„Die Zeit ist die Sünde“

„Ich habe versucht, absurde Geschichten in den Film zu bringen, um Kunst anfassbarer und erlebbarer zu machen“, sagt Udo Kier über „Arteholic“ (Start: 16.10.). Der Dokumentarfilm von Hermann Vaske begleitet den in Köln geborenen Schauspieler auf einer Reise quer durch Europa: Er trifft Künstlerfreunde und unterhält sich mit ihnen über ihre Werke. Im Mittelpunkt steht aber Kier selbst: Ein Mann, der süchtig nach Kunst ist. Und ein bisschen auch nach Aufmerksamkeit. Die sei ihm aber gegönnt: Udo Kier wird am 14. Oktober 70.

"Das Kunstinteresse wurde aus Freundschaft geboren", erinnert sich Udo Kier.

 

chilli: Beim Filmfest München bekamen Sie im Sommer den CineMerit-Award für Ihr Lebenswerk: Sind Sie schon fertig?
Udo Kier: Wäre ich jetzt 80, könnte kaum noch gehen und müsste zum Mikrofon getragen werden, dann wäre es in der Tat merkwürdig, den Preis zu bekommen. Aber ich bin fit, mache auch in diesem Jahr noch zwei Filme, arbeite mit Lars von Trier zusammen: Es ist ja nicht so, dass ich mich zur Ruhe gesetzt habe. Für mich ist dieser Preis wichtig, weil es der erste deutsche ist. Ich wurde in vielen anderen Ländern ausgezeichnet, aber noch nie in Deutschland.

 

chilli: Fühlen Sie sich in Deutschland nicht wertgeschätzt?
Kier: Ach was. Ich sehe das positiv. Es ist ein wunderschönes Gefühl, den Preis zu bekommen. Da denke ich doch nicht darüber nach, warum das erst jetzt passiert. Das ist uninteressant. Ich habe mich einfach nur gefreut, dass ich geehrt werde.

 

chilli: In „Arteholic“ sagen Sie, dass Sie gerne Maler geworden wären: Fühlen Sie sich als Schauspieler unerfüllt?
Kier: Überhaupt nicht. Sonst würde ich laut Internet nicht 220 Filme gedreht haben. Ich bin doch ein freier Mensch und kann machen, was ich will. Ich kann morgen sagen: Ich fange an zu malen. Und: Für den Film „Der Picassomörder“ habe ich zum Beispiel die Bilder für das Studio meiner Killerfigur selbst gemalt.

 

chilli: Dann können Sie ja eine zweite Karriere starten.
Kier: Ich durfte bei Momenten der Entstehung dabei sein. Momenten, in denen sich die Kreativität entlud. Ich hatte einen Freund, bei dem saß ich drei Tage lang im Studio und sah, wie er sich quälte: Er musste ein Bild machen und konnte nicht. Plötzlich wurden die Augen anders. Ich machte mich ganz klein in einer Ecke und sah, wie er zwei Bilder schuf, ehe er wieder aus der Trance fiel. Dadurch weiß ich, wie solche Werke entstehen. Ich kann das nicht. Deswegen konzentrierte ich mich auf den Film.

"Es ist ein wunderschönes Gefühl, den Preis zu bekommen", freute sich Udo Kier über den CineMerit-Award beim Filmfest München - seinem ersten deutschen Filmpreis.

 

chilli: Woher kommt eigentlich Ihre Kunstsucht?
Kier: Ich wurde ja im Krieg geboren. In meiner Kindheit hat niemand von Kunst gesprochen. Die Leute waren froh, wenn sie eine Bohnensuppe hatten und sonntags mal einen Braten. Als Picasso damals berühmt wurde, war für die Leute in meiner Nachbarschaft alles Picasso, was irgendwie schräg und abstrakt war. Sie hatten von Kunst keine Ahnung. Mich hat es damals zwar interessiert, wenn ich in einem Buch ein Bild von Hieronymus Bosch entdeckt habe. Aber ich ging nicht ins Museum. Wir hatten andere Probleme. Erst mit 23 oder 24 begann ich in Paris, mir meine ersten Bilder zu kaufen.

 

chilli: Im Film treffen Sie ganz viele Künstlerfreunde: Wo haben Sie sich denn kennengelernt?
Kier: Als ich wieder nach Köln zog, entstand der Kölner Kunstmarkt. Die Leute dort wussten, dass ich schon mit Warhol gearbeitet hatte. Ich ging mit ihnen essen und trinken. Dabei entstanden dann gemeinsame Projekte: Ich performte für sie und bekam im Gegenzug kein Geld, sondern eine Arbeit. So fing das alles an, das Kunstinteresse wurde aus Freundschaft geboren.

 

chilli: Einer Ihrer guten Freunde, die Sie in „Arteholic“ besuchen, ist Lars von Trier. Warum schweigen Sie sich so beredt an?
Kier: Auch Lars von Trier ist ein Künstler, deshalb bat ich ihn, im Film aufzutreten. Aber er spricht im Moment nicht. Für mich war das kein Problem. Ich sagte ihm: Du liest Deine Zeitung, ich lese meine Zeitung. Dann stehe ich auf und gehe.

 

chilli: Das ist ein sehr nachhaltiger Moment im Film.
Kier: Man muss auch mal nichts sagen können. Trotzdem kann man sich nahe sein. Ich lese ja nicht mit jedem Zeitung.

Udo Kier lässt sich in "Arteholic" Kunstwerke erklären.

 

chilli: Sind alle Szenen im Film so spontan entstanden?
Kier: Wir haben nichts geprobt, sondern sind zu den Drehorten gefahren, und dann habe ich angefangen zu erzählen. Wenn ich etwas gesehen habe, was ich gut fand, dann wurde das eingebaut. Die Kunst ist frei, und „Arteholic“ ist nicht unter Druck entstanden. Ein Film über Kunst wäre mir allerdings zu langweilig gewesen. Deswegen ist der Film ein Kunstfilm, eine Performance. Ich mache zum Beispiel ein Kunstwerk aus Sauerkraut und Braten und erzähle persönliche Anekdoten über die Künstler, die ich kenne und mit denen ich gearbeitet habe. Man weiß ja nichts Privates über Künstler, die in Museen hängen.

 

chilli: Was hat sich in den letzten Jahrzehnten am meisten verändert?
Kier: Früher sind wir einfach zur Ausstellungseröffnung von Joseph Beuys nach Paris gefahren. Nicht nur um zu feiern, sondern um dabei zu sein. Es ist immer eine Unterstützung für den Künstler, wenn seine Freunde da sind. Damals gab es noch kein Internet, keine Mobiltelefone. Heute würde man wahrscheinlich eine Schalte über Skype machen. Ich sage natürlich nicht, nur weil ich älter bin: „Das ist furchtbar“. Wir hatten’s einfach nicht. Es ist eine andere Zeit heute. Und die Zeit ist die Sünde.

 

chilli: Das müssen Sie mir erklären: Warum ist die Zeit die Sünde?
Kier: Wenn ich mich rasiere, leben die Haare noch. Wenn sie ins Waschbecken fallen, sind sie tot. Also ist die Zeit die Sünde.

 

chilli: Also soll sich nichts verändern, nichts entwickeln, nichts vergehen?
Kier: Das ist meine persönliche Ansicht. Die muss nicht jeder teilen. Ich bin ja kein Guru. Aber jede Minute, die wir hier sitzen, geht von meinem Leben weg. Die Zeit ist die Sünde. Und ich muss nicht erklären, warum.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos: © Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst