Ein England, nicht von dieser Zeit

Als Neffe John Barnaby ist Schauspieler Neil Dudgeon schon eine Weile in der Serie „Inspector Barnaby“ dabei. Nun übernimmt er den Part des Hauptdarstellers von John Nettles, der nach 13 Staffeln als ironisch-süffisanter Ermittler der britischen TV-Serie den Rücken kehrte. Unter dem Titel „Inspector Barnaby: Unter Oldtimern“ wird am Sonntag, 21. September, 22.00 Uhr, sein erster Fall im ZDF ausgestrahlt. Neil Dudgeon, 1961 in Yorkshire geboren, ist seit den 90-ern regelmäßig im britischen Fernsehen zu sehen. Auffällige Rollen spielte er in Serien wie „The Mrs Bradley Mysteries“ oder der Comedyshow „Roman’s Empire“. Er ist mit einer Radioproduzentin der BBC verheiratet und hat zwei Kinder. Im Interview spricht Dudgeon über Inspector Barnabys Spiel mit britischen Klischees und darüber, warum die Serie seit 17 Staffeln so gut beim Zuschauer ankommt.

Spiel mit der Oberfläche eines alten Englands: Schauspieler Neil Dudgeon (links) ist der neue "Inspector Barnaby". Jason Hughes spielt seinen Assistenten Ben Jones.

 

chilli: Für die deutschen Zuschauer sind Sie der neue Inspector Barnaby. In England haben Sie bereits ein paar Staffeln auf dem Buckel. War es schwer, als Nachfolger des alten Darstellers John Nettles akzeptiert zu werden?
Neil Dudgeon: Ich denke, die meisten Zuschauer haben es mittlerweile ganz gut verkraftet, dass John aufgehört hat. Er hat Inspector Barnaby 13 Jahre lang sehr erfolgreich und toll gespielt. Ich war lange ein Fan der Serie, bevor ich als Schauspieler mit ihr zu tun bekam. Genau das führte aber auch dazu, dass ich mir nicht so viele Sorgen machte, als ich die Rolle übernahm. Ich wusste, wie stark die Serie ist und wie sie funktioniert. Ich denke, ich treffe ihren Ton – weil ich ihn liebe. Natürlich gab es Leute, die mir sagten, dass sie die Serie nicht mehr schauen würden, wenn John Nettles aufhört. Das sagten sie mir natürlich, bevor klar war, dass ich sein Nachfolger sein würde (lacht). Die meisten von ihnen haben sich wohl an mich gewöhnt. Wäre es anders, würde ich jetzt eher nicht mit Ihnen über „Inspector Barnaby“ reden!

 

chilli: In Großbritannien läuft die 17. Staffel von „Inspector Barnaby“. Was ist das Erfolgsgeheimnis dieses Krimis?
Dudgeon: Die Mischung aus lieblichem englischem Landleben und Mord. „Inspector Barnaby“ ist eine Serie, die mit Oberflächen spielt – und mit dem, was darunter liegt. Vordergründig ist alles sehr nett bei uns. Nicht nur das Land, sondern auch seine Bewohner. Dann jedoch passiert ein Mord. Die Polizei taucht auf, und alle lügen. Nicht nur die, die schuldig sind, sondern auch die anderen. Ich glaube, genau das ist die Methode dieses Krimis, und sie funktioniert sehr lange schon sehr gut.

 

chilli: Es geht bei Ihnen also mehr um den Unterschied zwischen Schein und Sein, als um das klassisch Kriminalistische?
Dudgeon: Ich glaube, wenn man die Morde aus unseren Geschichten weglassen würde, hätte man immer noch ziemlich interessante Geschichten. Unsere Storys erinnern mich immer an diese großen, scheinbar leblosen Steine, die man irgendwo in der Natur aufhebt. Man dreht sie um, und darunter kreucht und fleucht es – alles ist voller fliehender Insekten und Würmer (lacht). Trotzdem sollte man die Konstruktion des Falles und die Auflösung der Frage, wer nun der Mörder ist, nicht außer Acht lassen. Das klassische „Whudunit“ interessiert ebenfalls viele Menschen.

Gestatten, Inspector Barnaby. John Barnaby (Neil Dudgeon, Mitte) ermittelt in seinem ersten Fall (Szene mit Jason Hughes, links, und Barry Jackson).

 

chilli: Die Serie arbeitet stark mit britischen Klischees. Ist auch das ein Erfolgsfaktor?
Dudgeon: Vielleicht. Ein britisches Klischee ist die Höflichkeit, mit der sich die Menschen in unserem Land behandeln. Zumindest von der Mittelklasse aufwärts. Diese Höflichkeit existiert tatsächlich vor allem in der englischen Sprache, auch sie gehört zum erwähnten Spiel mit den Oberflächen: höfliche Worte zu abgründigem Verhalten. Im Laufe der letzten Staffel drehten wir eine Folge in Dänemark, wo „Inspector Barnaby“ ungeheuer populär ist. Als ich nun dort war, fand ich die skandinavische Gesellschaft der britischen fast ein bisschen ähnlich. Auch dort scheint oberflächlich alles sehr lieblich und freundlich zu sein, die Menschen sind ungeheuer nett. Andererseits erfinden sie extrem abgründige TV-Krimis wie „Kommissarin Lund“ oder „Die Brücke“ – es muss diesen Gegensatz also auch dort geben. Wir Briten haben das nicht exklusiv (lacht).

 

chilli: Es ist aber nicht nur die Sprache, die bei Ihnen sehr britisch ist. Jene Episode, die Sie als neuen Chef-Inspektor einführt, arbeitet mit den Insignien des alten Englands: eine Privatschule, eine Oldtimer-Rallye …
Dudgeon: Ja, aber es kommen auch Drogen und Sozialbauten vor. Sicherlich sind Bilder und Inszenierung des alten, wohlhabenden Englands vorherrschend. „Inspector Barnaby“ wirkt in seiner Szenerie immer so ein bisschen unwirklich. Es ist sicher keine Serie, die das echte Leben abbildet. Dieses Leben kommt vor, es wird nicht verneint, aber im Vordergrund steht das hochironische Miteinander jener Leute, die in ihrem Verhalten so ein bisschen das alte England repräsentieren. Das ist einfach die Stimmung der Serie: Sie spielt in der Gegenwart, strahlt aber ein bisschen das Gefühl einer Welt aus, die man heute nur noch an wenigen Orten so findet – selbst in England.

 

chilli: „Inspector Barnaby“ ist also etwas für England-Retro-Fans?
Dudgeon: Wie gesagt, wir spielen mit dieser Welt – wohl wissend, dass sie so nicht mehr existiert und wahrscheinlich auch nie existierte. Sicherlich gibt es immer Leute, die sagen, dass in den 20-ern, 50-ern oder 70-ern alles besser war. Vielleicht schauen manche von ihnen auch „Inspector Barnaby“ …

Das neue Team rund um die britische Serie "Inspector Barnaby" (von links): DS Ben Jones (Jason Hughes), Dr. Bullard (Barry Jackson) und DCI John Barnaby (Neil Dudgeon).

 

chilli: Offenbar ist die Lust der Zuschauer auf das alte England gegenwärtig riesengroß. Man muss sich nur den weltweiten Erfolg einer Serie wie „Downton Abbey“ anschauen!
Dudgeon: Natürlich ist es immer interessant, einen Blick darauf zu werfen, wie Gesellschaften früher ausgesehen und funktioniert haben. Womit ich aber nicht einverstanden bin, ist die Ansicht mancher Leute, dass die Welt damals besser war, weil sie weniger komplex und furchteinflößend war. Warum, frage ich Sie, sollte man das Leben in den 20-ern glorifizieren? Großbritannien hatte gerade die Katastrophe des Ersten Weltkriegs hinter sich. Es war die Zeit der Generalstreiks und einer großen wirtschaftlichen Depression. Den meisten Menschen ging es schlecht, Kinder starben zu Tausenden aufgrund miserabler medizinischer Versorgung. Die 20-er bestanden nicht nur aus Herrenhäusern, in denen sich gepflegte, gut aussehende Leute geistreiche Dinge sagten. Insofern weiß ich nicht, warum man sich in diese Zeit zurückwünschen sollte.

 

chilli: Das klingt so, als wären Sie kein Fan solcher Historienstoffe…
Dudgeon: Kommt drauf an. Für mich muss jeder historische Stoff in irgendeiner Form die Gesellschaft von heute spiegeln. Eine Serie, die wie „Downton Abbey“ in den 20-ern spielt, kann das Verhältnis zwischen Herrschaft und Dienstboten auf unterschiedliche Art zeigen. Entweder so, dass man sagt: Die Gesellschaft funktionierte damals besser als heute, weil jeder seinen Platz hatte, keine Veränderung möglich war und somit viel Sicherheit herrschte. Oder man zeigt es so, dass genau dieser Zustand für die Armen und Untergebenen eigentlich unerträglich war. Ich finde, solche Konflikte müssen thematisiert werden – dann bin ich durchaus ein Fan solcher Stoffe.

 

chilli: Haben Sie derzeit eine Lieblingsserie im britischen Fernsehen?
Dudgeon: Es gibt eine sehr lustige Comedy-Serie, „Toast of London“, die ich sehr mag. Sie erzählt von einem exzentrischen Schauspieler mittleren Alters, dessen Erfolge schon eine Weile zurückliegen. Ebenfalls toll fand ich „Happy Valley“, eine sechsteilige Mini-Krimiserie über einen Mord auf dem Lande – sehr viel brutaler und realistischer als „Inspector Barnaby“. Ich schaue insgesamt aber nicht viel Fernsehen. Wenn mein Sohn im Bett liegt, ist es oft nach neun Uhr abends. Wenn ich drehe, muss ich oft um fünf Uhr aufstehen. Abends fühlen meine Frau und ich uns meist so müde, dass wir lieber früh ins Bett gehen, anstatt uns im Fernsehen noch stundenlang das Schlechte dieser Welt anzusehen (lacht).

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © ZDF / Mark Bourdillon
Quelle: teleschau – der mediendienst