„Wir wollen kein One-Hit-Wonder sein“

Kraftwerk, Nena, die Scorpions, Lou Bega, Rammstein, Cascada, Tokio Hotel: Die Liste der deutschen Künstler, die in den USA größere Erfolge vorzuweisen haben, ist zwar bunt – aber doch recht kurz. Das Kasseler Folk-Pop-Duo Milky Chance hat in den letzten Monaten einen weiteren Farbtupfer hinzufügen können. Die Single „Stolen Dance“ wurde nach mehreren Spitzenplätzen in Europa und Australien nun auch im Mutterland der Pop-Musik für 500.000 verkaufte Einheiten mit Gold ausgezeichnet. Ein solcher Erfolg, davon können ihre Landsmänner und -frauen ein Liedlein singen, ist schwer aufrechtzuerhalten. Trotz einiger Skrupel und der Angst, das Ganze könne über die ihre jungen Köpfe wachsen, wie Sänger Clemens Rehbein (22) im Interview zugibt, wolle man diese „einmalige Chance“ nun aber auch nutzen.

Von Kassel aus zum Weltruhm: "Wir sind große 'Heimatstadt-Fans'", erklärt Sänger Clemens Rehbein (links) im Interview.

 

chilli: 100 Millionen YouTube-Klicks, Gold-Single in den USA, Auftritt bei Nighttalker Jimmy Kimmel … schon abgehoben?
Clemens Rehbein: Ich hoffe nicht. Aber ich bin mir durchaus bewusst, dass es schwer ist, das selbst einzuschätzen. Doch unsere Familien und Freunde in Kassel hätten bestimmt schon etwas gesagt, sollten wir uns in eine komische Richtung entwickelt haben. Die sind ein guter Spiegel dafür. Von daher: Ich glaube, dass noch alles ganz cool ist.

 

chilli: Sind Sie überhaupt noch oft in Kassel? Die Stadt ist eher nur geografisch der Nabel der Welt.
Rehbein: Wir sind krasse „Heimatstadt-Fans“. Unser Label-Büro ist auch bewusst da ansässig. Wir leben gerne hier und es gibt keinerlei Pläne und auch keine Gründe, daran was zu ändern.

 

chilli: Dank des Hits „Stolen Dance“ bereisen Sie die ganze Welt. Wie entstand der Song überhaupt?
Rehbein: Der Chorus ist schon so vier, viereinhalb Jahre alt. Zwei Jahre später kamen die Strophen dazu, irgendwann bastelten wir noch an der Refrain-Melodie und puzzelten das Ganze dann zusammen.

 

chilli: Und dann war der Hit geboren?
Rehbein: Es gab schon frühe Anzeichen dafür, ja. Als ich die Rohaufnahmen in meinem Zimmer anhörte, kam meine Mutter ins Zimmer und meinte: „Wow, der ist richtig geil!“ (lacht).

Scheinen ihren Erfolg ganz gut einschätzen zu können: Milky Chance stehen vor einer großen US-Tour.

 

chilli: Also entschied die Mama, welches Lied als erstes aus Ihrem Album „Sadnecessary“ ausgekoppelt wird?
Rehbein: Nicht ganz. „Stolen Dance“ war das dritte oder vierte Lied, das wir bei YouTube veröffentlichten. Und nach nur wenigen Tagen übertrumpfte es alle anderen klar. Wir vertrauten also eher der Statistik.

 

chilli: Macht es nach einer so langen Zeit überhaupt noch Spaß, den Song immer wieder spielen zu müssen?
Rehbein: Da kommt natürlich schon etwas Routine rein, aber ich singe das Ding noch immer gerne. Außerdem entwickelt man sich selbst ja auch immer weiter und kann das dann auch auf den Song anwenden. Mal singt oder spielt man ihn anders, variiert hier und da und entdeckt sogar neue Facetten daran.

 

chilli: Haben Sie das Gefühl, auch abseits von „Stolen Dance“ wahrgenommen zu werden. Also persönlich und als Band mit mehr als einem Lied?
Rehbein: Das macht jetzt wohl die meiste Arbeit. Einen Hit zu haben, ist schon geil. Aber das ist nun halt auch das Aushängeschild. Jetzt braucht es viel Label-Arbeit und vor allem Auftritte, um uns und unsere Musik zu zeigen. Das kostet Zeit und Kraft. Aber wir wollen kein One-Hit-Wonder sein. In Deutschland ist das aber schon nicht mehr der Fall.

 

chilli: In den USA geht der Kampf nun aber wieder von vorne los.
Rehbein: Klar. Aber auf den Konzerten dort konnten die Leute auch schon die anderen Lieder mitsingen. Das gibt einem natürlich ein gutes Gefühl. Die haben Bock auf mehr von uns.

"Eigentlich wollen wir uns immer mit allem Zeit lassen und alles erstmal reifen lassen" - doch dafür bleibt Milky Chance kaum Zeit.

 

chilli: Wie kann man sich einen Milky-Chance-Auftritt in den USA vorstellen? Wie viele Leute kommen dort zu einem Gig?
Rehbein: Also im Oktober wollten wir erst einmal alles klein halten. Wir spielten nur in Clubs, die dann aber auch voll waren. Wir waren halt noch nie da und wussten auch nicht, was uns erwarten wird. Es war aber auch total schön, mal wieder zu sehen, wie alles anfing und dann immer größer wurde. Auf unserer US-Tour nächstes Jahr spielen wir dann in Hallen für 1.600 bis gut 2.000 Besucher.

 

chilli: War es für Sie gleich klar, die Chance USA wahrzunehmen?
Rehbein: Auf jeden Fall. Also, naja, Skrupel waren schon da. Eigentlich wollen wir uns immer mit allem Zeit lassen und alles erstmal reifen lassen. Aber diese Chance kriegt man wohl nur einmal. Und in der Nachbetrachtung machte es ja auch echt Spaß. Es war total aufregend, da drüben Konzerte zu spielen. Aber klar, Ehrfurcht war schon da. Damit das alles nicht überhandnimmt, stellten wir etwa eine Einladung aus Japan erst einmal hinten an.

 

chilli: Wie kommt man überhaupt an eine Gold-Single in den USA? Alles nur Glück? Oder steckt eine besondere Strategie dahinter?
Rehbein: YouTube ist sicherlich unserer Sprungbrett bisher gewesen. Aber wir steckten auch viel in unsere Label-Arbeit: Promo, Interviews, Radio – da ist schon etwas dahinter. Wir organisieren das mit ein paar Freunden alles selbst, hier von Kassel aus. Unser eigenes Label ist so etwas wie unsere Kommandozentrale, unsere Basis, sozusagen. Da wird entschieden, wie es laufen soll sowie was cool ist und was nicht.

 

chilli: Und ein Auftritt bei Nighttalker Jimmy Kimmel wurde als cool eingestuft …
Rehbein: Klar, das war bisher wohl das dickste Ding. Es war vor allem interessant, das mal zu erleben. Die Show wird komplett aufgezeichnet und da gehört viel Schnippelarbeit dazu. Wir waren zum Beispiel nie in dem Studio, in dem Jimmy Kimmel sitzt. Wir trafen den auch nie und auch nicht Keanu Reeves, der zu Gast war. Wir spielten nur in irgendeinem Studio vor Publikum und am Abend sah es dann so aus, als wären wir mittendrin gewesen.

 

chilli: Wie fiel denn das Feedback in den USA aus?
Rehbein: Naja, bei Kimmel sang ich etwas schief. Das war nicht so geil. Aber ist jetzt so gelaufen. Ich war wohl zu aufgeregt. Sonst war aber alles recht positiv, würde ich sagen.

 

chilli: War es auf ihrem Amerika-Trip ein großes Thema, dass Sie Deutsche sind?
Rehbein: Es wurde schon immer erwähnt, klar. Und an unserem Akzent merkten es die Leute sicherlich auch. Aber nachdem es ausgesprochen war, konzentrierten sich die Leute immer auch auf das Wesentliche.

 

chilli: Wird Ihr Album „Sadnecessary“ nun weiter dort beworben oder müssen Sie nun schnell nachlegen?
Rehbein: Das Album kam ja erst im Oktober in den USA raus. Also knapp eineinhalb Jahre nach dem deutschen Release. Wir gehen nächstes Jahr erst einmal auf Tour, erst Australien und Neuseeland, dann ein paar Gigs in Europa und Ende März dann knapp zwei Monate durch die USA und Kanada. Danach machen wir eine Pause. Vor Ende 2015 werden wir wohl nichts Neues aufnehmen.

 

chilli: Ob da mal nicht der Druck die Pläne durchkreuzt …
Rehbein: Der ist auf jeden Fall schon spürbar, ja. Aber man versucht das natürlich abzustreifen. Wir müssen schauen, dass wir unser Ding machen und uns treu bleiben. Dafür ist ja auch die Pause da, um sich von Allem zu befreien.

 

chilli: Die letzte deutsche Band mit vergleichbarem Erfolg über deutschsprachige Grenzen hinweg waren Tokio Hotel. Läuten da nicht die Alarmglocken, wenn es um Fan-Stress geht?
Rehbein: Nee, bis jetzt haben wir das im Griff. Unsere Fans sind da ja auch ganz anders, sehr gechillt und so. Tokio Hotel hatten eine ganz andere Zielgruppe. Das ist eher so die Sparte Justin Bieber, wo vor dem Hotel 100 Kiddies zelten. Da haben unsere Fans keine Lust zu (lacht).

 

Text: Max Trompeter / Fotos: © James Kendall / David Ulrich / Milky Chance
Quelle: teleschau – der mediendienst