Mehr Herzenergie

Nena ist gut gelaunt – obwohl sich der lange Interview-Tag in München bereits seinem Ende nähert. Sie zeigt ehrliches Interesse am Gesprächspartner, hält mit ihren ungefilterten Emotionen und manchmal esoterisch wirkenden Gedanken nicht hinterm Berg und lacht viel. Kurzum: Nena ist tatsächlich die Nena, die man kennt – vor allem zuletzt von ihrer Tätigkeit als Jurorin bei „The Voice of Germany“. Nach drei Staffeln verließ sie die Castingshow Anfang 2014, um wieder an neuer Musik zu arbeiten: Das Ergebnis heißt „Oldschool“ und zeigt die 54-jährige Pop-Ikone in all ihren musikalischen Facetten. Aber egal, ob die vierfache Mutter und dreifache Großmutter über Vergangenheitsbewältigung und den Tod ihres ersten Sohnes, über Tugenden und gesellschaftliche Probleme oder ihr angeblich berufsjugendliches Image spricht: Man merkt, dass an Nena alles echt ist – vor allem aber ihr (fast) unerschütterlicher Optimismus.

Bloß keine falsche Nostalgie: Nena blickt - trotz des Titels - auf ihrem Album "Oldschool" am liebsten optimistisch nach vorne.

 

chilli: Was an Nena ist „Oldschool“?
Nena: Für mich ist „Oldschool“ ein ganzheitliches Gefühl, das alles miteinander verbindet. Es vereint Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und macht alles zu einem schönen … Salat! (lacht) Früher wollte ich nicht über früher reden, auch nicht über die 80-er. Da war ich eben anders drauf. Vergangenheit war damals vergangen, Schluss aus …

 

chilli: Aber die Vergangenheit lässt sich nicht ausblenden.
Nena: Ja, und ich brauchte eben ein bisschen, bis ich das geschnallt habe. Die Vergangenheit macht einen ja auch zu dem Menschen, der man heute ist. Mein erstes Album ist seit 34 Jahren draußen, das ist lange her, könnte aber auch gestern gewesen sein. In jedem Fall lang genug, um eine Menge Erfahrungen einzusammeln. Unsere Erfahrungen sind die Bausteine und alles schwingt immer mit.

 

chilli: Und jetzt kam eine neue Erfahrung hinzu. Sie arbeiteten mit Rapper Samy Deluxe zusammen. Auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Wahl …
Nena: Einen Samy Deluxe wählt man nicht. Dem begegnet man zufällig irgendwo, und dann geht sofort was Tolles ab. Wir mochten uns auf Anhieb, und als er eines Tages ungefragt mit ersten Songideen auf mich zu kam, hat er mich damit zu 100 Prozent abgeholt. Und das war der Start eines schönen neuen Albums. Von da an waren wir unzertrennlich! (lacht)

 

chilli: Was brachte er mit?
Nena: Zum Beispiel neue Textansätze. Wir haben ähnliche Lebensthemen, obwohl wir ganz verschiedene Leute sind, aber wenn man sich verbunden fühlt, kann gerade die Unterschiedlichkeit ein hammer Motor sein und kreative Schübe auslösen. Man schätzt sich gegenseitig für das, was jeder mitbringt und freut sich über die Fähigkeiten des anderen. Das ist freies Arbeiten oder anders gesagt, rock’n’rollige Potenzialentfaltung. Samy hatte die Vision für das Ding, und ich stieg an den Stellen ein, die für mich bestimmt waren. Zum Beispiel bei „Bruder“.

 

chilli: Der Song ist wohl der persönlichste auf „Oldschool“. Es geht darin um Ihren verstorbenen Sohn …
Nena: Ja und ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, auf diesem Album nochmal über mein erstes Kind zu schreiben, wenn Samy nicht damit angefangen hätte. Irgendwann im Studio hatte ich ihm mal von dem Tod meines ersten Kindes erzählt. Er hat das nicht vergessen, und irgendwann fiel ihm die erste Strophe zu dem Song „Bruder“ ein. Er bat mich um ein Gespräch unter vier Augen und fragte mich, ob er sich an das Thema überhaupt ranwagen dürfe. Was ich dann hörte, berührte mich sehr. Mit seinen Worten sprach er mir aus der Seele. Ich fand später die richtigen Worte für die zweite Strophe. So ergänzten wir uns schön.

 

chilli: „Oldschool“ ist ja ursprünglich ein Begriff aus dem HipHop-Bereich, der auch die Wichtigkeit einer gewissen „Echtheit“ betont. Wie wichtig ist Authentizität für Sie?
Nena: Anders geht es wahrscheinlich gar nicht! (lacht) Wir schlüpfen doch ständig in irgendwelche unterschiedlichen Rollen und können uns dabei trotzdem authentisch und echt fühlen. Ich konnte in der Schule auch mal das brave Mädchen spielen. Solange ich fühle, was ich tue, bin ich authentisch.

 

chilli: Gab es trotzdem Situationen, von denen Sie im Nachhinein dachten: Das war jetzt nicht ich?
Nena: (überlegt) Nein, das bin ja immer ich und ich allein trage die Verantwortung für das, was ich tue.

 

chilli: Eigenverantwortung ist ja in gewisser Weise eine Tugend. Gibt’s denn – den Albumtitel mal wörtlich übersetzt – Dinge, bei denen Sie „alte Schule“ sind, Werte, die Sie für unverzichtbar halten?
Nena: Pünktlichkeit! Im Zusammenleben mit meinem Mann muss ich darauf allerdings verzichten. Der kommt einfach immer zu spät! (lacht) Ich halte Pünktlichkeit für eine praktische Sache, man hat dann einfach weniger Stress mit Zeit. Ich finde das Konzept Zeit auch toll. Ich find’s toll, zu wissen, dass ich morgen ins Kino gehe, Popcorn esse und übermorgen mein neues Album rauskommt. Ich find’s toll, Pläne zu schmieden und mir Ziele zu setzen. Und ich denke nicht in Zeitabschnitten, das sind fließende Übergänge. Die Zeit wandert mit…

 

chilli: … aber pünktlich sollte man bei Ihnen trotzdem sein …
Nena: Unbedingt! Weil es einfach oldschool ist. Genauso wie einer meiner Lieblingssprüche: „Ohne Fleiß kein Preis“, fleißig sein, im Sinne von dran bleiben, Sachen durchziehen, ohne Leistungsdruck, weil es Spaß macht.

 

chilli: Apropos Leistungsdruck. Auf dem Album klingt ja auch leise Gesellschaftskritik an. Gibt es konkrete Entwicklungen, die Sie beunruhigen – gerade auch als Mutter und Großmutter?
Nena: Ich mache mir auch Sorgen, Gründe dafür gibt es genug. Aber ich glaube an uns Menschen. Und ich glaube auch daran, dass ich nicht in meinen Sorgen versinke und mir wünsche, wie es sein könnte. Ich wünsche mir zum Beispiel, dass wir Menschen uns wieder öffnen für die Herzenergie. Es gibt eine Million Gründe, sich Sorgen zu machen, aber es passieren auch sehr viele schöne Dinge … (überlegt) … Ich komme auch manchmal nicht klar, aber ich bleibe vielleicht nicht so lange in diesen Gefühlen hängen.

 

chilli: Hängen Sie denn oft nostalgischen Gefühlen nach?
Nena: Ich schwelge nicht in Erinnerungen, aber ich schaue gerne zurück. „Lieder von früher“ entstand, weil ich das Bild vor Augen hatte, wie ich mit 13 in meinem Zimmer unterm Dach vor meinem Plattenspieler lag. Solche Zeitreisen sind schön, machen mich aber nicht wehmütig.

Ihre Unterschiedlichkeit war ein Motor für "kreative Schübe": Nena arbeitete mit Rapper Samy Deluxe an ihrem neuen Album "Oldschool".

 

chilli: Im Lied werden keine Titel genannt. Zu welchen Songs tanzte die 13-jährige Nena denn?
Nena: Es fing an mit „Paranoid“ von Black Sabbath. Die Single versetzte mich komplett in ein anderes Universum. Bis dahin war ich Gymnasiastin, wollte und sollte eigentlich auch weitermachen bis zum Abitur, ich hielt es dann noch ein paar Jahre aus … Danach kam „Angie“ von den Stones. Ich weiß noch, wie ich das im Radio hörte und nur noch heulte. Die ersten Langspielplatten waren dann Neil Young, „Ziggy Stardust“ von David Bowie.

 

chilli: Nicht unbedingt Musik zum Tanzen …
Nena: Getanzt hab ich zu James Brown, da drehte ich völlig durch. Das ist heute noch so.

 

chilli: Und was hört Nena heute sonst so?
Nena: Mein Musikgeschmack ist sehr vielfältig. Ich mag auch alte Volkslieder, „Der Mond ist aufgegangen“ singe ich meinen Enkeln manchmal vor.

 

chilli: Kennen Ihre Enkel denn auch schon Ihre Kinderalben?
Nena: Ja, und sie kennen auch schon was von den alten Nena-Platten.

 

chilli: Für Ihre Enkel ist ihre „junge“ Großmutter ja Normalität, für viele Menschen aber immer noch nicht, was Sie im Song „Berufsjugendlich“ ja auch augenzwinkend kommentieren. Woher glauben Sie kommen die Vorbehalte?
Nena: Ich glaube, das hat etwas mit Konditionierung zu tun: Der Song ist eine humorvolle Antwort darauf. Für viele Menschen ist eben festgelegt, wie man in welchem Alter zu sein hat. Und dann ist die auch noch dreifache Großmutter … (lacht)

 

chilli: Bald können Sie sich in gewisser Weise sogar wieder als Kind fühlen … Sie spielen ein Konzert an Ihrer alten Grundschule in Hagen. Mit welchen Gefühlen gehen Sie da hin?
Nena: Mit heimatlichen Gefühlen. Seit 48 Jahren habe ich das Ding nicht mehr von innen gesehen, und nun stehe ich bald in meiner alten Schulaula und spiele ein Rock-Konzert. Ich male mir jetzt schon aus, wie es sich anfühlt, wenn meine Garderobe eventuell mein altes Klassenzimmer ist. Und vielleicht schließt sich da auch ein Kreis und ich kann mit meiner nicht so gelungenen Grundschulzeit Frieden schließen.

 

chilli: Was war nicht gelungen?
Nena: Ich verstand als Kind nicht, warum ich gezwungen wurde, in der Schule Dinge zu tun, die mir keinen Spaß machten. Es gab auch viel Schönes, aber wenig Raum für Kreativität und eigene Gedanken.

 

Text: Stefan Weber / Fotos: © Alexander Huseby / Ester Haase
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

Nena auf Deutschland-Tournee:

04.03., Berlin, SO 36
07.03., Hagen, Pelmke Kulturhaus
09.03., Braunschweig, Music Hall
10.03., Bremen, Modernes
11.03., Frankfurt, Batschkapp
15.03., München, Technikum
17.03., Wolfhagen, Kulturstadthalle
18.03., Würzburg, Postbahnhof
20.03., Stuttgart, Wagenhallen
21.03., Erfurt, Stadtgarten
24.03., Hamburg, Mojo