Vor über zehn Jahren prägte Sarah Kuttner als Moderatorin von VIVA und MTV mit quirliger Nonchalance das Musikfernsehen. Vor allem ihre kluge und zugleich scheinbar unbekümmerte Art, Interviews zu führen, machte auch die öffentlich-rechtlichen Sender auf die Berlinerin aufmerksam. So talkt und quasselt sich die heute 35-Jährige schon seit einigen Jahren durch ein buntes Potpourri verschiedenster Formate. Derzeit steht sie für ihre neue Sendung „Kuttner plus Zwei“ (ab 10. April, donnerstags, 22.45 Uhr) für den Spartenkanal ZDFneo vor der Kamera. In jeder Sendung lädt sie zwei Prominente zu einem ungezwungenen Gespräch in eine Wohnung ein. Man redet ein bisschen, kocht gemeinsam und hat auch sonst eine gute Zeit. Hinter dem scheinbar fluffigen Konzept stecken natürlich jede Menge Arbeit und Vorbereitungszeit. Sarah Kuttners Gäste sollen sich schließlich wohlfühlen.

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chilli: Frau Kuttner, legen Sie wert auf gute Manieren?
Sarah Kuttner: Ja, auf jeden Fall. Ich vertrete grundsätzlich recht moralische Werte, aber Etikette wiederum nicht unbedingt. Meiner Ansicht nach darf man sich ruhig die Finger ablecken, wenn das Essen gut war. Ich fürchte, dass mein Wertesystem dennoch komplex ist.

chilli: Wieso fürchten Sie das?
Kuttner: So etwas kann schon manchmal nerven, da ich dazu neige, streng mit anderen Leuten und auch mit mir selbst zu sein. Ein „Das macht man nicht“ rutscht mir häufiger raus, und erst im Nachhinein prüfe ich, ob man das wirklich nicht macht.

chilli: Was sollte man denn wirklich nicht machen?
Kuttner: Wenn ich ein Geschäft betrete, schaue ich immer hinter mich, ob jemand mit durch die Tür kommt, damit ich sie dem nicht vor den Kopf knalle. Und ganz viele Leute machen eben das nicht und schlagen mir die Tür vor der Nase zu. Eigentlich sollte mir das egal sein, aber ich werde in so einer Situation schnell sauer.

chilli: Und das fürchten Sie?
Kuttner: Naja, wütend sein, ist anstrengend. Man sollte also vorher erst mal checken ob es sich lohnt. Es könnte einen plausiblen Grund geben, warum der vor mir nicht auf mich achtete. Vielleicht ist derjenige traurig oder einfach so sehr mit sich beschäftigt, dass er das gar nicht beabsichtigte.

chilli: Gibt es Menschen, denen Höflichkeit gegenüber der eigenen Person nicht zwingend wichtig ist?
Kuttner: Nein, ich glaube, dass die meisten Leute einen respektvollen Umgang gut finden. Andererseits ist mir zu viel auch wieder unangenehm. Wenn ich spüre, dass jemand unnatürlich viel Respekt vor mir hat und mir dann, um das zu kompensieren, raue Mengen Zucker in den Hintern bläst, fühle ich mich enorm unwohl.

"Erfahrungsgemäß macht es wenig Sinn, sich sklavisch an die Vorgabe zu halten": Sarah Kuttner recherchiert für ihre Interviews lang und viel, um auf alles vorbereitet zu sein, aber sie hält das Gespräch gerne leger.

 

chilli: Stehen Ihnen als Prominente nicht fast alle Leute automatisch höflich gegenüber?
Kuttner: Nicht unbedingt, häufig ist sogar das Gegenteil der Fall. Viele sehen in mir die Moderatorin, die nicht auf den Mund gefallen ist, und der schadet es ja nicht, wenn sie mal härter angepackt wird.

chilli: Stört Sie das?
Kuttner: Ich kann es ab, dennoch sehe ich das Verhalten nicht ein. Im Notfall ziehe ich halt schneller und watsche dementsprechend zurück. Eine grundlegende Freundlichkeit ist doch optimal: „Hallo, mein Name ist soundso, ich möchte Dir das und das sagen.“ Hin und wieder kommt es vor, dass ich mit „Ey, du bist von MTV!“ von der Seite angebrüllt werde. Und das empfinde ich nicht als respektvollen Umgang (lacht).

chilli: Hoffen Sie, ihre MTV-Vergangenheit irgendwann einmal abschütteln zu können?
Kuttner: Nein, finde ich aber auch gar nicht schlimm, ich arbeitete schließlich die längste Zeit meiner Karriere beim Musikfernsehen. Die meisten Leute assoziieren mich eher noch mit VIVA. Das ist auch nichts, wofür ich mich schäme, beide Sender machten mich zu dem, was ich bin. Ich durfte immer machen, was ich wollte, und so etwas kommt im TV heutzutage nicht mehr häufig vor. Sie stellten mich damals ins Studio und ließen mich einfach moderieren – eben richtiges „learning by doing“.

chilli: Und inzwischen sind Sie bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gelandet und stehen aktuell für „Kuttner plus Zwei“ vor der Kamera. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Gäste aus?
Kuttner: Wir versuchten, Prominente zu finden, die sich nicht wahnsinnig ähnlich sind. Unterschiedlichkeit, zumindest auf den ersten Blick, war uns sehr wichtig, wobei wir auch nicht auf Teufel komm raus die absoluten Gegensätze suchten, die sich gar nicht ausstehen konnten.

chilli: Sie haben also bewusst darauf verzichtet, eine ähnliche Konstellation zu schaffen, die ARTE 2012 mit der jetzt schon legendären „Durch die Nacht mit …“-Folge mit Casper und Lena provozierte, in der sich beide permanent anzickten und gar nicht miteinander klarkamen?
Kuttner: (lacht) Ich glaube das war so gar nicht geplant. „Durch die Nacht mit …“ ist eine wahnsinnig lange Sendung, deren Aufzeichnung sich über viele Stunden streckt. Ich bin selbst irre ungeduldig und leicht zu stressen, es hätte gut sein können, dass mir ein ähnliches Verhalten auch passiert wäre. Acht bis neun Stunden lang durchgehend gefilmt werden, da wird man irgendwann dünnhäutig. Davon abgesehen mochte ich die Folge aber sehr gern. Wenn bei Menschen die Fassade kurzzeitig bröckelt, wird es doch erst richtig interessant.

"Ich durfte immer machen, was ich wollte": Bei VIVA und MTV lernte Sarah Kuttner von der Pike auf das Fernsehmachen.

 

chilli: Wie läuft es denn bei Ihnen in der Sendung ab?
Kuttner: Wir drehen ungefähr eineinhalb Stunden, aus denen wir 30 Minuten zusammenschneiden. Ich lege es nicht auf Krawall an: Wenn sich meine Gäste nicht ganz grün sein sollten, sitze ich ja noch als Mediator dazwischen. Ansonsten unterhalten wir uns einfach über Themen, die alle Anwesenden interessieren könnten. Ich pule nicht in Wunden, schüttle keine Witwen und möchte niemanden in die Pfanne hauen.

chilli: Stecken Sie die Themen für die einzelnen Pärchen vorher ab, oder lassen Sie alles in der Gesprächsrunde auf sich zukommen?
Kuttner: Pro Sendung überlege ich mir vorher schon vier, fünf Themen, davon kann dann zufällig ein Überthema für die gesamte Episode entstehen. Erfahrungsgemäß macht es wenig Sinn, sich sklavisch an die Vorgabe zu halten. Woher weiß ich, ob ich mit Bosse und Hannelore Elsner gut über die Liebe reden kann? Das interessiert die vielleicht gar nicht, und dann wird über etwas ganz anderes gequatscht. Es wäre doof, sich selbst mit einem spezifischen Oberthema zu beschränken.

chilli: Was ist Ihnen lieber: selbst zu interviewen oder interviewt zu werden?
Kuttner: Ich werde lieber interviewt, da ich mich darauf nicht vorbereiten muss (lacht). Zu interviewen bedeutet zum Teil richtig harte Arbeit, mit einer langen Vorbereitungszeit. Es klingt zwar komisch, aber das, was in der Sendung wie ein lockeres Gespräch wirkt, setzt stundenlange Recherche voraus. Ich versuche immer, auch ein Stück von mir zu geben. Ich antworte manchmal einfach auf meine Fragen, damit mein Gegenüber einen Ansatzpunkt hat – so fühlen sie sich gleich wohler.

chilli: Und wenn Sie interviewt werden?
Kuttner: Muss ich mich gelegentlich nur kürzer fassen, was mir aber nicht immer gelingt (lacht).

chilli: Haben Sie beim Interviewführen spezielle Tricks, um den Gesprächsfluss am Laufen zu halten?
Kuttner: Dass es nicht läuft, ist glücklicherweise noch nie passiert, was aber auch daran liegt, dass ich für jeden Gast vorher ein 16-seitiges Dossier lese und mehr Fragen im Kopf habe als ich benutzen könnte. Und sollte das Interview im Sande verenden, dann wird es seinen Grund haben. Der Vorteil an „Kuttner plus Zwei“ liegt bereits im Titel: Oft unterhielten sich meine beiden Gäste unabhängig von meiner Person und stellten sich gegenseitig Fragen, was sehr spannend zu beobachten war.

"Ich langweile mich unglaublich schnell": Sarah Kuttner probiert gerne mal Neues aus.

 

chilli: In den letzten Jahren moderierten Sie viele verschiedene Sendungen, hielten aber nie sonderlich lang an nur einem Format fest.
Kuttner: Ich langweile mich unglaublich schnell und möchte möglichst viel ausprobieren. Wenn ich es mir in einer Sendung zu gemütlich mache, werde ich zu routiniert und automatisch schlechter, da alles auf Knopfdruck funktioniert. Dann habe ich weniger Spaß an meinem Job, brauche eine Pause oder etwas Neues. Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum meine Vita mit verschiedenen Formaten überquillt. Fernsehen ist kurzlebig. Manche Sendungen sind entweder nach ein paar Staffeln fertig erzählt oder haben nicht genug Quote oder es fehlt Geld. Dann lassen die Verantwortlichen sie eben gehen. Dadurch, dass ich mich aber schnell langweile, ist es nicht ganz so störend.

chilli: Wieso ziehen Sie keine Talkshow im Internet auf? Da sind die Quoten doch egal …
Kuttner: Aber dort verdient auch keiner Geld. Außerdem bin ich Fernsehmoderatorin, und noch besteht keine Notwendigkeit, ins Internet auszuweichen. Ich habe Arbeit, und ich habe Spaß, bin ich nicht im Fernsehen, schreibe ich Bücher. Ich bin zusätzlich auch wenig ehrgeizig. Ich will gar nicht mehr als das, was ich jetzt habe: Geld verdienen mit Sendungen, die ich mag. Egal auf welchem Sender. Das kriege ich seit über 14 Jahren schon sehr gut hin. Der einzige Nachteil ist, dass ich nie weiß, was als nächstes kommt. Ein Risiko, klar – aber bis jetzt hat alles funktioniert.

chilli: Sehen Sie sich selbst in der Unterhaltungsecke oder doch im Informationssegment?
Kuttner: Vermutlich ist es eine Mischung. Infotainment sagt man da doch, oder? Ich sehe mich aber nicht wirklich als investigative Journalistin. Ich habe nicht genug Ahnung von Politik oder Wirtschaft. Dennoch informiere ich mit Sendungen wie „Bambule“ und bestenfalls auch „Kuttner plus Zwei“ auch auf eine gewisse Art. Müsste ich mich entscheiden, säße ich aber recht eindeutig in der Unterhaltungsecke.

chilli: Könnten Sie sich als begeisterte Twitterin vorstellen, dass ein Interview nur über dieses soziale Netzwerk funktionieren würde?
Kuttner: Das fragen Sie mich, nachdem ich eben mit Begeisterung zehnminütige Monologe von mir gegeben habe und man bei Twitter nur 140 Zeichen zur Verfügung hat (lacht)?

Text: Ben Hiltrop / Fotos: © ZDF / Marcus Höhn, Holger Dauer
Quelle: teleschau – der mediendienst