Der Schöne und der Schillernde

Fast jeder hätte damit gerechnet, dass „Ein Fall für zwei“ nach dem Ausstieg von Claus Theo „Matula“ Gärtner ein Fall für den Fernsehfriedhof wird. Hätte ja auch gelangt, nach über 30 Jahren! Die Anfang der 80-er recht moderne Serie rund um einen engagierten Anwalt und seinen ihm nicht immer mit ganz legalen Methoden zuarbeitenden Privatdetektiv-Freund, sie war doch arg in die Jahre gekommen. Zur Überraschung aller entschied das ZDF jedoch, seine „Marke“ zu erhalten. Nach aufwendigem Casting-Prozess fand man Wanja Mues (40, „Stolberg“) als körpergestählten Detektiv und Antoine Monot Jr. (38, „Absolute Giganten“) für die Rolle des – hier mal wieder schwergewichtigen – Anwalts. Zwei Schauspieler, die gerade ob ihrer Gegensätzlichkeit als „Buddies“ überzeugen – wie schon die erste von vier neuen Folgen beweist. „Ein Fall für zwei“ ist ab 9. Mai, freitags, 20.15 Uhr, im ZDF zu sehen.

Antoine Monot Jr. (links) und Wanja Mues überzeugen im in vielerlei Hinsicht neu aufgestellten ZDF-Krimifossil "Ein Fall für zwei".

 

chilli: Herr Mues, wie fanden Sie Claus Theo Gärtner als Matula?
Wanja Mues: Claus Theo ist ein ganz starker Typ, den ich sogar mal beim Dreh als Matula kennenlernte. Vor etwa fünf Jahren war das. Da spielte ich in einer Folge „Ein Fall für zwei“ einen Bösewicht…

 

chilli: Können Sie sich an den Moment erinnern, als man Ihnen sozusagen seine alte Rolle anbot?
Mues: Ja, als der Anruf kam, war ich gerade in Italien auf der Autobahn. Ich fuhr danach erst mal einige Hundert Kilometer verwirrt weiter – bis zu meinem Ziel. Einerseits habe ich natürlich innerlich gejubelt. Gleichzeitig bekam ich Bauchschmerzen. Wenn sie beim ZDF den Plan gehabt hätten, „Ein Fall für zwei“ genauso weiterzuführen wie bisher, mit Wanja Mues als neuem Matula, hätte ich damit Schwierigkeiten gehabt. Matula kann tatsächlich nur Claus Theo Gärtner sein. Mit dem jetzigen Konzept bin ich dagegen sehr zufrieden. Das Einzige, was blieb, ist die Konstellation Anwalt und Detektiv. Dazu Frankfurt und der Titel „Ein Fall für zwei“. Alles andere ist modernisiert und an die heutigen Sehgewohnheiten angepasst.

 

chilli: Und Sie, Herr Monot Jr. – dachten Sie sofort an Günter Strack? Er war ja der einzige Anwalt, der sich ins Langzeitgedächtnis der Fernsehnation eingeprägt hat?
Antoine Monot Jr.: Günter Strack war ein sensationeller Schauspieler. Mein erster Gedanke, als man mir die Rolle anbot, war gleich: „Tolle Serie!“ Was natürlich daran liegt, dass ich mit deutschem Fernsehen aufgewachsen bin. Meine Helden waren tatsächlich das Duo von „Ein Fall für zwei“, es waren „Der Fahnder“ und „Schimanski“. Wenn man plötzlich Hauptprotagonist einer Serie wird, die man schon als Kind liebte, das hat fast etwas Unwirkliches.

 

chilli: Kann man Figuren wie Matula, einen altmodischen TV-Actionhelden und Macho, überhaupt in die heutige Zeit übersetzen?
Mues: Ich finde, man sollte genau das tun. Ich wollte mit meiner Figur Leo Oswald wieder einen Mann – im besten Sinne – ins Fernsehen bringen. So einen, wie es ihn hierzulande nur mit Schimanski gab. Eine richtige Type eben. Früher war Steve McQueen so einer, oder Marlon Brando. Jemand, der allein schon, wenn er einen Raum betritt, eine enorme männliche Präsenz mitbrachte und neugierig machte.

Neue Frankfurter Ansichten: Wanja Mues (links) und Antoine Monot Jr. in "Ein Fall für zwei".

 

chilli: Sie haben das mit der Physis ziemlich ernst genommen und ziemlich viel trainiert für diese Rolle!
Mues: Ja, und es war auch leider nötig. Die körperliche Seite war, als ich den Zuschlag bekam, eine große Herausforderung: die Speckrollen so gut es geht wegzubekommen und gleichzeitig so viele Muskeln draufzupacken wie in der kurzen Zeit möglich war – ohne mir dafür irgendwelche Substanzen reinzuschütten. Mir wurde in Berlin „Leo“ empfohlen. Ein brillanter Trainer, der mir einen Ernährungsplan zusammengestellt hat und mir eine Trainingsform namens „CrossFit“ nahegebracht hat. Diese Art des Trainings ist allerdings hardcore und führt jeden an seine Grenzen. Die Idee ist, dass man sich mit einem täglich wechselnden Trainingsprogramm immer so extrem verausgabt, dass man quasi einen metallischen Geschmack auf der Zunge spürt. Ich habe damit gute Resultate in kurzer Zeit gehabt, musste aber tatsächlich jeden Tag an meine absolute Grenze gehen. Nur so hat das funktioniert – dabei bin ich eigentlich gar nicht der Typ dafür.

 

chilli: Wieso?
Mues: Ich gucke mir gerne Fußball auf der Couch an oder gehe gemütlich ins Fitnessstudio. Und danach noch gemütlicher in die Sauna …

 

teleschau: Kannten Sie beide sich eigentlich vorher?
Monot Jr.: Ja, ein bisschen. Wir haben zweimal miteinander gedreht. In „Stolberg“ hat mich Wanja mal verhaftet. Da war ich in einer Folge ein Verdächtiger. So ein geiler Bock, der ein Mädchen fotografiert hatte. Und dann gab es einen älteren ProSieben-Film „Mädchen Nr. 1“ – da haben wir uns kennengelernt.
Mues: Ich weiß noch, dass ich mit dir noch ewig auf dem Flughafen in München auf einen Flug wartete und dass wir uns dort lange unterhielten. Ich war total beeindruckt davon, was du alles neben der Schauspielerei noch machst: Schauspielagentur, Gewerkschaft, Filmakademie …

 

chilli: Wer hat sie überhaupt in Sachen „Ein Fall für zwei“ zusammengebracht?
Monot Jr.: Das ZDF hat sich ziemlich viele Gedanken über die Konstellation der beiden Hauptrollen gemacht. Meiner Meinung ist das auch richtig so, denn eine Serie funktioniert nur über die Magie und das Charisma der Figuren. Was nutzt der beste Krimi, wenn man als Zuschauer die Figuren nicht mag?
Mues: Stimmt. Es gab, glaube ich, fünf potenzielle Anwälte und fünf potenzielle Detektive, die in der Endauswahl waren. Es wurden beim Casting verschiedene Konstellationen ausprobiert. Schließlich entschied man sich für klar verteilte Rollen, ein klassisches ‘Odd Couple’. Antoine verfügt über ein außergewöhnliches komödiantisches Talent, das dieser Serie und der deutschen Serienkultur insgesamt unheimlich gut tut. Das muss ich an dieser Stelle einfach mal sagen, weil er sich ja nicht selber loben darf (lacht).

Vielversprechendes Duo: Wanja Mues (links) als "echter Mann" und der begnadete Komödiant Antoine Monot Jr. ermitteln ab sofort in "Ein Fall für zwei".

 

chilli: Sie sind mit dem TV der 80er-Jahre groß geworden. Die meisten Serien von damals werden heute eher belächelt. Kann man ihnen heute mehr als nur Nostalgisches abgewinnen?
Monot Jr.: Man kann das, was einen in Kindheit und Jugend prägte, gar nicht trennen von einer nostalgischen Verklärung. Warum auch? Ich war Waldorf-Internatsschüler. Da durfte man erst ab 14 ein Radio besitzen und mit 16 eine halbe Stunde pro Woche Fernsehen gucken – aber nur Nachrichten. Ich habe mir dann einen kleinen tragbaren Schwarzweiß-Fernseher gekauft für mein Zimmer. Mit dem habe ich heimlich mit Kopfhörern geguckt. Wenn ich mit der blöden kleinen Antenne ein griesliges Bild hatte und Geräusche hörte, die nach Fernsehton klangen, stellten sich schon Glücksgefühle ein. Es ging nicht darum, was lief. Es ging darum, überhaupt in diese faszinierende Fernsehwelt einzutreten.

 

chilli: Sie kommen beide aus Künstler- und Schauspielerfamilien. Hat man da automatisch auch eine größere Nähe zur Fernsehkultur?
Mues: Nein, bei mir war es nicht so. Ich stand zwar mit sechs Jahren auf der Bühne, und mit elf hatte ich meinen ersten Drehtag, fernsehen durfte ich trotzdem erst relativ spät. Vielleicht, weil meine Mutter Lehrerin war. Mit sechs durfte ich „Sesamstraße“ sehen, später dann die „Muppet Show“. Serien sah ich erst Mitte der 80-er. Da haben sich andere Jungs meines Alters wahrscheinlich schon Pornos angeschaut.
Monot Jr.: Bei mir kam der Fernseh-Wahnsinn wohl durch den Entzug im Waldorf-Internat. Dabei wusste ich mit elf schon sicher, dass ich Schauspieler werden will. Mein Vater war Dirigent, meine Mutter Schauspielerin. Ich musste mit dem Berufswunsch nicht rebellieren. Ich hätte rebelliert, wenn ich gesagt hätte: „Ich studiere Jura!“ Da habe ich doch lieber anders rebelliert (lacht) …

 

chilli: Mussten Sie je rebellieren, Herr Mues?
Mues: Wenn der eigene Vater ein bekannter Schauspieler ist, ist es nicht ganz einfach, den gleichen Job wie er anzustreben. Obwohl ich als Kind und Jugendlicher regelmäßig spielte, dauerte es lange, bis ich von meinem Vater als Schauspieler bezeichnet wurde. Da war ich schon Anfang 20 und hatte in einem Fernsehfilm gespielt, der hieß „Zweieinhalb Minuten“. Als mein Vater mich da sah, sagte er: „Das war jetzt gut, aber mach eine Schule, denn das Werkzeug, das du da an die Hand bekommst, wirst du als Schauspieler brauchen.“ Ich ging für fünfeinhalb Jahre nach Amerika und studierte Schauspiel. Davor wollte ich natürlich auch mal was Vernünftiges werden, Arzt zum Beispiel. Sogar Privatdetektiv war mal ein Berufswunsch – wahrscheinlich wegen des Verkleidens.

 

chilli: Welche Serien schauen Sie sich heute an?
Monot Jr.: Natürlich schaue ich mir die Highlights an. So etwas wie „House of Cards“ – Serien, über die alle reden. Ansonsten bin ich ein komplettes Kind amerikanischer Sitcoms. Wenn ich mal zu Hause in München bin, läuft bei mir sechs Stunden der Fernseher. Da gucke ich dann alte „Friends“ oder „Two and a Half Men“-Folgen, natürlich auch viele neue Sachen wie „Girls“, das fantastisch ist. Die Radikalität, mit der die Amis Figuren erzählen, ist toll. Die können das größtmögliche Arschloch zur Hauptfigur einer Serie machen und trotzdem hat man sie lieb. Es ist ein Traum von mir, in Deutschland in einer Sitcom mitzuspielen.
Mues: Ich bin erst in den letzten Jahren zum totalen Serienjunkie geworden. Durch meine Arbeit für „Stolberg“ und einen Regisseur, den wir dort hatten, Michael Schneider. Er zog beim Inszenieren immer Vergleiche zu anderen Serien, nach dem Motto: „Das muss jetzt so sein wie bei …“ Ich habe mir dann erst mal die ganzen Qualitätsklassiker auf DVD besorgt: „Sopranos“, „The Wire“, „Modern Family“, „Damages“ und so weiter. Aber es gibt auch aus Deutschland Sachen, die ich sehr mag: „Dr. Psycho“, „Tatortreiniger“ oder „Stromberg“. Serien zu kennen, ist in der Tat heute viel wichtiger als früher. Weil ich viel aufholen muss, gucke ich in vieles erst mal rein. Und der Grund, warum ich irgendwo dranbleibe, ist immer der gleiche: weil ich die Figuren sympathisch finde. Diesen Ansatz viel wichtiger zu nehmen – das haben wir mit dem neuen „Fall für zwei“ nun auch versucht.

 

Text: Eric Leimann / Fotos: © ZDF / Andrea Enderlein
Quelle: teleschau – der mediendienst