Rebellion im Rock’n’Roll? Das war einmal. Die eigene Prominenz? Gerne doch, dennoch bitte auch sinnvoll einsetzen. Und Alkohol? Hey, es ist immer noch Rock’n’Roll. Aber übertreiben muss man es nicht mehr, erklärt Alec Völkel von The BossHoss im Gespräch.

"Eine Person der Öffentlichkeit sollte nicht so egoistisch sein, die eigene Popularität nur für sich zu nutzen. Man kann immer etwas Positives bewirken." Alec Völkel und The BossHoss setzen sich für viele karitative Stiftungen ein.

 

Noch cool oder doch schon spießig? Seitdem The BossHoss 2004 mit ihrer Country-Rock-Coverversion von „Like Ice In The Sunshine“ ihren ersten Hit landeten, präsentieren sich die beiden Bandchefs Alec Völkel (Gesang) und Sascha Vollmer (Gesang und Gitarre) als coole Typen mit einer Vorliebe für Jeanshemden und Cowboyhüte. Doch die beiden gelernten Werbegrafiker wissen selbst, dass ihr Image nicht das der rebellischen Außenseiter, sondern mehrheitsfähig ist: Die meisten ihren Alben erhielten Gold- und Platinauszeichnungen, die Teilnahme als Coaches bei „The Voice Of Germany“ sorgte noch für einen zusätzlichen Popularitätsschub. Nun, eine Woche vor dem Start der dritten Staffel der der ProSiebenSat.1-Castingshow am Donnerstag, 17. Oktober, 20.15 Uhr (erste Sendung bei ProSieben, danach immer abwechselnd bei SAT.1 und ProSieben) veröffentlichen The BossHoss ihre neue Platte „Flames Of Fame“. Anlass genug, um mit Alec Völkel über die Probleme der eigenen Berühmtheit, Spießigkeit und Coolness, Rock’n’Roll und Rebellion zu reden.

 

chilli: Herr Völkel, wie gehen Sie als Person des öffentlichen Lebens damit um, dass jeder Sie sofort duzen möchte?
Alec Völkel: Damit habe ich wenig Probleme, ich duze andere Leute auch lieber. Problematischer ist es, dass einen jeder kennt.

 

chilli: Wann zum Beispiel?
Völkel: Oft werde ich auf der Straße erkannt. An Flughäfen oder Bahnhöfen besonders häufig, da ist es praktisch unmöglich, sich noch frei zu bewegen.

 

chilli: Dort kommen die Fans auf Sie zu …
Völkel: … und wollen Fotos machen oder einfach auch nur smalltalken. Das gehört aber auch dazu.

 

chilli: Quasi ein Star zum Anfassen.
Völkel: Natürlich kann das auch mal stressig werden, aber ich kann damit gut umgehen. Die Leute erwarten ja auch, dass man sich Zeit für sie nimmt. Fan-Kommunikation ist ein Stück Arbeit, die man als Künstler zu leisten hat.

 

chilli: Ist Siezen typisch deutsche Spießigkeit?
Völkel: Das muss jeder für sich festlegen. Ich renne jetzt auch nicht rum und duze jeden auf Teufel komm raus. In der Branche ist es die allgegenwärtige Pflicht, sich einander zu duzen. Im Möbelfachmarkt sieze ich den Verkäufer auch erst und schaue dann, ob man sich sympathisch ist. Das Duzen kommt dann meistens von ganz alleine.

 

chilli: Haben Sie eine spießige Seite?
Völkel: Zumindest keine, von der ein Außenstehender sagen könnte: „Hui, das ist ja krass, das hätte ich dem nie zugetraut“ (lacht).

 

chilli: Was ist cool an Ihnen?
Völkel: Ich stelle mich hier jetzt nicht hin und sage von mir, dass ich ein cooler Typ bin. Mich freut es natürlich, wenn andere Personen es so sehen und mir eine gewisse Lässigkeit attestieren.

 

chilli: Aber?
Völkel: Da sind Sascha und ich uns ziemlich ähnlich: Wir gelten nur so lange als cool, wie wir auch authentisch rüberkommen und uns nicht verstellen. Ab dem Zeitpunkt, an dem wir versuchen würden, lässig zu wirken, wird es peinlich.

 

chilli: Ist das betonte Nicht-cool-sein-Wollen nicht auch eine Art von Coolness?
Völkel: Ja, stimmt. Bei einigen Menschen auf der Straße denke ich mir auch manchmal, dass sie cool aussehen, obwohl sie nach außen hin so wirken wollen, als würden sie sich gerade darum nicht kümmern.

 

chilli: Hat das Musikerleben heutzutage überhaupt noch den richtigen Glamourfaktor, nachdem im Internet jeder ihrer Schritte verfolgt werden kann?
Völkel: Durch die Sozialen Netzwerke existiert der eigene Alltag eigentlich gar nicht mehr. In den 80er-Jahren wusste man praktisch nicht, was ein Star so treibt. Aber die Zeiten, in denen Prominente einen auf dicke Hose machten, sind vorbei. Menschen mit Rockstar-Allüren braucht keiner mehr, das ist mittlerweile überzogen.

 

chilli: Aber Sie sind ja ein Rockstar …
Völkel: Wir fühlen uns aber nicht „special“ oder so. Ich denke, es kommt auch viel besser an, wenn man so drauf ist wie die Leute, die einen hören. Der einzige Unterschied ist, dass wir Musik machen und unsere Fans diese mögen (lacht). Wir sind da schon auf Augenhöhe.

Mit Vollgas in die Charts: The BossHoss veröffentlichen ihr neues Album "Flames Of Fame".

 

chilli: Ist es nicht manchmal merkwürdig, von Fans mit Fakten über die eigene Person konfrontiert zu werden?
Völkel: Ich finde das eher absurd. Neulich erzählte mir einer, dass er wüsste, welches Auto ich fahren würde. Als ich ihn fragte, woher er die Information hat, sagte er mir, dass das bei Wikipedia steht. Ganz ehrlich: Das ist doch bekloppt, wieso interessiert man sich dafür?

 

chilli: Der Preis der Berühmtheit.
Völkel: Von mir aus kann die ganze Welt wissen, was für einen Wagen ich fahre. Mich wundert einfach nur, was den Leuten daran an Information wichtig ist.

chilli: Ab welchem Punkt werden Sie sauer?
Völkel: Bei von mir abgedruckten Interviews, die es nie gab. Das finde ich dreist und sehr unangenehm.

 

chilli: Ein Beispiel?
Völkel: Ich las letztens, dass Sascha und ich gesagt hätten, dass wir nicht mehr bei „The Voice Of Germany“ mitmachen würden. Moment: Dieses Interview mit diesem Magazin gab es einfach nicht. Das ärgert mich.

 

chilli: Brauchen Sie aber vielleicht auch die Entmystifizierung des Rockstar-Daseins, um die eigene Bodenhaftung nicht zu verlieren?
Völkel: Ja, das sehe ich auch so. Es muss sich aber auch die Waage halten. Es darf nicht in die Richtung gehen, dass die eigene Privatsphäre völlig dahin ist. An der Wohnungstür ist Schluss. Auf der anderen Seite bewirkt diese durchleuchtete Prominenz, dass man sich in der Öffentlichkeit zusammenreißt und sich nicht komplett daneben benimmt.

 

chilli: Wären Sie gerne manchmal unsichtbar?
Völkel: Wenn ich mit meinem Sohn unterwegs bin, ja. Das ist für mich „quality time“. Das nervt ihn ja auch persönlich, wenn wir unterwegs sind, Zeit alleine verbringen wollen und er mich mit Fans teilen muss.

 

chilli: Mit Ihrer Berühmtheit setzen Sie sich aber auch viel für soziale Projekte ein, etwa für ein Hospital in Afrika …
Völkel: Wir engagieren uns eigentlich schon seit Anbeginn der Band für das Projekt „Sage“, das Geld für Medikamente sammelt, um ein Kinderkrankenhaus im Senegal zu unterstützen. Wir treten regelmäßig bei Benefizveranstaltungen des Vereins auf und machen Spendenaufrufe. Dafür ist das eigene bekannte Gesicht immer super. Kurz bei Facebook ein paar Zeilen über die Aktion gepostet und schon fühlen sich deutlich mehr Leute direkt davon angesprochen als durch einen normalen Aufruf.

 

chilli: Sehen Sie es als die persönliche Pflicht eines Künstlers, die eigene Berühmtheit für soziale Engagements zu nutzen?
Völkel: Eine Person der Öffentlichkeit sollte nicht so egoistisch sein, die eigene Popularität nur für sich zu nutzen. Man kann immer etwas Positives bewirken.

 

chilli: Wo sehen Sie noch dringenden Handlungsbedarf?
Völkel: Bei Kindern, die haben einfach keine eigene und richtige Lobby. Das sind die schutzlosesten in unserer Gesellschaft, sie brauchen am meisten Hilfe. Wir haben in der Band selbst alle Kinder, und damit ist uns das Feld auch am wichtigsten.

"Uns bringt die gemeinsame Zeit und das, was wir tun einfach viel zu viel Spaß, um uns ständig wegzuschießen. Und wir haben unsere Familien und Freunde, die wir nicht verlieren wollen." Alec Völkel (links) und seine Band BossHoss passen beim gemeinsamen Feiern auf sich gegenseitig auf.

 

chilli: Eine Ihrer ersten selbst gekauften Platten war „Hell Awaits“ von der Metal-Band Slayer. Deren Gitarrist und Hauptsongwriter Jeff Hanneman starb kürzlich an einer alkoholbedingten Leberzirrhose. Wie nah ging Ihnen sein Tod?
Völkel: Das war schon sehr dramatisch. Slayer sind eine Band, die mich seit meiner Jugend begleitet. Ich war aber nicht bis ins Detail darüber informiert, wie es um Hanneman stand. Der Rock’n’Roll hinterließ offensichtlich seine Spuren, da hätte vielleicht jemand aufpassen sollen, dass er sich nicht frühzeitig ins Aus schießt.

 

chilli: Wie passen Sie bei sich in der Band aufeinander auf, dass keiner über die Stränge schlägt?
Völkel: In dem übertriebenen Maße läuft das bei uns ja nicht. Uns bringt die gemeinsame Zeit und das, was wir tun, einfach viel zu viel Spaß, um uns ständig wegzuschießen. Und wir haben unsere Familien und Freunde, die wir nicht verlieren wollen.

 

chilli: Aber Sie spielen auch in einer Rock’n’Roll-Band …
Völkel: … und da gehört feiern natürlich auch dazu, richtig. Aber wir sind alle alt und glücklicherweise auch vernünftig genug, um da nicht abzudriften.

 

chilli: Ist Rock’n’Roll überhaupt noch Rebellion?
Völkel: Das kommt darauf an, was man daraus macht. Von der Musik her ist es immer noch Rebellion. Aber die Bewegung an sich, die damals aufgrund des Aufbegehrens aufkam, gibt es in der Form nicht mehr. Rock’n’Roll ist Mainstream. Früher schockte das ja noch eine ganze Gesellschaft. Als Elvis Presley damals anfing, war das ja noch eine Musikrichtung, die bis zu dem Zeitpunkt keiner verstand. Für den Großteil der Bevölkerung war das grausamer Lärm.

 

chilli: Was damals wirklich noch „Sex, Drugs And Rock’n’Roll“ war …
Völkel: … ist heute allgegenwärtiger und gesellschaftlicher Durchschnitt. Dennoch kann Musik dieses Gefühl von damals immer noch tragen.

 

chilli: Lässt sich die Gesellschaft mit irgendetwas noch schockieren?
Völkel: Nein, das glaube ich nicht. Fast jeder Kleidungsstil war schon da, Tattoos sind angesehen. Der Zug der Rebellion ist abgefahren. Interessanterweise war aber doch gerade das die Absicht der Punk- und Hippiebewegung, die Gesellschaft zu verändern und Akzeptanz für alle zu schaffen. Im Kern hat die Rebellion sozusagen ihr Ziel geschafft.

 

The BossHoss auf Deutschlandtour:

24.10., Berlin, Max-Schmeling-Halle

25.10., Erfurt, Thüringenhalle

26.10., Regensburg, Donau-Arena

30.10., Hamburg, Sporthalle

31.10., Oberhausen, König-Pilsener-Arena

01.11., Frankfurt, Jahrhunderthalle

02.11., Stuttgart, Schleyer-Halle

07.11., München, Zenith

08.11., Hannover, AWD-Halle

09.11., Chemnitz, Arena

 

Text: Ben Hiltrop / Fotos: Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst