„Ich war immer die, die den Mund aufgemacht hat“

Nikeata Thompson war sechs Jahre alt, als sie mit ihrer britisch-jamaikanischen Familie ihre Heimat England verließ und nach Deutschland kam. Hier fand sie vor allem Gefallen am Sportangebot, war bis zum Ende ihrer Jugend eine erfolgreiche Leichtathletin. Mit 18 Jahren entschied sie sich für einen anderen Leistungssport: das Tanzen. Die heute 33-Jährige wurde Backgroundtänzerin der Band Seeed und gründete bald ihre eigene Agentur für Tänzer. Neben ihrer Arbeit als Tänzerin und Choreografin kennen viele Thompson jetzt vor allem als Jury-Mitglied der Tanz-Castingshow „Got To Dance“, die ab 17. Juli in die zweite Staffel startet (donnerstags, 20.15 Uhr, bei ProSieben, freitags, 20.15, bei SAT.1). Im Interview spricht Thompson über ihre Entscheidung gegen eine Karriere als Hürdenläuferin und fürs Tanzen, über zu wenig Respekt vor ihrem Beruf in der Öffentlichkeit und darüber, warum sie in „Got To Dance“ vor allem durch ihre quirlige, laute Art auffällt.

"Wenn ich jemanden unterhalten und zum Lachen bringen konnte, habe ich mich immer gefreut": Nikeata Thompson passt perfekt vor die Kamera.

 

chilli: Nikeata Thompson, wann waren Sie zuletzt richtig mutig?
Nikeata Thompson: Im letzten Jahr habe ich Water-Rafting probiert bin mit einem Schlauchboot über den Nil gebrettert. Ich wollte mal wieder was tun, wovor ich Angst habe, und da ich nicht so gerne schwimme, war es natürlich um so krasser für mich, mal nur so über das Wasser zu fliegen und mal komplett unterm Boot zu hängen.

 

chilli: Suchen Sie oft und gezielt nach solchen Mutproben?
Thompson: Ja, schon. Ich finde, wenn man eine Mutprobe bewusst macht und dann schafft, ist man auch für andere Dinge wieder offener und mutiger.

 

chilli: Sie sagten einmal, es müsse immer einen Menschen geben, der mutig ist und nach vorne geht – und dass dieser Mensch ganz oft Sie selbst wären. Seit wann ist das so? Schon seit Ihrer Kindheit?
Thompson: Ja! Schon in der Schule, wo man sich einerseits ja oft beweisen musste, andererseits aber auch mitbekam, wenn jemand unfair war, habe ich meistens was dazu gesagt. Ich war immer diejenige, die den Mund aufgemacht hat. Was allerdings nicht immer gut war.

 

chilli: Wieso nicht?
Thompson: Wenn man diejenige ist, die immer wieder das ausspricht, was viele andere nur denken, ist das erst mal ein Störfaktor. Im Nachhinein denke ich mir: Zum Glück war ich damals schon so. Aber in der Zeit selbst musste ich deshalb natürlich viel erklären, diskutieren und zu seinem Standpunkt stehen. Meine Eltern haben damals gesagt: Wenn du so weiter machst, kriegst du noch Schwierigkeiten!

 

chilli: Mutig sein war für Sie also schon früh ganz normal – und Tanzen, heißt es, war auch schon in Ihrer Kindheit etwas Selbstverständliches. Wer hat Ihnen gezeigt, dass das Tanzen zum Leben irgendwie dazu gehört?
Thompson: Meine Eltern. In meiner englisch-jamaikanischen Familie wurde grundsätzlich viel getanzt, auch zu Hause in der Wohnung. Ich habe das Tanzen dann auch nach draußen getragen und vor anderen ein bisschen Spaß gemacht. Wenn ich jemanden unterhalten und zum Lachen bringen konnte, habe ich mich immer gefreut.

Professionelles Tanzen ist Leistungssport: Star-Choreografin Nikeata Thompson fordert mehr Respekt für ihren Berufsstand.

 

chilli: Waren Sie schon früh eine Rampensau?
Thompson: Der Begriff Rampensau hat für mich immer so was Negatives an sich. Und ich habe ja auch getanzt, wenn ich alleine in der Wohnung war. Das mache ich heute noch.

 

chilli: Ein gewisser Wettbewerb war für Sie auch bald Teil des Tanzens – es heißt, Sie hätten als Kind bei sogenannten Ein-Pfund-Battles mitgemacht. Was hatte es damit auf sich?
Thompson: Wir sind eine sehr große Familie, die an Geburtstagen immer zusammenkommt. Die Älteren fanden es früher immer super, wenn wir Kinder dann getanzt haben. Und wir haben irgendwann ein Battle daraus gemacht. Man musste immer gegen jemanden tanzen, also gegen Geschwister, Cousins und Cousinen. Und der Gewinner hat ein Pfund bekommen. Ich habe immer alles gegeben, damit ich mir danach Süßigkeiten kaufen konnte.

 

chilli: Den Ehrgeiz haben Sie sich scheinbar bewahrt.
Thompson: Ja, den brauchte ich auch. Ich war später ja Leichtathletin bei Bayer Leverkusen, bis zu meinem 18. Lebensjahr. Ich war eine der besten Hürdenläuferinnen Deutschlands und im Mehrkampf auch ganz weit vorne. Ich habe viermal die Woche trainiert, und am Wochenende waren dann die Wettkämpfe. Irgendwann war mir das aber zu langweilig. Es gab diesen Moment, als ich mit einer Freundin ausgegangen bin. Wir waren tanzen und ich dachte: Ja! Das ist es doch, was ich eigentlich machen will!

 

chilli: In Deutschland sind Tänzer auf der Bühne nie die großen Stars – nicht mal bei Seeed, für die Sie Backgroundtänzerin waren. Hat Sie das oft gestört? Dass die harte Arbeit nicht genug anerkannt wurde?
Thompson: Ich fand es nie schlimm, dass man durchs Tanzen kein Star wird. Und wenn man sich für den Job der Backgroundtänzerin entscheidet, kann man das ja auch gar nicht erwarten, denn es steckt ja schon im Wort, wo man sich aufzuhalten hat: im Hintergrund. Man gibt dann einfach alles für den Künstler, den man in dem Moment supportet. Was mich vielmehr gestört hat, ist, dass mit Tänzern hinter den Kulissen ganz oft respektlos umgegangen wird. Viele behandeln Tänzer hinter der Bühne nicht wie die Leistungssportler, die wir auf der Bühne sind. Ein Grund, warum ich letztlich Choreografin werden wollte. Damit ich auch einfordern kann, was ich möchte.

 

chilli: Dass Tanzen ein Leistungssport ist, kann die breite Masse durch TV-Shows wie „Got To Dance“ sehen. Aber kann diese Show wirklich zu mehr Respekt vor Tänzern führen?
Thompson: Hundertprozentig! Auch weil wir alle Altersklassen ansprechen, wir machen da ja so eine Art Familienevent. Ich habe auch von vielen gehört, die die typischen Castingformate ganz schrecklich finden, dass sie „Got To Dance“ total super finden.

 

chilli: In der Show sind Sie Jurorin, neben den Tänzern die Aktivste. Sie sind laut, lachen, weinen, springen auf, tanzen mit, feuern an. Stillsitzen geht gar nicht, oder?
Thompson: (lacht) Doch, geht auch. Aber ich bin ja total aufgeregt und möchte immer ehrlich und echt auf das reagieren, was uns dort gezeigt wird. Ich habe aber auch andere Facetten. Ich bin beides: ein sehr ruhiger Mensch und ein extrem lauter Mensch.

Suchen auch in diesem Sommer wieder Deutschlands besten Dance Act (von links): Entertainerin Palina Rojinski, Take That-Star Howard Donald und Star-Choreografin Nikeata Thompson.

 

chilli: Haben Sie lange überlegt, ob Sie einen an sich eher ruhig angelegten Jury-Job annehmen sollen?
Thompson: Für mich war schnell klar, dass ich mitmachen möchte, auch weil ich das Format schon kannte und einbringen durfte, was mir dafür wichtig ist. Ich mag auch, dass die Leute bei „Got To Dance“ einfach mal nicht runtergeputzt und als talentfrei beschimpft werden wie in anderen Shows. Wir machen niemanden fertig, sondern machen den Leuten Mut, egal auf welchem Level sie sich gerade befinden.

 

chilli: Wenn die Anfrage von Shows wie „Das Supertalent“ käme, ob Sie dort auch mal in der Jury sitzen möchten, würden Sie also sofort ablehnen?
Thompson: Richtig. Ich mache bei nichts mit, womit ich mich nicht voll und ganz identifizieren kann.

 

Text: Erik Brandt-Höge / Fotos: © SAT.1 / ProSieben
Quelle: teleschau – der mediendienst