Die Ruhe vor dem großen Nichts

Die Symbolik bedarf eigentlich keiner Erläuterung. „Gipfelstürmer“ heißt das neue Unheilig-Album, und die Künstlerporträts, die dazu geschossen wurden, zeigen den Charakterkopf hinter der Band, der sich weiterhin konsequent nur „Der Graf“ nennt, wie er ganz oben steht und versonnen in die Ferne blickt. Der Berg ist erklommen. Der manchmal belächelte, mitunter angefeindete Musiker und Sänger, der 2010 mit dem Über-Hit „Geboren um zu leben“ aus der Gothic-Nische so mir nichts dir nichts in den Mainstream knallte, ist nach über 15 Jahren mit Unheilig auf dem Zenit. Er gehört zu den populärsten Stars der deutschsprachigen Musikszene – am letzten Samstag den 13. Dezember, hat er sich in Markus Lanz’ letzter „Wetten, dass ..?“-Show mit dem neuen Hit „Zeit zu gehen“ die Ehre geben. Nun könnte man mit ihm wieder einmal darüber reden, wie unfassbar das alles ist und wie es nur so weit kommen konnte. Ein Wahnsinn. Doch tatsächlich stellt sich auf einmal ein ganz anderes Thema: Der Graf hört auf. Unheilig gönnen sich noch eine ausgiebige Abschiedsrunde, dann soll Schluss sein. Wirklich? Wirklich! – Sagt der Graf und verrät im Interview, warum …

"Von dem kleinen stotternden Jungen, der denkt, er macht etwas falsch, habe ich mich längst verabschiedet": Der Graf sagt, er sei therapiert.

 

chilli: Die Ankündigung, dass Sie mit Unheilig aufhören, ging schon vor einigen Wochen raus. Nun erscheint das Album „Gipfelstürmer“, der Zeitplan bis zum Abschiedskonzert in Köln im September 2016 steht bereits fest. Ihnen ist klar, dass das jetzt kein normales Interview werden kann …
Der Graf: Ja, dessen bin ich mir bewusst. Aber was ist schon ein normales Interview?

 

chilli: Das wissen Sie nach all den Jahren noch nicht?
Der Graf: (lacht) Für mich hat jedes geführte Interview etwas Besonderes, etwas sehr Psychologisches. Manchmal ist so ein Gespräch wie eine Therapiesitzung – und ich habe wirklich Tausende Interviews gegeben. Warum? Weil mir das sehr wichtig ist. In diesem Fall ist es aber wirklich noch mal ganz anders: Wir werden zum letzten Mal über ein Album reden, das ich veröffentliche. Danach werden wir uns nie mehr über ein Unheilig-Album unterhalten.

 

chilli: So ultimativ?
Der Graf: Ja. Und Fakt ist, dass ich nicht nur mit Unheilig aufhöre, sondern auch, dass es danach kein anderes Projekt geben wird. Nach dem Abschied werde ich auch nicht mehr ins Fernsehen gehen und mich irgendwo öffentlich als „Der Graf“ hinstellen. Es kann sein, dass ich irgendwann noch im Hintergrund als Komponist oder Produzent etwas machen werde – ansonsten wird das Kapitel nun definitiv geschlossen. Und nicht mehr aufgemacht.

 

chilli: Eigentlich haben wir jetzt nur noch eine Frage: Warum?
Der Graf: (lacht) Da kann ich nur allen dasselbe sagen: Ich habe das Gefühl, momentan künstlerisch auf dem Gipfel meines Schaffens mit Unheilig zu sein. Dazu kommt der Wunsch, mehr für meine Familie da zu sein. Also ist es an der Zeit zu gehen.

 

chilli: Das Album „Gipfelstürmer“ klingt aber gar nicht nach einem wehmütigen Abschiedsalbum!
Der Graf: Soll es auch nicht. Wir wollen ja nicht auf die Tränendrüsen drücken, sondern mit der Platte ausgiebig auf Tour gehen und zusammen mit den Fans Abschied feiern – bis zur letzten großen Party am 10. September 2016 in Köln. Gerade die neuen Songs werden für besonders emotionale Momente sorgen.

"Das Kapitel wird definitiv geschlossen und nicht mehr aufgemacht": Der Graf hört auf. Unheilig werden bald Geschichte sein.

 

chilli: Aber, mit Verlaub, welcher Künstler tritt denn auf dem Zenit seines Schaffens ab? Wäre es nicht logischer, den Erfolg möglichst lange auszukosten?
Der Graf: Vielleicht für andere. Aber ich habe meine eigene Logik: Ich will selbst die Fäden in der Hand halten – und ich bin total dankbar, dass ich nun den Zeitpunkt des Unheilig-Endes selbst bestimmen kann. Das ist ein großartiges Gefühl. Tausendmal besser als irgendwann zu registrieren: Mist, ich habe den richtigen Augenblick verpasst. Ich bin überzeugt, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun, und das Beste daran ist, dass ich dieses Glücksgefühl jetzt noch zwei Jahre ausleben kann.

 

chilli: Aber Sie haben Verständnis dafür, dass der Abtritt Fragen aufwirft und unter Fans heftig diskutiert wird?
Der Graf: Ja, klar. Aber um verstanden zu werden, müsste ich sehr weit ausholen.

 

chilli: Bitte tun Sie das!
Der Graf: Es ist bekannt, dass ich als Junge stotterte. Das Sprachproblem oder vielmehr die Reaktion der Leute darauf sorgte dafür, dass ich als Kind permanent das Gefühl hatte, ich mache etwas falsch. Meine Eltern waren mit mir beim Arzt und bei Psychologen … Es half nicht viel. Ich wuchs mit dem Glauben auf, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dann fing ich an zu zeichnen, Sport zu treiben, und vor allem die Musik gab mir zum ersten Mal Mut und Kraft. Aber wenn ich ehrlich bin: Ein gesundes Selbstbewusstsein konnte ich nicht entwickeln. Selbst meine Erfolge, die schönen Momente auf der Bühne halfen erst mal nicht – ich schaffte es nicht, das Selbstwertgefühl mit nach Hause zu nehmen. Also versuchte ich, immer mehr von diesen Momenten zu bekommen – ich wollte rauf auf die Bühne, dorthin, wo mir die Menschen Applaus geben. Immer mehr und immer höher. Das Lied „Mein Berg“ auf dem neuen Album beschreibt das Gefühl.

 

chilli: Und wann wurde es dann doch besser?
Der Graf: Das kam dann 2010 – als ich nicht nur den großen Durchbruch mit Unheilig hatte, sondern eben auch anfing, meine Musik als Therapie anzusehen. Ich verarbeitete sehr viele persönliche Dinge in meinen Texten – und ich erreichte so viele Menschen damit, ich stand in den Charts vorne, bekam sogar Preise dafür. Da begriff ich irgendwann, dass ich kein Sprachproblem habe, sondern einen Sprachfehler, den mir Gott mitgegeben hat, damit ich eines Tages Musiker werde. Von dem kleinen stotternden Jungen, der denkt, er macht etwas falsch, habe ich mich längst verabschiedet, heute bin ich therapiert – also kann ich auch das Bandprojekt jetzt mit gutem Gewissen verabschieden.

 

chilli: Ist es nicht belastend, diese sehr persönlichen Beweggründe nun in Interviews breitzutreten?
Der Graf: Ja, davor hatten mich viele gewarnt – zumal das in den nächsten zwei Jahren so weitergehen wird. Aber ich ticke auch hier anders: Mir macht das Spaß, es ist mir ein Bedürfnis, mich zu erklären. Ich finde das super.

 

chilli: Wie lange wissen Sie schon, dass Sie Unheilig beenden wollen?
Der Graf: Die ersten Gedanken ans Aufhören hatte ich schon 2011. Aber erst während des Schreibens an den neuen Liedern wurde es konkret. Es war dann natürlich ein ganz besonderes Gefühl, diese Texte zu schreiben … Stellen Sie sich vor, Sie schreiben Ihren letzten Artikel!

"Natürlich ist da jetzt auch Wehmut dabei, aber es überwiegt das Positive": Der Graf bezeichnet seinen Ist-Zustand als "aufgeräumt".

 

chilli: Das ist völlig unvorstellbar!
Der Graf: (lacht) Aber ich sage Ihnen, Sie kennen dieses Gefühl nur noch nicht: sich ganz sicher zu sein, dass ein Kapitel abgeschlossen ist. Natürlich ist da jetzt auch Wehmut dabei, aber es überwiegt das Positive. Ich fühle mich aufgeräumt und freue mich auf ein anderes Leben – ohne Öffentlichkeit und mit meiner Familie. Ich habe Heimweh, eine tiefe Sehnsucht nach Zeit mit den Menschen, die mir wichtig sind.

 

chilli: Über die Sie nie öffentlich gesprochen haben!
Der Graf: Und so bleibt es auch. Aber natürlich ist diese bewusste Trennung, die Wahrung des Mysteriums, das, wenn man so will, sich bei mir ja schon durch den Künstlernamen ausdrückt, mit dem Erfolg nicht leichter geworden. Auch das ist ein Faktor.

 

chilli: Aber Sie sagten auch schon, dass die Musik Ihre große Liebe ist. Also werden wir jetzt mal pathetisch: Wie kann man seine große Liebe einfach so verlassen?
Der Graf: Ich werde ja weiter Musik machen, wenn auch vielleicht nur daheim für mich alleine. Ich werde nicht mehr in die Öffentlichkeit gehen.

 

chilli: Das haben schon so viele Künstler beteuert – bevor man sie fünf Jahre später wieder auf der Bühne gesehen hat …
Der Graf: Ich weiß. Aber das wird bei mir nicht passieren. Was würde sich denn auch geändert haben, wenn ich in fünf Jahren wiederkomme? Nein, das ist keine Pause, sondern das Finale. Das Ende hat ja wirklich einen künstlerischen Hintergrund – es spiegelt, wie alles bei Unheilig, mein Innerstes wider. Bitte: Das muss man akzeptieren, auch wenn es vielleicht wehtut.

 

chilli: Was haben Sie mit Unheilig erreicht?
Der Graf: Für mich persönlich sage ich: Aus dem kleinen stotternden Jungen wurde ein Musiker, der sich gegen alle durchgesetzt und alles erreicht hat und die Selbsterkenntnis gewann, dass er auch ohne Applaus ein wertvoller Mensch ist.

 

chilli: Und sonst? Gibt es ein Vermächtnis?
Der Graf: Mich würde es freuen, wenn sich die Menschen an das Positive erinnern: dass wir einige Dinge anders gemacht haben als andere, dass wir uns nicht beirren ließen und immer weitermachten, obwohl viele uns erst mal belächelten oder sogar gegen uns waren. Dass ich ein paar Leuten Mut machen konnte mit meiner Lebensgeschichte, die gezeigt hat, dass man Grenzen überwinden kann, auch solche körperlichen, die einem als Behinderung ausgelegt werden. Aber im Grunde sollen solche Dinge andere formulieren. Ich sagte früher immer in Interviews, ich will sehen, wie weit ich mit meiner Musik kommen kann. Und jetzt weiß ich es: Genau hier ist der Punkt, an dem ich als Musiker sage, ich kann nichts mehr draufsetzen. David Bowie sagte mal: Wenn du das Gefühl hast, dein bestes Lied geschrieben zu haben, musst du aufhören. Er hat Recht.

 

chilli: Also, was war Ihr bestes Lied?
Der Graf: Oh, ich bin Albumkünstler. Deshalb lege ich mich nicht auf einen Song fest, sondern sage: Dieses neue Album, „Gipfelstürmer“, ist mein bestes! Und das sage ich nicht einfach so, sondern ich bin mir da ganz sicher.

 

chilli: Denken Sie nicht, dass Sie spätestens nach dem letzten Konzert 2016 etwas vermissen werden?
Der Graf: Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, was dann mit mir passiert. Ich weiß auch nicht, wo es mich dann als Künstler oder beruflich hinbringen wird. Ja, zum ersten Mal in meinem Leben sage ich: Ich habe keinen Plan – da ist ein großes Nichts. Und das ist toll. Alles ist möglich!

 

 

Unheilig auf Deutschland-Tournee:

09.04.2015, Magdeburg, Haus Auensee
10.04.2015, Leipzig, Haus Auensee
17.04.2015, Bochum, RuhrCongress
18.04.2015, Göttingen, Lokhalle
23.04.2015, Saarbrücken, Saarlandhalle
24.04.2015, Freiburg, Rothaus Arena
30.04.2015, Schwerin, Sport- und Kongresshalle
01.05.2015, Hannover, Life Swiss Hall
02.05.2015, Siegen, Siegerlandhalle
08.05.2015, Erfurt, Messehalle Erfurt
09.05.2015, Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
10.05.2015, Bielefeld, Seidensticker Halle
16.05.2015, München, Zenith
21.05.2015, Neu-Ulm, ratiopharm arena
22.05.2015, Bamberg, Brose Arena
23.05.2015, Wetzlar, Rittal Arena
28.05.2015, Berlin, Max-Schmeling-Halle
29.05.2015, Kiel, Sparkassen Arena
30.05.2015, Bremen, ÖVB Arena
20.06.2015, Essen, Stadion – Open Air
17.07.2015, Füssen, Königswinkel – Open Air
18.07.2015, Mühldorf am Inn, Rennbahn
29.08.2015, Leipzig, Völkerschlachtdenkmal – Open Air
10.09.2016, Köln, RheinEnergieStadion

 

Text: Frank Rauscher / Fotos: © Erik Weiss / Universal
Quelle: teleschau – der mediendienst