Ein Date für drei

Vor über 20 Jahren sang sich Sheryl Crow mit dem Song „All I Wanna Do“ in die Herzen des Mainstream-Publikums. Weitere Hits folgten, neun Grammys konnte sich die US-Sängerin in die Vitrine stellen, 50 Millionen Alben hat sie bis heute verkauft. Für ihr neues Album „Feels Like Home“ begab sich die 51-Jährige in die Arme ihrer neuen Nachbarn in Nashville, Tennesse. Das Ergebnis: ein unverbrauchtes Stück Countrypop. Es zeigt eine Vollblutmusikerin, die die Höhen und Tiefen des Lebens erfahren hat und sie in ihrer Musik verarbeitet. Beim Treffen in Berlin spielt Sheryl Crow aber erst einmal ein Duett mit Johnny Cash vor, das sie auf ihrem Telefon gespeichert hat. Und sie erzählt ganz offen von ihren Anfängen im Musikbiz, ihrer Krebserkrankung und ihrem neuen Leben als verantwortungsvolle Mutter.

Sheryl Crow besitzt inzwischen ihre eigene, kleine Farm: "Ich habe dort ein Studio, eine Scheune mit Bar, lebe dort mit meinen zwei Kindern, zehn Pferden, Kühen, Katzen und Hunden. Alle meine Freunde und Nachbarn machen Musik."

 

chilli: Wann haben Sie das Duett mit Johnny Cash aufgenommen?
Sheryl Crow: Oh, erst vergangene Woche. John Carter, der Sohn von Johnny Cash, hatte mich gefragt, ob ich das nicht einsingen wollte. Natürlich sagte ich ja. Zu Lebzeiten hatte Cash meinen Song „Redemption Day“ gecovert – was eine riesige Ehre für mich war. Die neue Kollaboration soll auf einem Album mit Duetten von Johnny Cash erscheinen.

 

chilli:chilli: Und nun singen Sie Songs über die „Homecoming Queen“ …
Crow: Das ist so ein typisches Oldschool-Countrysong-Thema! Ich selbst gehe immer zu den jährlichen Treffen meines Highschool-Jahrgangs in Missouri. Eine meiner besten Freundinnen war zu Schulzeiten die absolut umschwärmte Königin, sie war im Cheerleaderteam. Das war damals der Höhepunkt ihres Lebens. Ihre Träume, es in die weite Welt hinaus zu schaffen, erfüllten sich nicht. Sie blieb bei einem Mann hängen.

 

chilli: Ganz im Gegenteil zu Ihnen …
Crow: Stimmt. Die Leute, die damals zu den unpopulären Gruppen gehörten, sind heute Buchautoren oder Schauspieler. Meine Clique galt zwar als cool, aber ich war nie eine Königin. Dafür sah ich später die Welt.

 

chilli: Sie fingen als Backing-Sängerin für Michael Jackson an. Half Ihnen diese Erfahrung bei der eigenen Solokarriere?
Crow: Es war ein großartiger Übungsplatz für später und eine riesige Erfahrung. Aber er war damals bei der „Bad“-Tour so wahnsinnig populär, dass ich selbst mir nicht annähernd vorstellen konnte, überhaupt berühmt zu werden.

 

chilli: Hatten Sie abseits der Bühne Kontakt miteinander?
Crow: Nur ein paar Mal. Wir waren keine Freunde oder so. Er hing ja nicht mit seiner Crew ab oder ging zum Bowlen mit uns. Er lebte wie ein Einsiedler. Aber ich erinnere mich gut an 1988, als ich mit Michael das erste Mal in Berlin war. Damals war die Mauer noch da, und es war ein ziemlich besonderes Konzert. Wir spielten am Reichstag. Auf der östlichen Seite der Mauer waren all diese Kids, die versuchten, Sicht zu erhaschen. Wir hörten sogar Schüsse. Das werde ich nie vergessen.

 

chilli: Ihr Durchbruch mit der Single „All I Wanna Do“ passierte 1994.
Crow: Und es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen! Ich hatte damals jede Menge Spaß, machte viel Party, war aber auch ständig müde. Denn seinerzeit war es noch nicht so, dass man in einer großen TV-Show auftritt und einem plötzlich 30 Millionen Leute auf Twitter folgen. Man musste sich das Publikum wirklich erspielen! Bei Radiostationen und in Clubs. Aber genau das liebte ich.

 

chilli: Ihre Musik wurde gern als unbeschwert wahrgenommen, obwohl Sie darin auch oft Kommentare hinsichtlich der Gesellschaft verpackten.
Crow: Das stimmt. Wenn ich „All I wanna do is have some fun“ sang, war das eher zynisch gemeint und ein Statement über die Abgründe der frühen Neunziger. Aber es war mir egal, ob sich Leute meine Texte genau angehörten. Die Tatsache, dass sie Spaß an den Songs hatten, reichte mir völlig aus. Und gerade dieses Lied erlaubte mir, überall auf der Welt unterwegs zu sein.

 

chilli: Im Song „Crazy Ain’t Original“ der neuen Platte nehmen Sie Rentner mit Schönheitsoperationen sowie Reality-TV-Shows aufs Korn.
Crow: Das ist doch die schöne neue Welt, nicht wahr? Ich erinnere mich daran, wie Cher bei der Oscar-Verleihung 1986 mit ihrem außergewöhnlichen Kleid für Schlagzeilen sorgte. Es gab noch verrückte Dinge wie diese, die Aufmerksamkeit erzeugen konnten. Heutzutage ist alles verbraucht, es gibt keine Tabus mehr, einfach nichts, das schockiert. Selbst ein Fleischkleid wurde schon gemacht. Das hat uns auch viel von der Magie genommen. Man kann seine Kinder auch nicht mehr einfach vor den Fernseher setzen und Vertrauen haben, dass etwas läuft, dass nicht verstörend ist. Man muss seine Kinder vor der Brutalität des Fernsehens schützen.

 

chilli: Sie adoptierten Ihre zwei Junges. Wann fassten Sie den Entschluss dazu?

Crow: Nachdem ich mit Brustkrebs diagnostiziert wurde! Ich war bis 2006 verlobt (mit Ex-US-Radprofi Lance Armstrong, Anm. d. Red.), dann trennten wir uns. Ein paar Tage später wurde der Krebs bei mir festgestellt. Das ließ mich mein Leben überdenken. Ich hatte mir bis dahin immer ausgemalt, mich zu verlieben, zu heiraten, mich dann niederzulassen und ein Baby zu bekommen. Aber solche Pläne können dein Leben auch limitieren. Also sagte ich mir: Vielleicht komme ich auf andere Art zu meiner Familie! Vielleicht treffe ich jemanden, nachdem ich Kinder adoptiert habe.

 

chilli: Und dann krempelten Sie Ihr Leben um?
Crow: Genauso war’s. Ab dem Moment, an dem ich von meinen Vorstellungen losließ, wurde ich glücklich. Ich zog von Los Angeles auf eine große Farm in Tennessee, füllte die Adoptionspapiere aus und wartete ab, was passiert. Und irgendwann hatte ich mein erstes Baby!

 

chilli: Das klingt so einfach!
Crow: Oh, das war es absolut nicht. Ich habe den gängigen Adoptionsprozess durchlaufen. Da gab es keinen Promi-Bonus. Es ist sehr strikt. Sie überprüfen dein Zuhause, du kommst auf eine Liste, wartest und irgendwann bist du dran.

Sheryl Crow ist Single und stellt Ansprüche an einen neuen Partner: "Ein Mann kann so toll sein wie er will: Wenn er nicht mit Kindern kann, ist er sofort draußen."

 

chilli: Wollten Sie unbedingt zwei Jungen?
Crow: Nein, ich hätte alles genommen. Geschlecht, Hautfarbe, Beeinträchtigungen – das alles spielte keine Rolle.

 

chilli: Wie haben Sie es später Ihren Kindern erklärt?
Crow: Der Dreijährige ist noch zu jung dafür, aber der Siebenjährige weiß es. Es spielt keine Rolle, ich bin seine Mummy.

 

chilli:: Der Brustkrebs hatte also auch einen positiven Effekt auf Ihr Leben?
Crow: Absolut! Es war ein Weckruf für mich! Natürlich möchte ich nie wieder da durch, und ich wünsche es auch keinem. Aber für mich war es ein definierender Moment in meinem Leben. Ich musste noch mal von vorne anfangen und ordnete mein Leben auf eine Art neu, die nur positiv ist.

 

chilli: In Ihrem neuen Song „Waterproof Mascara“ singen Sie davon, dass Sie Ihren Kindern nie einen neuen Mann vorgestellt haben. Stimmt das?
Crow: Nun ja, wenn man zwei Kinder hat, diktiert das auf jeden Fall, mit wem man sich verabredet. Ein Mann kann so toll sein wie er will: Wenn er nicht mit Kindern kann, ist er sofort draußen. Denn ich date nun für drei.

 

chilli: Werden Sie Ihr neues Album auch live in Deutschland vorstellen?
Crow: Ich hoffe es! Aber das kann ich nur, wenn ich meine Kinder mit auf Tour nehmen kann. Denn ohne sie will ich nicht mehr sein. Der Älteste ist nun sieben Jahre alt und schulpflichtig. Doch ich denke, wir kriegen ein paar Konzerte in Deutschland hin.

 

Text: Katja Schwemmers / Fotos: © Warner
Quelle: teleschau – der mediendienst