war unangenehmer zu tragen – die Wuschelperücke oder die großen Hobbit-Füße?
Freeman: Ganz klar die Füße! Die Perücke ist sehr gut gemacht und fühlt sich daher auch gut an, aber die Füße können irgendwann sehr jucken, wenn man darin schwitzt und sich das Gummi gegen die Fußhaut scheuert. Da fängt man an, sich selbst so lange zu kratzen, bis es blutet. Sie wirken wie große Strümpfe, die einem übergestülpt werden. Zwei Leute mussten mir immer dabei helfen, und das Ganze dauert acht Minuten.

Die Perücke sei bei den Dreharbeiten zu "Der Hobbit" nicht das Problem gewesen, gesteht Martin Freeman: Die Hobbit-Füße waren schlimmer.

 

chilli: Benedict Cumberbatch, Ihr Partner aus „Sherlock“, ist in „Der Hobbit“ nur mit seiner Stimme dabei. Er spricht den Drachen Smaug. Das war gewiss ein ganz anderes Zusammenspiel als in der Serie …
Freeman: Ehrlich gesagt haben wir überhaupt nicht miteinander agiert. Wir waren noch nicht mal zur gleichen Zeit am Set. Als ich meine Szenen drehte, blieb mir nur meine Vorstellungskraft, um den riesigen Drachen vor meinen Augen bildhaft zu machen. Als Orientierungshilfe dienten mir Andeutungen seiner Augen, die acht Meter in die Höhe geschwungen wurden. Peter gab dann Regieanweisungen, von welcher Seite sich der Drache auf mich zu bewegen würde. Das war alles sehr gut choreographiert, und von Benedicts Stimme gab es nur 30 Sekunden auf Band.

 

chilli: Haben Sie sich in diesen Momenten Benedict Cumberbatch als riesiges Ungetüm vorgestellt?
Freeman: Es war interessant für mich, denn ich kenne Benedict ganz gut. Aber das hat mir nicht beim Drehen geholfen, denn man kann sich keinen Schauspieler als ein 100 Meter großes Ungetüm vorstellen. Also musste ich mir schon einen echten Drachen denken, was anders war als die Zusammenarbeit mit Andy Serkis, der im ersten Teil vom „Hobbit“ leibhaftig in der Rolle des Gollum vor mir stand.

 

chilli: Können Sie sich erklären, warum „Der Hobbit“, ein Kinderbuch, das vor 75 Jahren geschrieben wurde, noch heute so viel Begeisterung hervorruft?
Freeman: Schon seit der Steinzeit lieben Menschen fantastische Geschichten. Sie helfen uns, der eigenen Realität zu entfliehen, in eine Welt, die von Göttern und Monstern beherrscht wird. Gleichzeitig geht es dabei aber auch immer um uns selbst. Wir können uns mit den Figuren identifizieren. Wäre es anders, würden wir uns mit dem Hobbit gar nicht auseinandersetzen. Es geht um Familie, Loyalität, Gier, Eifersucht und alle Gefühle, die wir in uns spüren. Selbst ohne Perücke und große Füße würde die Geschichte vom „Hobbit“ funktionieren.

Ganz geheuer scheint Martin Freeman der Rummel um seiner Person auf der Premiere von "Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere" nicht zu sein.

 

chilli: Haben Sie sich mit Bilbo Beutlin identifiziert?
Freeman: Ich sehe ihn als einen ganz gewöhnlichen Typen, der in äußerst außergewöhnliche Situationen gerät – darum geht es in fast allen Heldengeschichten. Die meisten von uns suchen nicht danach, ihren Mut unter Beweis zu stellen, wir werden durch gewisse Umstände dazu gezwungen, so zu handeln. Zur Heldengeschichte deklarieren wir es erst im Nachhinein und nicht im Augenblick der Gefahr.

 

chilli: Zur Gefahr wird auch der Ring, der bei Bilbo bleibt. Gibt es etwas in Ihrem Leben mit einem so hohen Wert?
Freeman: Keine Gegenstände, aber gewiss Familienmitglieder, die für mich auf jeden Fall diese Wichtigkeit haben. Ich würde jetzt weder für Schuhe noch für Schallplatten morden, aber wenn das Leben eines mir sehr geschätzten Menschen auf dem Spiel stünde, wäre bestimmt auch ich zu Heldentaten fähig.

 

chilli: „Der Hobbit“ ist letztendlich eine Reise der Selbstfindung …
Freeman: Das habe ich weniger so empfunden. Für mich geht es darin vielmehr um die Freude am Leben. Das ist ein ebenso wichtiger Wert, denn wir alle suchen bei der Arbeit und im Privatleben nach Beschäftigungen, die uns Freude bereiten. Das habe ich in meiner Rolle gelesen. Wobei der Zeitpunkt noch zu früh ist, um sagen zu können, ob oder wie mich die Rolle verändert hat und verändern wird. Vielleicht kann ich das in 15 Jahren beantworten. Es ist ja oft so, dass man durch ein Ereignis nicht fünf Minuten später etwas dazugelernt hat, sondern erst viel später. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich glücklich bin, die Erfahrung mit „Der Hobbit“ gemacht zu haben. Ich hätte die letzten Jahren nicht anders verbringen wollen.

Vielleicht nicht für einen Ring, wohl aber für einen "sehr geschätzten Menschen" würde "Hobbit"-Darsteller Martin Freeman Heldentaten vollbringen.

 

chilli: Das klingt, als wären Sie sehr stolz darauf.
Freeman: Absolut! Immerhin spiele ich einen sogenannten Halbling, der große weltliche Veränderungen bewirkt. Das ist auch die Botschaft des Films, dass ein kleiner Mann Großes hervorrufen kann. Sicherlich ist „Der Hobbit“ nicht die erste Geschichte mit dieser Botschaft, aber sie ist stark und hoffnungsvoll, weil wir alle daran glauben wollen, dass es der Wahrheit entspricht. Die meisten Helden in der Menschheitsgeschichte sind eben keine Superhelden, sondern Durchschnittsmenschen. Wir alle wissen das, auch wenn Hollywood uns in dieser Hinsicht nicht immer die Wahrheit erzählt. Umso überraschender ist es, dass der kleine Bilbo zum echten Helden wird. Aber damit ist er ebenso wahrhaftig denn die meisten, die wir als heldenhaft, mutig oder inspirierend empfinden, sehen eben nicht wie Dolph Lundgren aus.

 

chilli: Sie sind Vater von zwei Kindern. Glauben Sie, dass Bilbo für sie ein Vorbild ist?
Freeman: Das wünsche ich mir für alle Kinder und sogar für alle Zuschauer. Jeder Film, der etwas auslöst – egal, ob ein Film nun schlecht oder gut ist – ist ein Plus. Deshalb tun wir das und liegen nicht den ganzen Tag im Bett: Wir wollen Menschen mit Filmen unseren erreichen und sie bewegen.

 

Text: Markus Tschiedert / Fotos: © 2014 Warner Bros. Ent. Inc. All Rights Reserved.
Quelle: teleschau – der mediendienst