Der Rucksack der Verantwortung

Stephanie Stumpf hat im ZDF-Zweiteiler „Das Mädchen mit dem indischen Smaragd“ (So., 10.11., und Mo., 11.11., jeweils 20.15 Uhr) ihre erste Hauptrolle

Anfang nächsten Jahres ist Schluss. „Stubbe – Von Fall zu Fall“, die erfolgreiche Krimiserie, mit der Stephanie Stumph an der Seite ihres Vaters Wolfang Stumph bekannt wurde, endet nach 20 Jahren. Die 29-Jährige, die ihren Lebensmittelpunkt in Dresden und Hamburg hat, begreift das als Chance und freut sich umso mehr, im „Herzkino“-Film „Das Mädchen mit dem indischen Smaragd“ (So., 10.11., und Mo., 11.11., jeweils 20.15 Uhr, ZDF) ihre erste Hauptrolle zu spielen. Der aufwendige Zweiteiler um die deutsche Lehrerin Annie Krüger, die auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater ein Familiengeheimnis lüftet, spielt in Jaipur. Zwar liegen die Dreharbeiten in Indien mittlerweile schon ein Jahr zurück, aber die Erlebnisse in diesem Land der Gegensätze sind für Stephanie Stumph noch immer sehr präsent.

Könnte optisch glatt als Inderin durchgehen: Stephanie Stumph.

 

chilli: Frau Stumph, Ihre erste Hauptrolle – und gleich ein opulenter Zweiteiler. Waren Sie am Set von „Das Mädchen mit dem indischen Smaragd“ nervöser als sonst?
Stephanie Stumph: Die Handlung ist sehr auf meine Figur fokussiert, deshalb spürte ich den Rucksack der Verantwortung stärker auf meinen Schultern als bei anderen Projekten. Mir war klar, dass Scheitern oder Gelingen dieses Films zu großen Teilen von mir und meiner Leistung abhängen. Diese Gedanken haben mir den Dreh nicht gerade einfacher gemacht, aber der Fokus auf die Arbeit hat Priorität.

 

chilli: Hat es funktioniert?
Stumph: Beim Spielen hatte ich damit keine Probleme, aber wenn die Kamera aus war, dachte ich viel nach. Meine drehfreie Zeit habe ich hauptsächlich dafür genutzt, Kraft und Schlaf zu tanken, und habe alles versucht, um fit und gesund zu bleiben. Das heißt: früh ins Bett und jedem Risiko, zum Beispiel auswärts Essen gehen, wo man die hygienischen Verhältnisse nicht einsehen konnte, möglichst aus dem Weg gehen.

 

chilli: Im Hinblick auf das Ende von „Stubbe“ kam das Angebot für diesen „Herzkino“-Film genau richtig, oder?
Stumph: Auf jeden Fall! Ich bin unendlich dankbar, dass das ZDF mir die Chance gab, nach 20 Jahren aus den Kinderschuhen herauszutreten und mich der Herausforderung, die Zuschauer an zwei Abenden vor den Fernseher zu locken, zu stellen. Ich hatte Spaß daran, mir diese Rolle zu erarbeiten, weil sie fast wie in einem Theaterstück angelegt ist und meine Figur eine Entwicklung durchmacht.

In ihrer Rolle als Annie Krüger erlebt Stephanie Stumph (mit Faraz Khan) im ZDF-Zweiteiler "Das Mädchen mit dem indischen Smaragd" (So., 10.11., und Mo., 11.11., jeweils 20.15 Uhr) das Abenteuer ihres Lebens.

 

chilli: Die Dreharbeiten liegen ein Jahr zurück. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Stumph: Ich habe in Indien viel über mich gelernt: Wo stoße ich an meine Grenzen, woran muss ich arbeiten – als Schauspielerin und als Mensch? Zum ersten Mal nach der Schauspielschule musste ich meinen Ehrgeiz hinterfragen. Wo ist er notwendig und hilfreich, wo steht er mir im Weg? Ich habe selten so viel mit mir gekämpft – und das war gut so.

 

chilli: Wie haben Sie Indien erlebt?
Stumph: Vor dem Dreh habe ich versucht, mich gut über Land und Leute zu informieren. Die Menschen vor Ort zu erleben, war dann aber doch etwas ganz anderes. Ich würde lügen, wenn ich sage, die Eingewöhnung wäre mir leicht gefallen. Man leidet an akuter Reizüberflutung. Alles ist bunt und laut, ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Indien liebt oder haßt man, und ich konnte mich lange nicht entscheiden. Aber je mehr Zeit verging, desto mehr fühlte ich mich mit diesem Land verbunden. Bis vor kurzem habe ich sogar noch von den Dreharbeiten dort geträumt.

 

chilli: Während der Weihnachtsfeiertage 2012, kurz nach dem Ende des Drehs, bestimmte die Massenvergewaltigung einer Studentin in Indien die Schlagzeilen. Hat das Ihre Sicht auf Indien verändert?
Stumph: Ich bin mir sicher, dass es viele positive Situationen, die ich in Indien erlebt habe, gar nicht gegeben hätte, hätte sich dieser Vorfall vor dem Dreh ereignet. Abends alleine mit der Rikscha herumzufahren oder mit meiner Maskenbildnerin in irgendwelchen Hinterhöfen herumzustreunen, weil ein netter Inder uns seine Familie vorstellen wollte, – so etwas hätte ich nach diesen Meldungen gar nicht erst gemacht. Ich bin froh, dass ich zu dem Zeitpunkt offen und ohne Scheu auf die Menschen zugehen konnte.

"Ich bin mir sicher, dass es viele positive Situationen, die ich in Indien erlebt habe, gar nicht gegeben hätte, hätte sich dieser Vorfall früher ereignet": Die negativen Schlagzeilen über Indien erreichten Stephanie Stumph erst nach Ende des Drehs.

 

chilli: Könnten wir Deutschen in manchen Punkten von den Indern und ihrer Lebenseinstellung lernen?
Stumph: Vor allem in Sachen Zufriedenheit sind die Inder wahre Meister. Die Menschen dort, egal wie arm sie sind, nehmen ihre Situation an und machen das Beste daraus. Was hilft es schon, zum Nachbarn zu schielen und zu schauen, was der besser kann oder wie viel mehr der hat als ich? Das Loslassen und die Neugier auf andere Menschen sind in Indien wichtig, und das hat mir sehr gefallen.

 

chilli: Sie sind Diplom-Schauspielerin ?
Stumph: Das klingt immer so blöd.

 

chilli: Anders formuliert: Sie haben Schauspiel studiert. Warum haben Sie sich nicht einfach auf die Gene Ihres Vaters verlassen?
Stumph: Mit 40 oder 45 wird eine Krise kommen, in der ich denke, dass ich gar nichts kann. Also habe ich mir gesagt: Wenn ich dieses Papier habe, auf dem eine Abschlussnote steht, ist diese Krise vielleicht nicht so schlimm oder schneller vorbei. Deshalb war und ist mir dieses Studium so wichtig. Aber klar, die Selbstzweifel können auch früher kommen, und die scheren sich auch nicht viel um so ein Stück Papier.

 

chilli: So ein Studium gibt einem Schauspieler auch die Möglichkeit, vielseitig zu arbeiten.
Stumph: Genau! Ich wollte mir damit auch die Möglichkeit offen halten, Theater zu spielen, Hörspiele zu sprechen oder vielleicht mal Regie zu führen. Ich gab auch schon Schauspielworkshops.

Stephanie Stumph wurde mit der ZDF-Krimiserie "Stubbe - Von Fall zu Fall" an der Seite ihres Vaters Wolfgang Stumph bekannt.

 

chilli: Die 50. Folge „Stubbe“ ist abgedreht und wird im Januar ausgestrahlt. Wie war der Abschied von der Rolle der Christiane, die Sie 20 Jahre lang spielten?
Stumph: Schon ein komisches Gefühl. Ich bin mit ihr aufgewachsen, und sie ist mir sehr ans Herz gewachsen. Schade, dass die Geschichten nicht weitererzählt werden. Gleichzeitig ist das Ende von „Stubbe“ auch eine große Chance für mich. Schließlich möchte ich diesen Beruf dauerhaft ausüben – und nicht nur jetzt, solange ich jung bin und noch glatte Haut habe (lacht).

 

Text: Teresa Groß / Fotos: ZDF
Quelle: teleschau – der mediendienst