Silly blicken auf eine bewegte Vergangenheit zurück: Bereits 1978 in Ostberlin gegründet, trennte sich die Rockband 1996 nach dem Tod ihrer damaligen Sängerin Tamara Danz. Zehn Jahre danach dann der Neuanfang mit Schauspielerin Anna Loos – und das mit einem Riesenerfolg. So konnte das Quartett mit seinem Comeback-Album „Alles rot“ (2010) Platin abräumen. Dass es sich bei der Reunion von Keyboarder Ritchie Barton, Gitarrist Uwe Hassbäcker und Bassist Jäcki Reznicek mit neuer Frontfrau nicht um eine einmalige Angelegenheit handelte, zeigt die Veröffentlichung ihrer neuen Platte „Kopf an Kopf“. Silly definieren sich nicht nur über ihre Vergangenheit, sondern auch über das Hier und Jetzt. Für ihre ehrlichen Inhalte geschätzt, erweisen sich die vier Musiker im Interview als ebenso offen wie kritisch. Ein Gespräch über Ehrlichkeit, Politikverdrossenheit, Nachhaltigkeit und die aktuelle Befindlichkeit.

"Jeder hat auch das Recht dazu, die wahren Hintergründe zu erfahren." Silly-Sängerin Anna Loos wird ungern von Presse und Politik belogen.

 

chilli: Meistens steigt man in ein Gespräch mit der Floskel „Wie geht es Ihnen?“ ein. Aber möchte man in dem Moment wirklich wissen, wie es demjenigen geht oder gebietet diese Frage die reine Höflichkeit?
Uwe Hassbecker: Wenn ich jemandem diese Frage stelle, nehme ich das auch ernst. Ich frage auch nicht jeden, wie es ihm geht.
Jäcki Reznicek: Das geht mir ganz genauso. Für mich ist es dann auch in Ordnung, wenn mir die gefragte Person sagt, dass es ihr wirklich nicht gut geht. Aber ich denke wirklich öfter darüber nach, ob diese Frage mit Bedacht gestellt wurde. In den USA und in Großbritannien sind ja alle gleich pikiert, wenn man nicht sofort antwortet, wie es einem geht (lacht).
Anna Loos: Es ist faszinierend, dass man wirklich selten darauf antwortet. Vorher muss man eigentlich abwägen, ob das Gegenüber sich ernsthaft für eine fremde Person interessiert. Steht die Floskel am Anfang eines Gesprächs, sagt man in den seltensten Fällen, wie das eigene Befinden ist.
Ritchie Barton: Vermutlich sind das zu einem großen Prozentsatz Floskeln.
Loos: Es kommt darauf an, wie gut man sich kennt. Bei Fremden bietet es sich natürlich am Anfang an, einen höflichen und auch freundlichen Einstieg zu wählen. Kennen sich Menschen schon länger, müsste man diesen Teppich nicht vorher ausrollen, da die Verhältnisse von vornherein schon klar sind. Im gesellschaftlichen Umgang miteinander gehört Höflichkeit natürlich zu Beginn immer dazu.

chilli: Ist es manchmal nicht besser, angelogen zu werden? Oder wollen Sie immer alles wissen und plädieren für absolute Ehrlichkeit?
Loos: Ich plädiere für die Ehrlichkeit. Jeder hat auch das Recht, die wahren Hintergründe zu erfahren. Als Mensch sollte man so viel Wissen anhäufen, wie man kann, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Aber: Was machen zum Beispiel die Medien aus bestimmten Inhalten? Was forcieren sie, wie wirken sie und worauf konzentrieren sie sich? Spannend ist es, wie der Journalismus mit Wahrheiten umgeht. Für mich stellt sich die Frage, wann Redaktionen ein bestimmtes Thema aufgreifen und zu welchem Zeitpunkt sie es veröffentlichen.
Hassbecker: Und auch welche Medien etwas behandeln. Ein schönes Beispiel: die Yellow Press. Sie macht gern aus einer Mücke einen Elefanten, und ein paar Tage später redet keiner mehr darüber. Ich möchte das auch nicht kleinreden, manchmal sind es ja wirklich große und wichtige Themen. Aber dann von diesen Blättern? Mitunter habe ich den Eindruck, sie verkaufen ihre Schlagzeilen nicht unbedingt, um die Menschen aufzuklären.
Loos: In den USA zum Beispiel werden die Bürger auf Skandale aufmerksam gemacht, um sie von bestimmten Problemen in der Politik oder Gesellschaft abzulenken. In Deutschland ist das auch manchmal sehr auffällig (lacht). Schauen Sie sich nur an, was vor den Wahlen abläuft.
Reznicek: Die Schweinegrippe vor vier Jahren war so ein Beispiel. Da konnte keiner genau sagen, ob das jetzt wirklich gefährlich war oder nur aufgebauscht wurde, weil jemand seinen Impfstoff unbedingt verkaufen oder von etwas ablenken wollte.
Barton: Wenn dann wirklich mal was Schlimmes kommt, könnte es sein, dass keiner mehr darauf reagiert.

chilli: Dieses Jahr haben wir Bundestagswahl. Was erhoffen Sie sich?
Barton: Egal, wer am Ende gewinnt, es kommt dann sowieso immer anders, als es den Leuten versprochen wurde oder man es sich erhofft hat. Da kann sich unter Umständen schon mal ein ganz schönes Quantum an Resignation einschleichen.
Hassbecker: Wir sind, genau wie die meisten Menschen im Land, ein bisschen desillusioniert, was das betrifft.

"Demokratie ist nicht perfekt, aber es gibt nichts Besseres." Silly-Keyboarder Ritchie Barton (rechts) glaubt, dass jeder etwas bewirken kann.

 

chilli: Ihr Vorteil als Band ist es aber, dass Sie mit Ihrer Musik und den Texten auf genau diese Probleme aufmerksam machen können.
Loos: Jeder Mensch hat eine Stimme, die stark ist, denn jede Meinung zählt. Wenn sich viele Stimmen zusammenschließen, dann hat das eine große Kraft. Am Ende des Tages sind die Gewählten diejenigen, die von den Menschen in diesem Land engagiert wurden, um sie zu vertreten. Manchmal vergessen Politiker das leider. Und dann müssen sie daran auch erinnert werden. Die Zeiten der großen Demonstrationen sind vorbei, aber wenn die Leute da oben in der Politik so weitermachen, könnte das vielleicht wiederkommen. Die aktuelle Politikverdrossenheit rührt daher, dass die Menschen vergessen haben, dass sie etwas ändern können. Man muss wählen gehen und überlegen, wer von den Parteien meine Interessen am besten vertritt.
Reznicek: Oft hilft es, einfach mal regional zu schauen, wer in meinem Wahlkreis hockt. Vielleicht ist da jemand, der, obwohl ich dessen Partei nie wählen würde, für mich dennoch wählbar wäre, weil er sich engagiert. Das gilt für mich natürlich nicht für rechts orientierte Parteien!

chilli: Ist Demokratie nicht Augenwischerei? Können Wähler wirklich etwas bewegen?
Loos: Was wäre denn die Alternative? Diktatur? Monarchie (lacht)?
Barton: Demokratie ist nicht perfekt, aber es gibt nichts Besseres.
Loos: An der Demokratie muss auch gearbeitet werden, so wie jeder Mensch auch an sich arbeiten muss. Politiker müssen genauso an sich herunterschauen. Keiner sollte sich davor hüten, vielleicht schlauer zu werden. Es ist häufig zu beobachten, dass Politiker zur Wahl einen bestimmten Standpunkt vertreten, der sich aber nach der Wahl innerhalb kürzester Zeit komplett ändert, obwohl der Volksvertreter von den Bürgern ja genau deswegen gewählt wurde. Das stört mich an der deutschen Politik: Nach der Wahl werden die Karten nochmal neu gemischt, das kann nicht sein!

chilli: Erst kürzlich gab die Bundesregierung bekannt, dass sich die deutschen Rüstungsexporte im Gegensatz zum Vorjahr verdoppelt haben. Auf ihrem neuen Album behandeln Sie mit „Vaterland“ genau diese Problematik.
Loos: In Deutschland gibt es mehr Gesetze und Verordnungen zur Einfuhr von Bananen als zur Ausfuhr von Waffen. Als der Song entstand, drehte ich gerade einen Film, der 1933 spielt („Nacht über Berlin“, d. Red.), las viel über die Zeit und sah mir viele Dokumentationen an. Mir fiel da das erste Mal extrem auf, wie viel Geld einige Firmen mit Rüstung umgesetzt haben, die heute noch existieren. Und Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. Die Bundesregierung, die für Weltfrieden und Weltoffenheit steht, verdient sehr viel Geld damit. Widerspricht das nicht der Politik, die Deutschland nach außen hin zeigt?

chilli: Viele argumentieren dann aber gerne, dass von der Rüstungsindustrie tausende Arbeitsplätze abhängen.
Reznicek: Das ist immer das Argument der Politik. Ein sinnloser Flughafen in Berlin muss gebaut werden? Egal, bringt Arbeitsplätze.

chilli: Haben Sie im Laufe der Zeit Feindbilder aufgebaut?
Hassbecker: Wenn es um rechte Tendenzen geht, dann auf jeden Fall. Die sind nicht akzeptabel, die haben keinen Kredit, eben durch die deutsche Geschichte. Da muss man auch offen dagegen auftreten, sich äußern und den Mund aufmachen.
Barton: Dieses Feindbild mussten wir nicht erst aufbauen, das war schon immer da.
Hassbecker: Das Problem ist mittlerweile ein ganz anderes: Die Gesellschaft wird von den Rechten still und leise immer weiter unterwandert, man erkennt sie oft nicht mehr als solche. Das sind manchmal keine brutalen Schlägertypen mehr. Sie verkleiden und verstecken sich, engagieren sich in Dorfclubs und bauen kleine Zellen auf. In Teilen der Bevölkerung ist das leider auch akzeptiert, mit der Begründung „die tun wenigstens was für uns“. Das ist gefährlich.
Loos: Ein Politiker- oder Parteien-Feindbild haben wir nicht direkt. Wir lassen uns aber als Band auch ungern vor einen politischen Karren spannen. Uns lagen schon viele Anfragen vor, ob wir nicht Lust hätten, auf einer Wahlkampfveranstaltung zu spielen. Das machen wir nicht, wir wollen sagen können, was wir wollen. Wir bleiben unabhängig.

chilli: Was bedeutet für Sie Unabhängigkeit?
Hassbecker: Die Möglichkeit, seine Lieblingsbeschäftigung zum Beruf zu machen und sogar noch sein Geld damit verdienen zu dürfen, was einem Spaß bringt. Bei uns verknüpfen sich Beruf und Berufung.
Loos: Unabhängigkeit bedeutet auch, dass wir uns nicht reinreden lassen. Musik und Texte sind so, wie sie sind.
Reznicek: Wir nehmen aber auch gerne Tipps an und hören auf Kritik.

"Rechte Tendenzen sind nicht akzeptabel": Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker (links) ist gegen Nazis.

 

chilli: Sie schreiben sich auf die Fahnen, nachhaltige Musik zu produzieren. Wodurch äußert sich das?
Hassbecker: Uns gibt es ja schon eine ganze Weile und wir haben auch schon einige wichtige Menschen verloren, hatten wirklich tragische Erlebnisse. Da sei allen voran natürlich unsere frühere Sängerin Tamara genannt, die nicht nur als Kopf und Aushängeschild galt, sondern auch Frau, Freundin, Vertraute war. Eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Das hat einige Zeit gedauert, daran wieder anzuknüpfen, was uns dann ja glücklicherweise auch gelang. In unserem Repertoire befinden sich Songs, die schon weit über 20 Jahre alt sind, die aber immer noch funktionieren. Da sind auch einige politische Themen dabei, die sich locker in die heutige Zeit übertragen lassen. Das ist auch in erster Linie die Kunst der Textschreiber, die Sachen so zu formulieren, dass die Songs zeitlos bleiben.

chilli: Setzen Sie deswegen auch auf Vinyl, wegen der Nachhaltigkeit?
Loos: Wir freuen uns sehr, dass wir unsere Musik auch als LPs veröffentlichen dürfen. Diese Idee, eine Platte herauszuholen und diese dann wirklich zu genießen, kommt langsam wieder. Sich die Zeit nehmen, die LP auf den Plattenspieler legen, sich gemütlich hinsetzen und die Musik einfach zu genießen, ist doch eine sehr schöne Sache.
Barton: Inklusive nach der Hälfte aufstehen, um die Platte umzudrehen (lacht).
Loos: Das ist ein sinnlicher Moment, den ich mir für viel mehr Menschen in der heutigen Zeit wünschen würde.

 

Silly auf Deutschland-Tournee:
12.05., Köln, E-Werk
14.05., Hannover, Capitol
15.05., Dortmund, FZW
17.05., Bremen, Aladin Music Hall
18.05., Hamburg, Große Freiheit
20.05., Offenbach, Capitol
21.05., Stuttgart, Theaterhaus
22.05., Saarbrücken, Garage
31.05., Neubrandenburg, Jahnsportforum
01.06., Cottbus, Stadthalle
07.06., Chemnitz, Wasserschloss Klaffenbach
08.06., Sonderhausen, Lohplatz
14.06., Schwerin, Freilichtbühne Schloßgarten
15.06., Dresden, Freilichtbühne Großer Garten
21.06., Leipzig, Parkbühne
21.07., München, Tollwood Festival

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