Ein Urgestein an neuen Ufern

Als Lena Odenthal beim „Tatort“ anfing, gab es noch die DDR. Bei ihrem Debüt im Herbst 1989 war sie nicht nur die jüngste, sondern auch einzige weibliche Kommissarin der ARD-Krimireihe. 60 Fälle und 25 Jahre später blickt Schauspielerin Ulrike Folkerts auf eine Rolle zurück, die ihr Leben geprägt hat. Das Dienstjubiläum, welches mit der starken Folge „Blackout“ (Sonntag, 26. Oktober, 20.15 Uhr, ARD) gefeiert wird, ist aber auch ein Wendepunkt. Stimmen die Andeutungen der 53-jährigen Wahlberlinerin, könnte sich der Ludwigshafener „Tatort“ bald neu erfinden. Mit der aktuellen Episode hat dieser Prozess bereits begonnen – Lena Odenthal bekommt eine neue, junge Partnerin.

Bunte Lichter, schnelles Leben: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) gerät nach 25 Dienstjahren in eine tiefe Lebenskrise, die dem Ludwigshafener "Tatort" gut tut.

 

chilli: Sie sind seit 25 Jahren „Tatort“- Kommissarin. Macht Sie diese Zahl stolz oder erschreckt sie Sie eher?
Ulrike Folkerts: Klar bin ich stolz, dass wir immer noch da sind. Und natürlich erschreckt mich die Zahl 25 auch ein bisschen. Ich habe fast mein halbes Leben mit dieser Rolle verbracht. Zum Mauerfall fing ich an, nun feiern wir gemeinsam Jubiläum (lacht).

 

chilli: Die Rolle ist auch ein Korsett. Gab es Zeiten, in denen Sie an Kündigung dachten?
Folkerts: Na klar, solche Gedanken und Schwankungen in puncto Wohlbefinden mit Lena Odenthal gab es bei mir immer wieder. So lange „Tatort“-Kommissarin zu sein, ist einerseits toll, andererseits ist es auch ein Stigma. Folkerts und „Tatort“ – das ist in der öffentlichen Wahrnehmung total verknüpft, auch durch die vielen Wiederholungen in den Programmen der ARD. Manchmal glaube ich auch, viele Produzenten und Caster haben diese Verknüpfung im Kopf. Also brauche ich Chancen, anderes von mir zu zeigen, und das klappt inzwischen sehr gut.

 

chilli: Was hat Sie an Lena Odenthal über die Jahre am meisten gestört?
Folkerts: Ich habe immer dann mit der Figur gefremdelt, wenn sie sich nicht mehr weiterentwickelte. Es gab Zeiten, da saßen Lena und Kopper bei Spaghetti und Rotwein in der WG-Küche, und ihre Sätze waren austauschbar. Das machte dann keinen Spaß mehr. Es ist wichtig für zwei so lange erzählte Figuren, dass nicht nur die Krimi-Plots gut geschrieben sind, sondern dass sich auch die Figuren weiterentwickeln. Wir als Menschen tun es ja auch. Figuren, die stehenbleiben, sind deshalb unrealistisch.

Lisa Bitter (Mitte), 1984 in Erlangen geborene Schauspielerin, ist die neue, dritte Ermittlerin im Ludwigshafener "Tatort". Ihre Kollegen Andreas Hoppe und Ulrike Folkerts umrahmen den Neuzugang.

 

chilli: Ist die Weiterentwicklung der Lena Odenthal in Ihren Augen geglückt?
Folkerts: Ja, das finde ich schon. Ein erster Schritt war, dass wir sie von drei auf zwei Filme im Jahr reduziert haben. Dafür legten wir mehr Sorgfalt in die Entwicklung der Drehbücher – das hat einigermaßen funktioniert. Gerade mit dieser Jubiläumsfolge ist uns jetzt eine echte Weiterentwicklung geglückt. Wir haben danach noch weitere Filme gedreht, die erst kommendes Jahr gesendet werden. Diese neuen Folgen finde ich ganz exzellent. Sie haben uns einen richtigen Kick gegeben. Wir haben jetzt wieder so richtig Lust auf diese Arbeit.

 

chilli: In der neuen Folge „Blackout“ bekommen Sie eine junge Kollegin an die Seite gestellt, mit der sich ein erstaunlich tief gehender Konflikt auftut: Es geht um weibliche Lebensmodelle, Altern und Einsamkeit …
Folkerts: Ja, als klar war, dass wir eine neue, junge Kollegin dazubekommen, dachte ich, dass wir diese Situation nutzen müssen, um einen Konflikt zu schaffen. Wenn sie einfach nur anfängt, ich sie unter meine Fittiche nehme, und alles ist prima, dann brauchen wir diese Figur nicht wirklich. „Blackout“ ist tatsächlich ein Frauen-„Tatort“, der verschiedene Lebensmodelle durchforstet und aufeinanderprallen lässt. Der Regisseur Patrick Winczewski sah das genauso und wollte diesen Aspekt im Film auch besonders herausarbeiten.

 

chilli: Was glauben Sie – warum gibt es Lena Odenthal schon so lange?
Folkerts: Daran sind vor allem die Zuschauer schuld (lacht). Wenn sie nicht so zahlreich eingeschaltet und damit eine Bestätigung unserer Arbeit geliefert hätten, wären wir wie andere Kommissare längst zum Gespräch gebeten und fortgeschickt worden. Natürlich muss ich auch selbst Lust haben. Anstatt Odenthal und Kopper abzuschießen, haben wir sie jetzt neu erfunden. Auch das ist eine Alternative zur Abschaffung eines Ermittler-Duos.

Als sie das erste Mal ermittelte, gab es die DDR noch. Ulrike Folkerts begann als 27-Jährige beim "Tatort". Heute ist die gebürtige Kasselanerin 53 Jahre alt.

 

chilli: Der „Tatort“ erlebt momentan einen ungeheuren Hype.
Folkerts: Bitte fragen Sie mich nicht danach! Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Public Viewing von „Tatort“-Folgen oder allein die Tatsache, dass die für die ARD verloren geglaubte Jugend dieses Format derzeit begeistert guckt – ich stehe da in Sachen Erklärung wie Sie im Nebel, aber freue mich darüber.

 

chilli: Dann ein anderes „Tatort“- Phänomen: Ständig werden neue Ermittler-Teams aus der Taufe gehoben. Bekannte Schauspieler bekommen die Rollen, andere müssen dafür weichen.
Folkerts: Das klingt mir ein bisschen zu negativ. Konkurrenz belebt das Geschäft. Dem Format tut diese größere Beweglichkeit meiner Meinung nach gut. Dass unter der Marke „Tatort“ mittlerweile so viel Verschiedenes möglich ist, dagegen kann man nichts haben. Wer Münster einschaltet, weiß, er bekommt eine Krimi-Komödie. Wenn Til Schweiger auf dem Programm steht, erlebt man einen „Tatort“ mit viel Action. Ich finde, beides hat seine Berechtigung.

 

chilli: „Tatort“ ist eine Marke, die aus sich selbst heraus funktioniert. Müsste man da nicht mutiger besetzen? Anstatt Stars als Kommissare zu verpflichten, die ohnehin genug Arbeit haben, könnte man auf neue, spannende Gesichter setzen.
Folkerts: Natürlich ist es auffällig, dass Schauspieler, die früher gesagt haben, ich mache kein Fernsehen, nun plötzlich kein Problem mehr damit haben, einen „Tatort“- Kommissar zu spielen. Andererseits sieht man sie ja auch so oft, weil die Leute sie gut finden. So ist es nun mal mit Stars, ein Stück weit sind sie auch das Ergebnis eines demokratischen Prozesses. Trotzdem haben wir hier in Deutschland wie überall auf der Welt das Problem, dass eine Handvoll Schauspieler den Löwenanteil aller Jobs bekommt. Namen verkaufen Ware, das wissen auch die Sender. Trotzdem plädiere ich dafür, so oft wie möglich gute neue Schauspieler einzusetzen. Unser Fernsehen wird dadurch einfach interessanter.

Zwei Lebensmodelle prallen in der "Tatort"-Folge "Blackout" aufeinander: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, rechts) streitet sich mit ihrer neuen Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter).

 

chilli: In welchen Momenten empfinden Sie das deutsche Fernsehen als zu konservativ?
Folkerts: Immer dann, wenn mal wieder der Migrationshintergrund einer Rolle lange, umständlich und klischeehaft hergeleitet werden muss. Da trinkt der junge Türke immer noch seinen Tee in reiner Männergesellschaft oder führt am besten gleich einen Gemüseladen. Das deutsche Fernsehen ignoriert gerne, dass es viele Deutsche gibt, deren Migrationsgeschichte in ihrem Alltag kaum eine Rolle spielt. Es wird Zeit, dass Schauspieler mit diesem Hintergrund unverkrampfter eingesetzt werden. Man muss nicht immer einen eigenen Handlungsstrang aufmachen, nur weil jemand nicht Müller oder Schmidt heißt. Auch das ist ein Stück Integration, so wie ich sie mir wünschen würde.

 

chilli: Gerade in den Dritten Programmen kann man viele alte „Tatorte“ wiederentdecken. Bleiben Sie manchmal bei so etwas hängen?
Folkerts: Nicht bewusst, aber es passiert schon mal. Gerade dann, wenn eigene alte Filme gezeigt werden. Dann denke ich: Ach du liebe Zeit, wie hast du denn da ausgesehen? Oder ich erinnere mich daran, dass wir damals noch 32 Drehtage für eine Folge hatten, mittlerweile sind es 24. Andere, das weiß ich, haben für einen Film nur noch 21 Tage Zeit. Früher konnte man mehr ausprobieren. Wir hatten den Luxus, Zeit zu haben. Damals gab es auch noch rauchende und trinkende Leute im „Tatort“. Das ganze Ambiente war deutlich prolliger. Heute sind wir alle brav und verantwortungsbewusst. Keiner raucht mehr, und jeder sitzt angeschnallt im Auto (lacht).

 

chilli: Klingt fast so, als würden Sie der alten „Tatort“-Ästhetik hinterhertrauern.
Folkerts: Ich fand manches früher realistischer. Da durfte man auch mal betrunken in der Ecke liegen. Wer heute betrunken in der Ecke liegt, ist auf jeden Fall ein böser Mensch. Ich fand auch den „Tatort“ früher zum Teil spannender. Es gab mehr Filme, in denen ein Zweikampf zwischen Kommissar und Täter inszeniert wurde, als Kommissarin befand ich mich öfter in gefährlichen Situationen. Natürlich könnte man sagen: Das entspricht nicht der Realität. Aber wir reden hier ja über Fiktion. Unter dem Strich finde ich schon, dass bei allem Hype der „Tatort“ heute ein bisschen braver ist als früher.

 

chilli: Sie haben also eine andere Meinung als Kritiker und Öffentlichkeit, die den „Tatort“ doch gerade ziemlich in Bewegung sehen?
Folkerts: Was ich eben gesagt habe, ist eher eine Langzeitbeobachtung über den Wandel der Sitten im deutschen Fernsehen oder Kriminalfilm. Da gab es über eine längere Periode tatsächlich sehr vorsichtige Programmmacher bei den Sendern. Sie hatten Angst davor, mit bestimmten Themen oder Macharten anzuecken oder die Jugend zu verschrecken. Diese Zeit scheint vorüber. Die Entwicklung der letzten zwei, drei Jahre ist in der Tat eine andere. Momentan wird ästhetisch viel probiert im „Tatort“. Man denke nur an die Fälle mit Ulrich Tukur. Diese Entwicklung finde ich auf jeden Fall gut.

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © SWR / Alexander Kluge
Quelle: teleschau – der mediendienst