„So wichtig nehme ich mich nicht“

„Der moderne Fußball ist kein Lebensraum für Gestrige und Leute mit angestaubten Vorurteilen.“ Das Zitat stammt von Thomas Hitzlsperger, und dass er es als markanten Gruß auf die Frontpage seiner Website gestellt hat, macht deutlich, dass er sich seines derzeitigen Stellenwertes bewusst ist. Seit sich Hitzlsperger öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hat, ist er eben nicht nur der ehemalige Fußball-Star und 52-fache Nationalspieler, der Vize-Europameister und Deutscher Meister wurde und dank seiner gefürchteten linken Klebe von den Engländern den Beinamen „The Hammer“ bekam, sondern Hitzlsperger ist nun auch: der erste prominente Kicker der sich geoutet hat.

Andererseits ist da natürlich die Sehnsucht nach Normalität. Er sei sich ohnehin „noch gar nicht sicher, ob und inwieweit ich die Rolle annehmen will, die viele mir gerne zuschreiben würden“, erklärt der sympathische Ex-Profi in einem der ersten Interviews nach dem für ihn so turbulenten Jahresbeginn. Er habe sich vorgenommen, über seinen neuen Job als WM-Experte fürs „ZDF-Morgenmagazin“ zu reden, also „hauptsächlich über Fußball“, so „Hitz“, aus dessen Worten Gelassenheit und Solidität sprechen, Tugenden, die die Fans auch auf dem Platz an ihm schätzten. „Ich gehe den Job sehr gewissenhaft an und bin zuversichtlich, dass alles klappen wird“, sagt der 32-Jährige, dem auch wegen seiner Bodenhaftung die Karriere vor der Kamera zuzutrauen ist.

"Ich gehe den Job sehr gewissenhaft an und bin zuversichtlich, dass alles klappen wird": Thomas Hitzlsperger (32) stellt sich der Herausforderung Fernsehen ohne größere Aufregung.

 

chilli: Herr Hitzlsperger, es ist nicht mal ein Jahr vergangen, seit Sie das Ende Ihrer Profikarriere verkündeten, Sie sind mit 32 Jahren noch im ordentlichen Fußballer-Alter, und wir stehen unmittelbar vor einer Weltmeisterschaft. Hand aufs Herz: Rührt sich in Ihnen momentan nicht die Sehnsucht nach Fußball?
Thomas Hitzlsperger: (lacht) Nein, da rührt sich nichts. Ich habe keine Sehnsucht mehr, täglich Fußball zu spielen – ehrlich. In meinem Leben hat sich vieles verändert, und es fühlt sich gut an. Wenn ich heute über Fußball rede und mich nun fürs Fernsehen mit unserer Mannschaft in Brasilien beschäftige, tue ich das mit genügend Abstand, der für so eine Aufgabe nötig ist. Die zwölf Jahre Profifußball waren eine schöne Zeit, aber sie ist vorbei. Es war eine bewusste Entscheidung aufzuhören, und ich bin mir sicher, dass sie richtig war.

 

chilli: Was war Ihr wesentlicher Antrieb dabei?
Hitzlsperger: Ganz klar der körperliche Verschleiß. Ich hatte viele Verletzungen am Ende. Vielleicht hätte ich mich noch ein, zwei Jahre durchquälen können, aber ich wollte es nicht ausreizen und meine Gesundheit vollends aufs Spiel setzen. Ich bin nicht sentimental und denke nicht mehr jeden Tag an Fußball, weil sich die Prioritäten nun verschoben haben.

 

chilli: Sagt einer, bei dem schon als Kind die Weichen auf die Fußballkarriere gestellt waren. Sie spielten schon als Bub für Bayern München, wechselten als 17-Jähriger zu Aston Villa …
Hitzlsperger: Ja, das Ziel war klar definiert: Ich wollte Profi werden und habe alles dafür getan. Fragen Sie mich bitte nicht, was aus mir geworden wäre, wenn es nicht geklappt hätte – ich weiß es nämlich nicht (lacht), obwohl ich nebenher die Schule und eine Ausbildung zum Bürokaufmann absolvierte. Im Laufe meiner Fußballerjahre fand ich dann aber zum Glück noch eine schöne Option für mich.

 

chilli: Sie meinen, „was mit Medien“?
Hitzlsperger: (lacht) Ich hatte es als Spieler auf jeden Fall schon im Hinterkopf, später in den Medien zu arbeiten. Das hat mich mehr gereizt als ein Job als Trainer. Jetzt schaue ich, ob mir das Spaß macht …

 

chilli: Thomas Hitzlsperger wird WM-Experte im „ZDF-Morgenmagazin“ – eine Nachricht, die trotzdem überrascht hat. Ein begrenztes Engagement oder der Beginn einer neuen Karriere?
Hitzlsperger: Natürlich geht es erst mal darum, in die Arbeit beim Fernsehen hineinzuschnuppern. Aber ich mache es mit vollem Einsatz, so wie zu meiner Zeit, als ich noch aktiv auf dem Platz war. Gehen Sie davon aus, dass ich auch nach der WM weiter was mit Medien mache! Es gibt auch schon Konkretes, über das ich aber noch nicht sprechen kann.

Mit Moderatorin Jessy Wellmer hat sich Thomas Hitzlsperger bei einem ersten "Moma"-Besuch bereits gut eingegroovt.

 

chilli: Als Spieler waren Sie als Interviewpartner geschätzt, der auch nach hektischen Partien besonnen und eloquent antwortete. Warum fiel es Ihnen leichter als vielen anderen Spielern, nicht genervt zu sein?
Hitlzsperger: Für die anderen kann ich ja nicht sprechen, aber für mich ist es eben auch eine Frage von Respekt: Ein Field-Reporter macht auch nur seinen Job.

 

chilli: Wie kam es, dass Sie nun die Seite wechselten?
Hitzlsperger: Bereits als Spieler bekam ich für meine Art, über Fußball zu sprechen, positive Rückmeldungen aus den Medien. Es entwickelten sich Kontakte, und bald gab es auch die eine oder andere Anfrage aus diesem Bereich, was ich als schöne Bestätigung empfand, da mich der Beruf ja tatsächlich interessiert. Dass das ZDF nun mit mir zusammenarbeiten will, kommt also nicht von ungefähr – wobei ich vor ein paar Jahren auch nicht gedacht hätte, dass ich mir beim „Moma“ meine ersten Sporen verdiene (lacht).

 

chilli: Am 10. Juni haben Sie Ihre erste Sendung. Sind Sie schon nervös?
Hitzlsperger: Nein, bisher hält sich das Lampenfieber in Grenzen.

 

chilli: Weil Sie einfach so cool sind?
Hitzlsperger: Nein, weil ich es mache, wie eigentlich schon immer: Ich gehe den Job sehr gewissenhaft an und bin zuversichtlich, dass alles klappen wird. Das ist im Prinzip die Einstellung, mit der ich in wichtige Spiele ging, ohne dass mir die Knie zu sehr wackelten … Nun wurde ich als Fußball-Experte angefragt, das ist eine anspruchsvolle und ehrenvolle Aufgabe, ich darf meine Erfahrung einbringen und freue mich drauf.

 

chilli: Die besondere Herausforderung besteht wohl darin, das Publikum am frühen Morgen bei Laune zu halten. Was haben Sie sich vorgenommen?
Hitzlsperger: Natürlich habe ich mich vorbereitet, mir in den letzten Wochen sämtliche Fußball-Talksendungen angesehen und mich über alle WM-Teilnehmer informiert. Aber im Grunde vertraue ich darauf, dass ich als ehemaliger Fußballprofi weiß, wovon ich spreche und dass es ausreicht, wenn ich vor der Kamera einfach so bin, wie ich bin und mich nicht verbiege.

Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger (Mitte) freut sich auf "eine anspruchsvolle und ehrenvolle Aufgabe" als WM-Experte beim "ZDF-Morgenmagazin" (mit den Moderatoren Jessy Wellmer und Thomas Skulski).

 

chilli: Glauben Sie, dass mancher Zuschauer von Ihnen auch Aussagen abseits des rein Sportlichen erwartet?
Hitzlsperger: Mir ist bewusst, dass es Leute gibt, vor allem solche, die mit Fußball wenig am Hut haben, die den Namen Thomas Hitzlsperger erst seit meinem öffentlichen Coming-Out vom Januar kennen. Ich denke jedoch nicht, dass daraus eine Erwartungshaltung in Hinblick auf meinen Fernseh-Job resultiert. Meine Aufgabe ist es, als TV-Experte über Fußball zu reden, und dabei spielt es keine Rolle, was ich vor einem halben Jahr im „Zeit“-Interview über mein Privatleben gesagt habe. Andererseits: Wenn dieses neue Interesse an meiner Person positive Auswirkungen auf die Einschaltquote haben sollte, wäre das total okay (lacht).

 

chilli: Tatsächlich scheint heute jeder Ihren Namen und Ihre Geschichte zu kennen. Die Medien-Reaktion auf Ihr Outing war enorm, die Beiträge waren voller Anerkennung. Geschah also das, womit Sie rechneten?
Hitzlsperger: Nein, denn ich hatte gar keine Erwartungen. Ich wollte auf etwas aufmerksam machen, was bisher im Profifußball tabuisiert wurde, und meine Erfahrungen weitergeben. Was daraus gemacht wurde, und was danach passierte, konnte ich ja nicht beeinflussen, geschweige denn ahnen. Es wurde wirklich viel geschrieben und diskutiert – der Umgang mit Homosexualität im Sport, insbesondere im Fußball, wurde breit thematisiert.

 

chilli: Sie sagten damals, dass Sie eine öffentliche Debatte anstoßen wollen. Sind Sie stolz darauf, dass Ihnen das gelungen ist?
Hitzlsperger: Ach, so wichtig nehme ich mich nicht. Sagen wir lieber, heute bin ich erleichtert, dass ich das geschafft habe. Was mich froh gemacht hat, sind die vielen persönlichen Reaktionen: Viele Menschen, darunter auch junge homosexuelle Fußballer, haben mir geschrieben und sich bedankt, dass ich ihnen aus der Seele gesprochen und mit meinem Vorstoß in einigen Fällen auch konkret geholfen habe. Auch einige meiner ehemaligen Profikollegen haben sich gemeldet und mich zu meinem Mut beglückwünscht.

 

chilli: Werden Sie weitermachen? Würden Sie gerne der Streiter für Toleranz, als der Sie momentan ja wahrgenommen werden, bleiben?
Hitzlsperger: Warten wir’s ab. Ich habe momentan sehr viele Anfragen diesbezüglich, und ich bin mir bewusst, dass das noch eine Zeit lang so weitergehen wird. Das ist ein gesellschaftlich relevantes Thema. Aber ich bin mir noch gar nicht sicher, ob und inwieweit ich die Rolle annehmen will, die viele mir gerne zuschreiben würden. Außer Frage steht nur: Wenn ich Menschen konkret helfen kann, dann tue ich das im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ansonsten habe ich mir vorgenommen, hauptsächlich über Fußball zu reden …

 

chilli: Haben Sie in diesen Tagen Kontakt zu den deutschen Nationalspielern oder zum Trainerstab?
Hitzlsperger: Nein, den habe ich bewusst nicht gesucht, denn ich weiß ja, was die Spieler vor so einem Turnier alles um die Ohren haben. Die brauchen nicht auch noch mich, der sie mit irgendwelchen Fragen belästigt.

 

chilli: Ist das Verhältnis zwischen Medien und Spielern grundsätzlich schwieriger geworden?
Hitzlsperger: Aus meiner Erfahrung heraus sage ich mal ja: Weil das Interesse an der Liga und ganz besonders an einem solchen Turnier immer größer geworden ist – jedes Jahr kommen neue Medien hinzu, neue Anfragen, neue TV-Formate. Und: Fast alle Spieler machen über die sozialen Medien ihre eigene Öffentlichkeitsarbeit – der Aufwand ist teilweise enorm, und es ist für die Spieler extrem schwierig geworden, das richtige Maß zu finden.

 

chilli: Es heißt, bei der WM 2006, gemeinhin als „Sommermärchen“ bekannt, sei den Spielern lange Zeit gar nicht bewusst gewesen, welche Stimmung im Land herrschte – eben weil sie weitgehend von der Berichterstattung abgeschottet waren.
Hitzlsperger: Das ist stimmt so nicht. Wir wurden damals ja nicht angehalten, keine Zeitung zu lesen und hatten auch kein Fernsehverbot. Jeder konnte das für sich individuell dosieren. Soweit ich mich erinnere, waren die meisten von uns schon mittendrin in diesem Sommermärchen, wir bekamen mit, was vor sich ging.

 

Text: Frank Rauscher / Fotos: © ZDF / Juergen Detmers
Quelle: teleschau – der mediendienst