Was für ein Jahr für Schauspieler Tom Schilling: Nachdem der 31-jährige Berliner Ende 2012 als Hauptdarsteller im wohl interessantesten jungen deutschen Film seit Jahren glänzen konnte – dem von der Kritik gefeierten „Oh Boy“ -, ist er nun in einer Traumrolle in der wohl besten Event-Produktion des deutschen Fernsehens überhaupt zu sehen. Der brillante ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (So., 17.03., Mo., 18.03., und Mi., 20.03., jeweils 20.15 Uhr) erzählt von einer Gruppe junger Freunde, die 1941 an die Ostfront beordert werden. Schilling verkörpert Friedhelm, einen jungen Intellektuellen und Pazifisten. In den Jahren bis zum Kriegsende vollzieht er innere Wandlungen, die man in dieser Intensität und Qualität noch nicht in der deutschen TV-Primetime gesehen hat. Im Interview spricht Tom Schilling über Glücksfälle seines Berufes und kleine Tricks, wie man schauspielerische Großtaten provozieren kann.

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chilli: Wann haben sie bemerkt, dass „Unsere Mütter, unsere Väter“ ein sehr ungewöhnlicher Event-Film wird?
Tom Schilling: Ich habe das bereits wahrgenommen, als ich das Drehbuch las. Einerseits handelt es sich um einen großen Dreiteiler zur Primetime. Das bringt in der Regel eine gewisse Aufgeblasenheit und Ästhetik mit sich. Andererseits war das Buch so radikal, dass man es kaum verkitschen konnte. Da steht eben nicht die klassische Liebesgeschichte im Zentrum, während das Geschichtliche nur das Drumherum ist. In unserem Buch stehen die Figuren ganz und gar im Mittelpunkt. Und sie verhalten sich moralisch so zweifelhaft, dass man das gar nicht hätte „geradebiegen“ können. Es war einfach nicht möglich, das Drehbuch in seiner Wucht abzuschwächen.

chilli: Der Film hat einen im deutschen Fernsehen bisher nicht gesehenen drastischen Schauwert in Sachen Inszenierung von Krieg. Hat man diese Qualität während des Drehs bereits gespürt?
Schilling: Ja, absolut. Da geht es oft um Kleinigkeiten. Ein Beispiel: Alle Komparsen wurden zwei Wochen militärisch trainiert. Die wussten einfach, wie sich ein Soldat bewegt. Wie die schießen oder antreten. Oder ein anderes Beispiel: Wir Schauspieler bekamen für lediglich eine Szene Tanzunterricht. Damit wir so tanzten, wie man das damals gemacht hat. Man spürte, dass bei diesem Film sehr gewissenhaft gearbeitet wurde. Der Regisseur Philipp Kadelbach hat sich für die Kriegsszenen an großen amerikanischen Produktionen wie „Band of Brothers“ oder „Saving Private Ryan“ orientiert. Und eben nicht an den Sachen, die man sonst in Deutschland so sieht. Sein Ziel war es, die Szenen richtig hart und authentisch zu inszenieren.

chilli: Wie sah das militärische Training für die Schauspieler aus?
Schilling: Wir fuhren drei oder vier Wochen vor Drehbeginn nach Litauen. Dort wurden wir alleine gelassen mit einem Amerikaner, einem Ex-GI, der sich jedoch sehr intensiv mit deutscher Militärgeschichte auseinandergesetzt hat. Er hat mit uns im Gelände trainiert. Mit und ohne Waffen.

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chilli: Wie fanden Sie das?
Schilling: Wenn man in Deutschland als Schauspieler arbeitet, schießt man hier und da mal eine Waffe ab. Das scharfe Schießen war nicht neu für mich. Doch die Intensität, mit der wir das in diesem Film gemacht haben, war eine andere. Da ging es früh um sieben los: Umziehen und raus in die Kälte zum Trainieren. Ich fand das toll, weil man das Gefühl hatte, dass es dabei ums Wesentliche ging. Abgesehen von den Dingen, die man militärisch taktisch lernte, bekam man auch andere Sachen mit: Wie benimmt man sich beim Warten, wenn die Füße kalt werden? Wie sitzt man am effektivsten vor einem Ofen, zieht seine Socken aus, trocknet sie und hält sich warm dabei? All die Sachen eben, die einem sonst als Schauspieler abgenommen werden. Normalerweise wird man während eines Drehs sehr bemuttert. Hier war es anders. Wir waren auf uns gestellt. Aus dieser Zeit der Vorbereitung habe ich für die Rolle ganz viel mitgenommen.

chilli: Vor allem der zweite Teil des Films spielt gefühlt 90 Minuten in der Kälte des russischen Winters. Wie wichtig ist es für einen Schauspieler, etwas von dieser Härte mitzubekommen, um die Rolle gut spielen zu können?
Schilling: Ich denke, dass es für jeden Schauspieler anders ist. Es gibt diese interessante Geschichte von Dustin Hoffman über die Dreharbeiten zu „Der Marathon Mann“. Dustin Hoffman erzählt, dass er vor den Takes immer genau tat, was seine Figur in der Szene machen musste. Er rannte also dreimal um den Block, um danach authentisch außer Atem zu sein. Sein Spielpartner Laurence Olivier fragte ihn dann ganz erstaunt: „Warum machst du das? Du bist doch Schauspieler, du musst das doch herstellen können.“ Ich bin da eher auf der Seite von Dustin Hoffman. Mir nimmt es viel Arbeit beim Spielen ab, wenn ich das, was meine Figur macht, selbst haben kann. Wenn ich in einer Rolle frieren soll, ziehe ich mich extra nicht allzu warm an. Einerseits ist der Dreh dann körperlich anstrengender. Andererseits beflügeln diese Dinge meine Arbeit an der Figur.

chilli: „Unsere Mütter, unsere Väter“ erzählt von der Verrohung des Menschen während des Krieges. Besonders Ihre Figur ist davon betroffen. Kann man sich auf so etwas vorbereiten?
Schilling: Ich empfand meine Figur als die interessanteste im Film. Natürlich war es eine schwere Rolle, weil man den Prozess der Veränderung glaubhaft machen musste. Andererseits musste ich aufpassen, dass bei aller Distanz, die Friedhelms Taten und seine Entwicklung beim Zuschauer hervorrufen, Identifikation und Empathie für die Figur nicht flöten gehen. Ich fand diese Aufgabe aber nicht allzu schwierig. Man kann Figuren meiner Meinung nach viel mehr zumuten, als sonst üblich. Vor allem im Fernsehen sind wir da oft nicht mutig genug. Man sollte nicht immer Angst haben, dass sich der Zuschauer von den Hauptfiguren entfernt, sobald sie Dinge tun, die man als moralisch grenzwertig empfindet. Das amerikanische Fernsehen ist da viel weiter. All die tollen Serien wie „Mad Men“ oder „Breaking Bad“ arbeiten damit, dass ihre Helden eine Art Mephisto oder ein klassischer Antagonist sind, die aber dennoch als Hauptfigur funktionieren. Ambivalenz und Komplexität sind doch etwas sehr Menschliches und damit Realistisches.

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chilli: Wie haben Sie sich Friedhelms radikale Wandlung erklärt?
Schilling: Friedhelms Geschichte steht für mich exemplarisch für die Banalität und Grausamkeit von Krieg. Anfangs ist er ein Intellektueller, ein Pazifist. Er hat ein Gewissen, er ist ein moralischer Mensch. Durch die Extremsituationen und Ängste, die Friedhelm Tag für Tag durchleben muss, gibt es für ihn nur noch den einen Weg: Er muss sich innerlich verpanzern. Er verroht, um zu überleben. Er stirbt einen inneren Tod, um körperlich am Leben bleiben zu können. Das ist eine tragische, aber typische Soldatengeschichte. Es gibt viele Berichte über Soldaten, die freiwillig früher aus dem Heimaturlaub an die Front zurückkehren. Weil sie sich in der normalen Gesellschaft isoliert fühlten und dort nicht mehr funktionierten. Stattdessen haben sie die Extreme, die Angst und den Todeskampf gesucht. Sie brauchten den Kick, um sich selber zu spüren.

chilli: Haben Sie sich auch historisch auf den deutschen Krieg im Osten zwischen 1941 und 1945 vorbereitet – jenen Zeitraum, in dem der Film spielt?
Schilling: Ich habe bereits ein paar Rollen hinter mir, die in dieser Zeit angesiedelt sind. Für diese Rolle waren mir vor allem Berichte von Menschen, die gekämpft haben, hilfreiche Vorbereitung. Ich las die Kriegstagebücher von Ernst Jünger – auch wenn es da um den Ersten Weltkrieg geht. Sie sind sehr hilfreich, um den Alltag des Krieges zu begreifen, denn im Krieg gibt es ganz viel Alltag. Walter Kempowskis „Das Echolot“ ist auch ein sehr gutes Buch zum Thema. Auch „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell.

chilli: Haben Sie einen Lieblings-Kriegsfilm? Und was macht einen guten Kriegs- oder Antikriegsfilm aus?
Schilling: „Die Brücke“ von Bernhard Wicki ist für mich immer noch einer der besten Kriegsfilme. Ein ganz anderer Kriegsfilm, den ich fantastisch finde, ist „Der schmale Grat“ von Terrence Malick. Aus einem gutem Kriegsfilm muss man verstört rausgehen. Man darf das Prinzip des Krieges nicht verstehen, man darf es nicht greifen können. Wenn ein Kriegsfilm versucht, Krieg zu verstehen, wird es – glaube ich – harmlos.

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chilli: Der Film heißt „Unsere Mütter, unsere Väter“ und spannt damit eine Meta-Ebene der Interpretation auf, die in der Handlung des Films nicht vorkommt. Was können wir über unsere Vorfahren aus dem Film lernen?
Schilling: Der Film versucht eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg, die es so im deutschen Fernsehen wohl noch nicht gegeben hat. Bei mir ist es so, dass ich nur noch einen Großvater habe, der diese Zeit miterlebt hat. Ich glaube, der Film ist eine Aufforderung, in einen Dialog miteinander zu gehen. Vielleicht funktioniert dieser Dialog sogar besser zwischen Großvätern und Enkeln, als zwischen zwei Generationen, die direkt hintereinander kommen. Man sieht an der Geschichte der 68-er, dass auf deren Seite viel Wut und der Elterngeneration viel Scham im Spiel war. Ein Dialog zwischen ihnen war gar nicht so richtig möglich. Ich denke, der Film versucht, diesen Dialog noch einmal anzustimmen. Allzu lange wird es diese Möglichkeit nicht mehr geben. Die Menschen, die das damals miterlebt haben, sind heute 90 Jahre alt.

chilli: Glauben Sie, dass die Erfahrungen der Kriegsteilnehmer noch in unsere heutige Gesellschaft nachwirken? Auch wenn die meisten mittlerweile nicht mehr leben …
Schilling: Schwierig zu beantworten. Da geht es um Fragen wie die, ob sich unausgesprochene Dinge über Generationen hinweg transportieren. Wenn die Kriegsgeneration keinen Dialog zuließ, färbte das natürlich auf meine Eltern ab. Insofern, dass die auch nicht immer alles wissen wollen. Dass sie nicht unbedingt dahin gehen mögen, wo es wehtut. Dieses Verdrängen und Verschweigen zieht sich dann erst mal weiter durch. Bei mir führte dieser Umstand allerdings dazu, dass ich mich fast schon provokativ mit solchen Dingen auseinandersetze.

chilli: Glauben Sie, dass der Film trotz seiner Härte ein Erfolg wird?
Schilling: Ich glaube, wenn die Quote nicht stimmt, sagt das nichts über die Qualität des Films aus. Ganz im Gegenteil. Ich wünsche mir dennoch, dass die Quote stimmt, denn ansonsten wird es in Zukunft schwer, Filme wie diesen zu produzieren. Dann wird man sagen: Ach „Das Adlon“ war billiger und erfolgreicher. Dann wird man eher in dieser altbekannten TV-Event-Ästhetik weitermachen. Deshalb wünsche ich mir sehr, dass der Film beim Zuschauer funktioniert.

Fotos: ZDF / David Slama
Quelle: teleschau – der mediendienst