„Man muss die Leute da draußen vergessen“

Samu Haber bleibt, Rea Garvey kehrt zurück, zwei der Fantastischen Vier sind erstmals dabei, und der vierte und letzte Platz in der diesjährigen „The Voice Of Germany“-Jury wird besetzt von: Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß. Die 29-Jährige, die sich öffentlich bisher eher gegen Castingshows ausgesprochen hatte, erklärt im Interview, warum sie „The Voice“ guten Gewissens vertreten kann, welche Schwierigkeiten das Format dennoch mit sich bringt, was sie den Kandidaten mit auf den Weg gibt und ob diese wirklich an eine große Karriere nach der Show glauben. Außerdem spricht Kloß über das, was sie als „The Voice“-Coach vor allem tun muss: zuhören. Was hat sie zuletzt gehört und berührt, was traurig gemacht, und wie gut ist ihr Gehör eigentlich für potenzielle Hits? „The Voice Of Germany“ läuft ab 9. Oktober immer donnerstags, 20.15 Uhr, bei ProSieben und immer freitags, 20.15 Uhr, bei SAT.1.

Sängerin Stefanie Kloß von der Band Silbermond ist das neue Jury-Mitglied bei "The Voice of Germany".

 

chilli: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten: Stellen Sie sich vor, Ihre fünf Sinne würden von jetzt auf gleich zu einem zusammenschrumpfen – den Sie sich aber aussuchen dürften. Auf welchen Sinn würden Sie nicht verzichten wollen?
Stefanie Kloß: Keine einfache Frage. Ich esse ja schon viel zu gerne, als dass ich auf meinen Geschmackssinn verzichten wollen würde (lacht). Aber wenn ich mich in diesem Moment entscheiden müsste und dabei alles mit einbeziehen würde, auch meinen Beruf, würde ich mich schon fürs Hören entscheiden.

 

chilli: Wann haben Sie sich zuletzt bewusst gefreut, etwas gehört zu haben?
Kloß: Aktuell nimmt „The Voice Of Germany“ ja sehr viel von meiner Zeit in Anspruch. Ich bekomme einiges mit, besonders natürlich von den Kandidaten. Deshalb weiß ich auch, was ihre Schwachstellen sind. Ich weiß, woran sie besonders hart arbeiten. Und wenn ich dann höre, dass beim Auftritt etwas besonders gut klappt, freue ich mich natürlich. Es gibt da zum Beispiel ein sehr junges Talent, das neulich eine besondere Version eines bestimmten Songs gesungen hat – ich darf ja noch nichts verraten. Nur so viel: Das hat mich sehr berührt.

 

chilli: Und wann hat Sie zuletzt etwas Gehörtes traurig gemacht?
Kloß: Meine Familie wohnt ja noch in Bautzen, und ich kann leider nicht all zu oft nach Hause fahren. Wir telefonieren natürlich, und wenn wir das tun, versuche ich immer, die Stimmung zu Hause herauszuhören, also zu merken, wie es den Leuten dort geht. Ich höre auch ziemlich schnell, wenn zum Beispiel meine Eltern mal krank und geknickt sind. Sie wollen mir das zwar nicht erzählen, weil sie mich nicht belasten wollen, aber ich merke das natürlich trotzdem. Bei Menschen, die man gut kennt, kann man schon an der Stimme hören, ob es ihnen gut geht oder nicht.

 

chilli: Haben Sie schon früh gemerkt, dass Sie ein gutes Gehör haben?
Kloß: Sagen wir mal so: Es gibt viele Musiker, die ein besseres Harmonieverständnis übers Gehör haben als ich. Unser Gitarrist zum Beispiel, der schon sehr zeitig sein Instrument gelernt hat, muss nur ein Lied hören und kann es sofort nachspielen. Das kann ich nicht. Ich habe kein Instrument gelernt und erst mit 13 Jahren gemerkt, dass wenn ich drauflos singe, es ganz gut funktioniert und mir Spaß macht.

 

chilli: Waren Sie auch schnell der Meinung, dass andere Ihren Gesang hören sollten?
Kloß: Soweit habe ich am Anfang nicht gedacht. Die Jungs in meiner Band und ich haben uns damals in einem musikalischen Jugendprojekt in Bautzen kennengelernt. Die anderen waren schon eine Band, und ich war noch in einem Chor. Wir kamen dann zusammen, weil wir Bock drauf hatten. Über alles andere haben wir nicht nachgedacht. Wir haben das nicht gemacht, um irgendjemandem zu gefallen. Als Jugendlicher sucht man ja nach etwas, das man gut kann, und ich war einfach sehr glücklich, so etwas gefunden zu haben.

 

chilli: Sind Sie in der Band heute diejenige, die einen möglichen Hit zuerst erkennt?
Kloß: So was gibt’s nicht – sonst hätte längst jemand ein Rezeptbuch geschrieben: „Wann ist ein Song ein Hit und wann nicht?“ In der Band gehen wir meistens nach einem Bauchgefühl und überlegen nicht, was möglichst vielen Leuten gefallen könnte. Wir machen immer erst mal das, was uns selbst gefällt. Das ist auch beim Songschreiben so: Wir können ja nur das erzählen, was uns selbst bewegt und beschäftigt.

"Es ist aufregend und nimmt mich voll ein!" schwärmt Stefanie Kloß von ihrem Job als Coach bei "The Voice", den sie als einzige Frau neben vier Männern ausübt, von links: Samu Haber, Rea Garvey, Michi Beck und Smudo.

 

chilli: Durch die Vielzahl an Erfolgen sind Sie jedoch unter Druck geraten, Hits zu haben.
Kloß: Klar, der Druck ist natürlich da, kommt aber nicht nur von außen. Wir machen uns selbst viel Druck, sind superselbstkritisch und finden selten etwas gut genug. Wir sind einfach perfektionistisch, was uns manchmal echt in den Wahnsinn treibt (lacht). Bei uns war es ja so: Die erste Platte ging direkt durch die Decke, mit Songs wie „Symphonie“. Die zweite haben wir dann noch relativ naiv gemacht, waren noch beflügelt von allem, was da so auf uns eingeprasselt ist. Und bei der dritten war’s schon schwieriger. Da mussten wir dann verstehen lernen, dass wir uns nicht ständig toppen und selbst überragen, sondern vor allem eine Momentaufnahme schreiben müssen.

 

chilli: Wie machen Sie das?
Kloß: Man muss die Leute da draußen vergessen, den Druck vergessen, einfach nur auf und in sich hören. Das hat bei uns immer funktioniert, und diese Erfahrung haben wir zum Beispiel auch mit genommen für die vierte Platte, die uns dann schon wieder leichter fiel.

 

chilli: „Die Leute vergessen“: Raten Sie das auch den „The Voice“-Talenten, die Sie jetzt betreuen?
Kloß: Bei „The Voice“ sind wir alle in einer krassen Situation, auch ich. Es sind sehr oft Kameras dabei, was wir als Band ja in der Regel so gar nicht haben. Ich kann zwar damit umgehen, aber den jungen Leuten rate ich immer wieder: Das, was ihr hier mitkriegt, ist nicht der „normale“ Weg eines Musikers. Ich meine: Bevor wir mit Silbermond zum ersten Mal auf einer Fernsehbühne standen, sind erst mal ein paar Jahre vergangen. Diese Talente bekommen alles sofort.

 

chilli: Finden Sie es ungesund, alles sofort zu bekommen?
Kloß: Es ist schwierig! Als wir bei Silbermond mit „Das Beste“ so viel Erfolg hatten, war ich froh, dass wir diesen bereits einzuordnen wussten, weil wir schon die Erfahrung mit dem ersten Album hatten.

 

chilli: Was ist wichtig im Umgang mit den Talenten?
Kloß: Wir achten auf vieles: Wie kommen sie mit der Situation an sich klar? Auch: Wie gehen sie damit um, lange von zu Hause weg zu sein? Viele haben nämlich mächtig Heimweh. Und je länger die Show läuft, desto weniger Leute sind natürlich auch dabei. Am Anfang sind es 130 Talente in einem Hotel, und jeder findet irgendjemanden für sich zum reden und sich austauschen. Nach den Battles muss ja leider die Hälfte bereits wieder gehen, auch die, mit denen sich der eine oder andere gerade erst angefreundet hatte. Das ist hart, aber so sind eben die Spielregeln. Und ich versuche zusammen mit meinem Side-Coach auch ansprechbar und erreichbar für die Talente zu sein.

 

chilli: Glauben am Anfang auch alle 130 Talente an eine große Karriere?
Kloß: Es ist alles dabei: Menschen, die sehr ehrfürchtig und realistisch an die Sache gehen und sich denken, dass „The Voice“ eine gute Plattform ist, aber vielleicht keine große Karriere dabei herausspringt. Und es gibt andere, die da sehr viel reinsetzen und womöglich Lehre und Studium für die Show unterbrechen. Und es gibt auch mal jemanden, der leider doch nicht ganz so gut ist, wie er denkt.

"Wir machen uns selbst viel Druck, sind superselbstkritisch und finden selten etwas gut genug", sagt Sängerin Stefanie Kloß über ihre Band Silbermond.

 

chilli: Wie sollte ein Talent mit dem Ausscheiden bestenfalls umgehen?
Kloß: Jedes Talent sollte sich sagen: „The Voice“ ist eine Möglichkeit, eine Musikkarriere zu starten, oder einen Schritt weiter auf der Leiter zu kommen, aber nicht der einzige.

 

chilli: Wie erleben Sie sich selbst auf dem Jury-Stuhl?
Kloß: Es ist aufregend und nimmt mich voll ein! Ich würde mehr buzzern und Talente in die nächste Runde schicken, wenn ich dürfte. Aber ich darf ja leider nur 16 von 130 mitnehmen. Also gucke ich, dass ich raushöre, welche Stimme mich zutiefst berührt und wem ich noch etwas mitgeben könnte.

 

chilli: Hatten Sie irgendwelche Sorgen, als Sie Ihren „The Voice“-Job angetreten haben?
Kloß: Ich hätte lieber zu viert dagesessen, also zusammen mit den Jungs aus meiner Band. Mit Silbermond haben wir ja schon immer junge Bands unterstützt, schon seit 2004 konnten junge Gruppen bei uns im Vorprogramm spielen. Aber die Jungs glauben fest daran, dass ich das gut machen und vernünftig mit den jungen Leuten umgehen kann.

 

chilli: Ist „The Voice“ die einzige Castingshow, bei der Sie mitmachen würden? An sich waren Sie ja nie ein großer Castingshow-Fan.
Kloß: Wir standen und stehen als Band immer kritisch gegenüber Castingshows. Das war schon vor zehn Jahren so. Wobei man dazu sagen muss, dass die Formate, die es damals gab, mit einer Musikshow wie „The Voice Of Germany“ nichts zu tun hatten. Als dann vor ein paar Jahren Xavier Naidoo und Nena, also gestandene Musiker, deren Musik ich selbst gut finde, plötzlich in der Jury saßen, dachte ich: Wenn die das machen, wird etwas dran sein an dieser Sendung. Also habe ich es verfolgt und fand es gut. Und jetzt, da ich selbst Teil der Show bin, weiß ich: Es ist eine gute Sache, und es wird darauf großer Wert gelegt, dass es den Talenten gut geht. Ich kann diese Show gut vertreten.

 

chilli: Für „DSDS“ wurden Sie sicherlich schon angefragt, oder?
Kloß: Ich weiß es gar nicht. Wenn, dann vor ein paar Jahren.

 

chilli: Das wäre aber nichts für Sie?
Kloß: Nein. Das käme nicht infrage.

 

Text: Erik Brandt-Höge / Fotos: © SAT.1 / ProSieben
Quelle: teleschau – der mediendienst