Zu Gast bei Freunden

Rea Garvey (40) fühlt sich wohl in Deutschland. Kein Wunder: Hier gründete er mit Hilfe einer Zeitungsannonce die Band Reamonn, die bereits mit ihrer ersten Single „Supergirl“ einen Riesenhit landete. Er lebt hier mit Ehefrau Josephine und Tochter Aamor (8), hierzulande ist er ein populärer Star und ein absoluter Sympathieträger: vor allem, seitdem er von 2011 bis 2013 als Jurymitglied die SAT.1-Castingshow „The Voice Of Germany“ mit seinem deutsch-englischen Kauderwelsch („Unfuckingfassbar“) bereicherte.

Inzwischen besitzt er sogar einen deutschen Lieblingsverein, er ist glühender Anhänger des FC Bayern München, wie er im Interview anlässlich der Veröffentlichung seines zweiten Soloalbums zugibt. Dessen Titel „Pride“, so erklärte Garvey bereits vorab, sei auch der Ausdruck seines Stolzes auf seine irischen Wurzeln, die er lange vernachlässigt habe. Ein Gespräch über Stolz und Heimat, seinen Vater und seine irische Großfamilie, sein Leben in Deutschland, die Schönheit der kleinen Dinge und die ewige Liebe – zum Fußballverein.

Sein neues Album "Pride", seine Arbeit in Ecuador, seine Familie und Freundschaften: Rea Garvey ist auf vieles stolz.

 

chilli: Worauf sind Sie stolz in Ihrem Leben?
Rea Garvey: Auf vieles. Auf alles, was ich durch eigene Kraft erreiche. Auf alle Dinge, von denen ich dachte, dass ich sie nicht schaffe. Für mich war diese Platte so ein Moment, an dem ich dachte: Fuck! Schaffe ich das jetzt? Am Ende war ich wahnsinnig stolz drauf. Im Endeffekt geht es ohnehin nur darum, ob du dein Bestes gibst oder nicht. Und das lernte ich irgendwann: Ich muss nicht der Erste sein, ich muss nur das Gefühl haben, dass ich alles für eine Sache gegeben habe.

 

chilli:: Zu viel Stolz kann aber auch gefährlich sein …
Garvey: Das kommt darauf an, was das Wort beschreibt. Bei mir beschreibt es eine Mischung aus Freude und Respekt, was meine Arbeit angeht. Ich bin aber auch auf andere Dinge total stolz, die Arbeit in Ecuador (Garvey ist Botschafter von „Clearwater“, eines Projekts, das sich für sauberes Wasser für Menschen am Amazonas einsetzt, Anm. d. Red.), meine Familie, meine Freundschaften. Da stehe ich auch zu meinem Stolz. Schwierig wäre es nur, wenn aus daraus Hochmut wird – nach dem Motto: Guck mal, was ich hier hab! Ich will niemandem sagen, dass ich besser bin durch das, was ich geschafft habe.

 

chilli: Auf Ihrem neuen Album präsentieren Sie sich auch musikalisch als stolzer Ire. So eng war die Beziehung zu Ihrer Heimat nicht immer …
Garvey: Ja. Je weiter die Entfernung wird, obwohl der Kilometerstand ja gleichbleibt, desto schwieriger wird es. Hat man immer noch den Bezug zur Heimat? Wie viele Freunde hat man noch da? Aber in den letzten beiden Jahren ist das besser geworden. Vorher war ich schon sehr mit meinem Leben hier in Deutschland beschäftigt. Aber ich habe viel Familie in Irland, bin auch ein paar Mal im Jahr da. Und die Zeit ist mir auch wichtig, um mich zu erholen. Auch kulturell. Um das, was ich von meiner Geburt an kenne, wieder zu erleben. Aber das ist wahrscheinlich bei jedem das Gleiche, der im Ausland lebt und irgendwann nach Hause kommt.

 

chilli: Sie leben seit 15 Jahren hier. Was schätzen Sie an Deutschland?
Garvey: Zunächst einmal meinen kleinen Kreis von Freunden, mit denen ich mich gerne treffe und das Leben genieße. Und nachdem ich sehr viel in der Welt herumreise, schätze ich an Deutschland tatsächlich die Infrastruktur, die Medizin, die Bildung. Man unterschätzt das manchmal. Wenn man hier lebt, kritisiert man diese Dinge oft, weil man es nicht anders kennt. Aber wenn man nach Amerika geht und denkt, da ist alles Gold und glänzt … Da wohne ich lieber in Deutschland – ganz ehrlich gesagt.

 

chilli: Fühlen Sie sich hier auch zu Hause?
Garvey: Ich würde eher sagen, dass ich ein Gast in Deutschland bin, obwohl ich bereits 15 Jahre hier bin. Aber ich stehe auch dazu, dass ich ein Ire bin. Ich benehme wie ein Gast und freue mich über das gute Verhältnis zu meinen deutschen Freunden. Ich führe ein gutes Leben hier und dafür bin ich dankbar.

 

chilli: Sind wir Deutschen eigentlich so tatsächlich so negativ, wie gerne behauptet wird?
Garvey: Nein, ich glaube, das kommt immer auf den einzelnen Menschen an. Meine Freunde sind gar nicht so. Und ich kann diese Negativität auch gar nicht leiden. Denn wenn du glaubst, dass irgendetwas nicht funktionieren wird, dann funktioniert es garantiert nicht. Und wenn du so eine Einstellung hast, dann habe ich ein Problem mit dir. Das ist bei mir keine Frage der Herkunft. Denn solche Menschen gibt es nicht nur in Deutschland, sondern überall.

 

chilli: Sie waren schon immer ein offener, unternehmungslustiger Typ. Sie arbeiteten schon sehr früh in einer Kneipe …
Garvey: Ja, ich begann mit 13, dort zu arbeiten. Ich liebte das. Als Junge hatte man dort die Aufmerksamkeit von allen Erwachsenen, weil sie Alkohol von einem wollten! (lacht) Es ist sicher nichts für jeden, aber ich war ein groß gewachsener Junge, ich war damals schon so 1,80 Meter. Ich fand’s auf jeden Fall gut! Und ich musste nicht den Job ja auch nicht machen, es war keine Pflicht oder so. Ich wollte einfach mein eigenes Geld verdienen.

 

chilli: Hat Sie diese Zeit auch musikalisch geprägt?
Garvey: Ja, natürlich! Das Kneipengefühl, die irische Musik – ich bin ich dankbar dafür, dass ich das hautnah erleben konnte, weil es das sonst nirgendwo gibt. Dort gibt es einfach ein Einverständnis zwischen den Menschen. Sie beschließen, wir treffen uns da und spielen bis um fünf Uhr morgens. Ich musste oft am nächsten Tag um acht Uhr zur Schule gehen und strahlte trotzdem über beide Ohren! Alles andere um mich herum war mir egal. Ich glaube, das nehme ich immer mit.

Rea Garvey wirkt oft ernst, kann aber auch gut loslassen: "Wenn wir freie Bahn haben, Party machen, dann bin ich wahrscheinlich der letzte an der Bar."

 

chilli: Das klingt auch nach einem liberalen Elternhaus. Wie war die Beziehung zu Ihrem Vater?
Garvey: Ich kann nur für mich sprechen, aber ich hatte jahrelang keine gute Beziehung zu meinem Vater. Wobei: Wenn ich ihm das sagen würde, würde er das bestreiten! (lacht) Aber gut, er war mit 25 schon Vater von fünf Kindern. Wo sollte er die Zeit hernehmen, sich um alle zu kümmern? Das war aber auch eine andere Kultur: Meine Eltern waren schon mit der Liebe zu uns Kindern beschäftigt, aber noch mehr mit dem Leben. Die Frage war immer eher: Was haben wir vor? Das machen wir jetzt! Und bei so einer großen Truppe bist du mit der Organisation erst mal genug beschäftigt.

 

chilli: Auf Ihrem neuen Album singen Sie in „Candlelight“ dennoch von einem einem intimen Erlebnis mit Ihrem Vater. Sie erkrankten als Jugendlicher schwer und er schenkte Ihnen Mut …
Garvey: Ja, meine Krankheit war eine Art Wendepunkt in der Beziehung zu meinem Vater. Danach hatte er Respekt für mich. Er sah, dass ich niemand bin, der aufgibt. Und das reichte ihm. Und ich glaube, es war für ihn vorher schwer, mich als Mann wahrzunehmen. Vielleicht hatte er auch Angst, ob ich Mann genug sein werde und fürchtete, enttäuscht zu werden. Denn ich glaube, dass es in Irland schon immer noch solche Erwartungen gibt. Aber durch diesen Vorfall wurde unsere Beziehung gestärkt. Heute kann ich sagen, dass ich meinen Vater liebe. Er ist ein toller Mann!

 

chilli: Sie sagten vorab, dass dieses Album auch von der Schönheit der kleinen Dinge des Lebens inspiriert ist. Haben Sie ein Beispiel?
Garvey: Da gibt es jeden Tag viele Dinge. Vor allem mag ich Begegnungen, mit denen man nicht rechnet. Heute etwa sprach ich an einer österreichischen Tankstelle mit einem Mädchen über ihre Tattoos, weil wir ungeplant anhalten mussten, um noch eine Vignette zu besorgen. Oder am ersten Tag unserer Tournee, bevor wir losfuhren, kam ein Schornsteinfeger bei uns zu Hause vorbei. Und ich wusste nicht, dass er kommt. Ich bin ein gläubiger, aber kein abergläubischer Mensch, hab ihm aber den Rücken gerieben, weil das ja Glück bringt. Und dann lief ich ein paar Tage später durch Zürich, und da kam ein Inder auf mich und sagte plötzlich zu mir: „Mister, you have so much luck in your life“. So was nehme ich gerne mit, ich liebe diese einfachen Dinge. Aber man muss auch die Augen für so etwas offen halten.

 

chilli: Fällt das schwer?
Garvey: Ja, wir sehen die einfachen Dinge oft nicht, weil wir zu beschäftigt sind. Ich finde das manchmal schade. Ich habe den Luxus, dass ich mein Leben auch mal für so etwas anhalten kann. Ich bereue auch die Tage, an denen ich das nicht mache. Denn wenn ich das mache, bekomme ich viel mehr Einsicht, wie ich mein Leben weiterführen sollte.

 

chilli: Sie sagten mal, dass Sie Dinge immer sehr ernst nehmen. Wann können Sie loslassen?
Garvey: Oft! Und wahrscheinlich meinte ich, dass ich manchmal alles viel zu ernst nehme. Und das ist auch so. Ich bin eben grundsätzlich ein „Wenn schon, dann richtig“-Typ. Ich brauche die Spannung. Wenn es mein Leben gerade intensiv ist, dann lebe ich auch intensiv. So wie jetzt, wenn meine neue Platte erscheint. Und ich nehme dann alles ernst, aber auch nicht mehr so ernst wie früher. Ich habe gelernt, wie ich mit mir selbst besser umgehen kann. Ich bin jemand, der gerne hart arbeitet und erwarte das auch von anderen. Andererseits: Wenn wir freie Bahn haben, Party machen, dann bin ich wahrscheinlich der Letzte an der Bar. Und das genieße ich.

 

chilli: Sie sind letztes Jahr 40 geworden. Hat das eine Bedeutung für Sie?
Garvey: Ach, ich kann gut mit meinem Alter umgehen, weil ich es nie ernst nehme. Und wenn ich mich mit Gleichaltrigen vergleiche, freue ich mich auch, dass ich das auf diese Weise kann.

 

chilli: Keine Beschwerden oder Zipperlein?
Garvey: Nein! Ich glaube ohnehin, dass Alter irrelevant ist. Das ist nur eine Zahl. Man muss sich mental fit halten, dann ist es egal, wie alt oder jung man ist. Und ich arbeite sehr viel und ich boxe sehr gerne, jeden Tag.

 

chilli: Sie gehen auch gerne zu Profi-Boxkämpfen …
Garvey: Ja, nicht zu allen, aber wenn zwei Boxer einigermaßen ausgeglichen stark sind, dann ist das spannend. Denn Boxen ist keine hirnlose Sportart. Man muss die ganze Zeit denken.

 

chilli: Reagieren Sie sich beim Boxen ab?
Garvey: Nein, ich bin niemand, der einfach zuhaut. Als Student baute ich zwar viel Blödsinn, ich bin aber froh, dass ich damals schon nicht einfach alles auspackte. Ich habe keine Last, die ich mit mir rumtrage, und wegen der ich jemanden zusammenhauen müsste. Nein, ich trainiere mit einem meiner besten Freunde, der ist viel größer ist als ich. Und so macht das Boxen sogar noch mehr Spaß. Ich kann nicht gewinnen, es geht nur darum, wie schlimm ich verliere! (lacht)

 

chilli: Sie sind nicht nur Box-, sondern auch Fußball-Fan. Vor Kurzem entdeckten Sie, dass die Fans von Borussia Dortmund eine Hymne auf die Melodie von „Supergirl“ singen und waren begeistert …
Garvey: Ja! Ich war in London, unser Studio war nur einen Kilometer vom Emirates-Stadion entfernt, da piepste ich Roman (Weidenfeller, Torwart bei Borussia Dortmund, Anm. d. Red.) an und sagte: „Hey, du spielst ja morgen! Könnte ich vorbeikommen?“ Und er machte dann Tickets klar. Dann sitze ich da – und höre die Fans zur „Supergirl“-Melodie singen! Ich meine, der BVB, das ist eine unglaubliche und zum Teil unschlagbare Fußball-Mannschaft, und die singen mein Lied! Ich war stolz wie Bolle!

 

chilli: Eigentlich sind Sie aber Bayern-Fan, oder?
Garvey: Ja, da kann ich auch nichts dafür. Meine Frau sagt immer: Aber der BVB, die lieben dich! Aber wenn man sich einmal hingibt …

 

chilli: Einmal Fan, immer Fan …
Garvey: Genau! Ich war lange Zeit Manchester-United-Fan, aber als ich Irland verließ, suchte ich mir erst einmal keine Mannschaft aus. Ich bin kein Fanatiker. Aber jeder Mann, glaube ich, will schließlich eine Fußball-Mannschaft haben, um mitreden zu können.

 

chilli: Es gibt auch Ausnahmen.
Garvey: Ja, da gibt es sicherlich ein paar. Aber wo ich herkomme, war das auch Teil der Identität. Und als ich dann hier war, merkte ich, ich kenne den Kaiser, ich spielte auf Philipp Lahms Hochzeit, kenne Mario Gomez … Es gab genug Gründe und irgendwann war klar: Bayern ist mein Verein. Und ich bin glücklich damit. Ich finde es auch schön, dass sie momentan zeigen, dass Geld nicht alles regelt. Davon können wir alle lernen. Trotzdem will ich als Bayern-Fan natürlich, dass sie immer gewinnen. Aber das tun sie in der Regel ja auch! (lacht)

 

Text: Stefan Weber / Fotos: © Bella Lieberberg & Hörður Sveinsson / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst