Reise ins eigene Ich

Die Kamelfrau. So wurde Robyn Davidson einst genannt. 1975 hatte sich die damals 25-Jährige in den Kopf gesetzt, zu Fuß die australische Wüste zu durchqueren. Ihr Plan: 2.700 Kilometer, von Alice Springs zum Indischen Ozean, Verpflegung und Ausrüstung getragen von drei Kamelen. Trotz aller Strapazen erreichte die junge Australierin nach neun Monaten ihr Ziel und schrieb ihre Geschichte in dem autobiografischen Bericht „Spuren“ nieder. Vor dem ersten Treffen mit dieser Frau hatte Mia Wasikowska, die 24-jährige Hauptdarstellerin der gleichnamigen Kino-Verfilmung (Start: 10. April), schlaflose Nächte, wie sie beim Interview-Termin in London erzählt. Doch die gebürtige Australierin mit polnischen Wurzeln sorgte sich umsonst, dem Vorbild nicht gerecht werden zu können. In „Spuren“ liefert die feengleiche Schauspielerin („Stoker“, „Alice im Wunderland“) eine eindrucksvolle One-Woman-Show ab.

Mia Wasikowska drehte für "Spuren" mit Kamelen - und verstand sich bestens mit den Wüstenbewohnern.

 

chilli: Frau Wasikowska, wie war die Zusammenarbeit mit ihren tierischen Schauspielkollegen?
Mia Wasikowska: Die Kamele waren toll! Das sind Tiere mit einem sehr berechenbaren, sanftmütigen Naturell. Die flippen nicht einfach so aus. Außerdem sind sie witzig: mal albern wie ein Hund, mal versnobt wie eine Katze.

 

chilli: Sie spielen in „Spuren“ eine sehr körperliche Rolle. Wie schwierig waren die Dreharbeiten für Sie?
Wasikowska: Das war definitiv eine sehr intensive Erfahrung für mich! Die Hitze war nicht einmal das Schlimmste, eher der Wind und das grelle Sonnenlicht. Sich in dieser Form den Elementen auszusetzen – das ist schon irgendwie verrückt.

 

chilli: Robyn Davidsons autobiografischer Bericht „Spuren“ ist in Australien sehr bekannt. Wollten Sie auch deshalb an der Verfilmung mitwirken?
Wasikowska: In der australischen Literatur sind starke Frauenfiguren sehr dünn gesät, deshalb war ich sofort begeistert, eine davon zu spielen. Ich fand die Idee toll, eine australische Figur zu spielen und diese Geschichte, die viel über dieses Land aussagt, aus einer weiblichen Perspektive zu erzählen.

"In der australischen Literatur sind starke Frauenfiguren sehr dünn gesät", erklärt Mia Wasikowska. "Deshalb war ich sofort begeistert, eine davon zu spielen."

 

chilli: Als die Buchvorlage des Films 1980 erschien, traf sie einen Nerv: „Spuren“ wurde in 18 Sprachen übersetzt und stand lange auf australischen Lehrplänen. Ist die Geschichte auch heute noch relevant?
Wasikowska: Ich denke, sie ist heute sogar noch relevanter als vor 30 Jahren. Die Art, wie wir heute miteinander kommunizieren, ist zwar direkter und einfacher geworden, aber sie entkoppelt uns auf paradoxe Weise gleichzeitig von anderen Menschen. Je höher das Tempo unseres Alltags wird, desto größer wird unsere Sehnsucht danach, uns der Geschwindigkeit zu entziehen. Genau darum geht es im Film: sich selbst von den Zwängen des Alltags und der Gesellschaft zu befreien und alles zurückzulassen, um wieder zu sich selbst zu finden.

 

chilli: Wie war es, Robyn Davidson persönlich zu treffen?
Wasikowska: Im Buch wirkte sie auf mich so temperamentvoll und resolut, dass ich mir sicher war, sie würde jedem eine überziehen, der sie spielen will. Also war ich vor unserem ersten Treffen sehr nervös. Zu Unrecht: Sie hat eine sehr warme, freundliche Persönlichkeit und sprach sehr lange mit mir über ihre Erlebnisse, die sie sehr verändert haben.

 

chilli: Frau Davidson sagte, sie habe Sie für die Hauptrolle in „Spuren“ von Anfang an im Kopf gehabt.
Wasikowska: Ich wünschte, mir hätte das jemand vor unserem ersten Treffen gesagt! Das hätte mir viele Sorgen erspart.

 

chilli: Frau Davidson hat eine spezielle Technik, mit Kamelen umzugehen. Hat sie Ihnen die auch gezeigt?
Wasikowska: Vor Drehbeginn verbrachten wir einige Tage zusammen in der Wüste, und ich konnte sehr gut beobachten, wie sie mit den Kamelen arbeitet. Viele der vorwiegend männlichen Kameltreiber sind sehr schroff zu ihren Tieren. Robyn dagegen hat einen viel sensibleren, vielleicht weiblicheren, Ansatz.

Für ihren neuen Film "Spuren" setzte sich Schauspielerin Mia Wasikowska in ungewohnter Weise den Elementen aus.

 

chilli: Sehen Sie Ihr Heimatland durch den Film jetzt anders?
Wasikowska: Vor „Spuren“ drehte ich das letzte Mal in Australien, als ich 17 war. Es war sehr schön, wieder in der australischen Filmindustrie zu arbeiten. Außerdem war ich in der Region, in der wir drehten, zuvor noch nicht gewesen. Überhaupt hatte ich mich mit der australischen Wüste noch nicht wirklich auseinandergesetzt. Der Busch und die Küste sind mir vertrauter.

 

chilli: Welche Wirkung hatte die Wüste auf sie?
Wasikowska: Es ist ein interessanter Ort, aber auch ein beklemmender. Es gibt keinen Schatten, kein Wasser, keine Linderung. Dafür hat die Wüste etwas, das es in dieser Form nirgendwo sonst gibt: Einsamkeit.

 

chilli: Einsamkeit ist eines der Hauptthemen im Film. Was bedeutet dieses Gefühl für Sie?
Wasikowska: Es besteht ein großer Unterschied zwischen Einsamkeit und selbst gewähltem Alleinsein. Das Alleinsein ist etwas, das man genießen können sollte: Frieden schließen mit sich selbst, Dinge im eigenen Tempo tun. Einsamkeit im Sinne von Isolation ist dagegen unangenehm. Meine Figur steht irgendwo dazwischen: Sie sehnt sich danach, allein zu sein, fühlt sich dann aber recht schnell auch sehr einsam.

 

chilli: Im Film stellen Sie sich als Robyn Davidson die großen Fragen des Lebens: ‘Wer bin ich?’, ‘Wohin gehe ich?’, ‘Was möchte ich von Leben?’ Haben Sie einen Punkt in Ihrem eigenen Leben erreicht, an dem Sie diese Fragen für sich beantworten können?
Wasikowski: Nicht vollständig, nein. Das ganze Leben ist doch eine fortwährende Reise. Ich weiß nicht, ob man die Antworten auf diese Fragen jemals wirklich findet. Grob gesehen weiß ich schon, was ich vom Leben möchte und wo meine Prioritäten liegen. Ich möchte glücklich sein und ein gutes Leben führen. Aber genauer betrachtet bin ich doch oft im Konflikt mit mir selbst: „Bin ich gerade wirklich glücklich?“ Ich werde nicht immer schlau aus mir selbst. (lacht)

 

Text: Teresa Groß / Fotos: © Erik Weiss / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst