Bekannt für seine ebenso poetischen wie gewalttätigen Rachedramen hat der Koreaner Park Chan-wook („Old Boy“) jetzt seinen ersten US-Film inszeniert – und das beinahe blutfrei. Das sehr an Hitchcock angelehnte Konzept von „Stoker“ (Start: 9. Mai) überzeugte auch Hollywooddiva Nicole Kidman. Die diesjährige Cannes-Jurorin spielt in diesem klassischen Suspensethriller die Witwe Evelyn Stoker, die jeglichen Halt verloren hat. Ein Gefühl, dass Nicole Kidman selbst nicht fremd ist. Im Interview spricht die 45-Jährige über ihren Hang zu labilen Frauen, Champagnermomente und emotionale Abgründe.

Oscarpreisträgerin Nicole Kidman hat eine Vorliebe für "problembehaftete Mutterrollen", wie sie sagt.

 

chilli: Was hat Sie an diesem Projekt besonders angezogen?
Nicole Kidman: Auf jeden Fall der Regisseur und die Unsicherheit der Figur, ihre Haltlosigkeit. Schon als Schauspielschülerin sind die Rollen, die man faszinierend findet, zumeist problembehaftete Mutterrollen, von den griechischen Tragödien über Shakespeare bis zu den Stücken von Tennessee Williams. Auch wenn Regisseur Park Chan-wook nicht müde wurde zu betonen, dass er nicht möchte, dass Evelyn Stoker wie eine Figur von Tennessee Williams wirkt. Unter anderem spielt der Film ja nicht explizit in den Südstaaten und die Figuren haben keinen Akzent. Der ganze Film sollte zeitlos sein, nicht verortet werden können.

chilli: Sie standen außerdem auch gerade als Grace Kelly vor der Kamera, für Olivier Dahans Biopic „Grace Of Monaco“.
Kidman: Olivier hat so ein anziehendes Wesen, dass ich keine Sekunde gezögert habe, diese Rolle anzunehmen. Außerdem konnten meine Familie und ich während des Drehs in Frankreich wohnen, es war zauberhaft. Ich konnte meinen Kindern den französischen Lebensstil nahe bringen. Aber auch vor diesem Film hatte ich schlaflose Nächte und machte mir wie bei jedem Projekt schrecklich viele Gedanken.

chilli: Worüber?
Kidman: Na, ob ich das wirklich spielen kann. Ich bin inzwischen berüchtigt dafür, kurz vor knapp noch einen Rückzieher zu machen. Ich bekomme teilweise Angst vor der Rolle, mir fallen plötzlich zehn Leute ein, die das doch viel besser spielen könnten, und so weiter … Mein Kopf spielt mir Streiche.

"Ich bin inzwischen berüchtigt dafür, kurz vor knapp noch einen Rückzieher zu machen", weiß Nicole Kidman. Die Rolle in "Stoker" behielt sie glücklicherweise.

 

chilli: Und womit sind Sie zu beruhigen?
Kidman: Indem mir mein Agent sagt: „Nicole, dafür wirst du verklagt!“ Im Ernst, ich schleiche um eine Rolle wie eine Katze um den heißen Brei, aber wenn ich dann einmal Blut geleckt habe, dann geht es auch. Früher war das allerdings immer eine emotionale Achterbahn.

chilli: Würden Sie auch Fernsehrollen annehmen?
Kidman: Grundsätzlich immer. Es gibt aktuell ja ganz wunderbare Serien, wie zum Beispiel „Homeland“. Allerdings bin ich von der faulen Sorte und bei Fernsehproduktionen ist das Arbeitspensum enorm, das hat mir erst neulich wieder Tim Roth (spielt in der Serie „Lie To Me“, Anm. d. Red.) bestätigt. Ich bin außerdem gerne eine Mutter, die für ihre Kinder auch präsent ist. Wenn also zufällig eine Teilzeitrolle in einer Serie zu haben wäre, die in der Nähe meines Hauses gedreht werden würde, dann gerne. Die Chancen dafür stehen aber eher schlecht.

chilli: Sie gehören seit Jahren zu den Top-Stars in Hollywood. Welches waren die „Champagner“-Momente, die prickelndsten Augenblicke in Ihrer Karriere?
Kidman: Zuletzt sicher der Drehschluss von „Grace Of Monaco“, da haben wir nach fünf Monaten harter Arbeit die Korken knallen lassen.

Glücklich in Nashville: Mit ihrem Mann Keith Urban hat Nicole Kidman zwei Töchter. Aus der Ehe mit Tom Cruise stammen zudem zwei erwachsene Adoptivkinder.

 

chilli: Und als Sie 2003 den Oscar für „The Hours“ in der Hand hielten …
Kidman: … war das auf jeden Fall auch Anlass, eine Flasche Champagner zu entkorken. Aber mit gemischten Gefühlen, weil ich mich gleichzeitig so unglaublich allein fühlte. Manchmal führt enormer beruflicher Erfolg nur umso mehr vor Augen, was einem im echten Leben fehlt. Dieses Gefühl hatte ich damals, angefangen von der Präsentation von „Moulin Rouge“ 2001 in Cannes bis zur Oscarverleihung. Ich durchlebte eine seltsame Zeit, in der beruflicher Erfolg und persönliches Scheitern aufeinander trafen.

chilli: Was hätten Sie denn damals in Ihrem Privatleben gerne geändert?
Kidman: Ich wollte verzweifelt ein Baby haben und ein wahrhaftiges, erfülltes Leben. Die Möglichkeit, sein Leben über die Figuren zu leben, die man spielt, ist verlockend und bis zu einem gewissen Grad auch erfüllend. Man lernt alle paar Monate neue Menschen kennen, man entwickelt enge Beziehungen zu Regisseuren und Kollegen. Aber dann kommt der letzte Drehtag und jeder geht nach Hause zu seiner Familie. Und du fragst dich: Was mache ich jetzt? Ich hatte zu dieser Zeit noch nicht mal eine Wohnung, habe mich hier und dort eingemietet und aus der Tasche gelebt. Ich suchte den Menschen, der den Rest meines Lebens an meiner Seite geht und dieses Leben mit mir teilt.

Fürstlich: Nicole Kidman drehte zuletzt das Biopic "Grace Of Monaco", in dem sie Grace Kelly spielt.

 

chilli: Und dann?
Kidman: Dann bin ich in Nashville, Tennessee, gelandet (lacht). Als ich meinen Mann Keith Urban kennenlernte und er mir gestand: „Ich wohne in Tennessee“, habe ich kurz gezuckt und dann gesagt: “Das ist sicher kein K.O.-Kriterium!

Quelle: teleschau – der mediendienst
Fotos: 2013 Twentieth Century Fox