Die Magie des Bildes

Wo Wim Wenders genauer hinschaut, sind Entdeckungen zu machen. Nach den Erfolgen mit den oscarnominierten Kinodokumentationen „Buena Vista Social Club“ (1999) und „Pina“ (2011) bringt der 69-Jährige am 30. Oktober mit „Das Salz der Erde“ einen Film über einen brasilianischen Fotografen in die Kinos. Der mehrfach ausgezeichnete Sebastião Salgado ist sicher kein Unbekannter – aber eben einer, den man gerne besser kennenlernen möchte. Salgados Bilder erzählen mehr über die Menschheit und ihre Abgründe, als man eigentlich erfahren wollte und sind zugleich geprägt von tiefem Mitgefühl. Welche Wirkung sich mit Bildern erzielen lässt und wie man damit umgehen sollte, darüber spricht sein Bewunderer und Dokumentar Wim Wenders im Interview.

 Wim Wenders will seine Begeisterung für manche Themen teilen - und dreht deshalb immer wieder auch Dokumentarfilme. © NFP / Donata Wenders

 

chilli: In Cannes wurde „Das Salz der Erde“ von der „Un certain regard“-Jury mit dem Spezialpreis ausgezeichnet. Rechneten Sie damit, dass Sie mit den Bildern und Geschichten des Films einen Nerv treffen würden?
Wim Wenders: „Rechnen“ darf man mit solch’ einer Reaktion natürlich nie. Aber uns ist es beim Schneiden ähnlich ergangen: Wir waren auch nach dem hundertsten Anschauen der Bilder noch getroffen. Da habe ich mir durchaus gedacht, dass dieser Film auch andere bewegen könnte.

 

chilli: Sie schaffen es mit Ihren Dokumentationen, unbedarfte Zuschauer für Themen wie „Son Cubano“ oder modernen Tanz zu begeistern. Wie treffen Sie Ihre Auswahl?
Wenders: Ein guter Grund fürs Filmmachen ist für mich, meine Begeisterung für etwas mit anderen teilen zu wollen, ob das nun kubanische Musik ist oder das Tanztheater der Pina Bausch. Salgados Werk hat mich schon lange beeindruckt. Vor 25 Jahren habe ich zwei Fotoarbeiten von ihm erworben, die mich wirklich tief berührten. Und auch wenn er inzwischen ein weltberühmter Fotograf ist und seine Arbeiten in Büchern und Ausstellungen um die Welt gegangen sind, hoffe ich doch, mit dem Film Leute zu erreichen, die sich jetzt neu darauf einlassen können.

 

chilli: Weil die Menschen von Ihrem Namen angezogen werden und einen Wim-Wenders-Film sehen wollen?
Wenders: Ich hoffe im Gegenteil, dass es eben kein „Wendersfilm“ ist, sondern ein Film, der die Arbeit von Salgado so eindrucksvoll wie möglich zeigt. Dokumentarfilme gleichen oft einer Gratwanderung. Auf der einen Seite wollen die Erzähler – in diesem Fall Sebastiãos Sohn Juliano und ich – einen Film machen, der eine Form und eine eigene Sprache hat. Gleichzeitig soll das Sujet des Films für sich selbst sprechen und die Filmemacher möglichst verschwinden. In diesem Fall haben wir für unser Verschwinden eineinhalb Jahre gebraucht.

 Auch Wim Wenders fotografiert gern. Allerdings lieber Orte als Personen: "Ich habe beim Filmemachen immer so viel Menschen vor der Kamera, dass ich beim Fotografieren ganz froh bin, den ganzen Raum den Orten geben zu können, die sonst immer in den Hintergrund gedrängt werden." © NFP / Sebastião Salgado / Amazonas Images

 

chilli: Was bedeutete es, einen Film zu machen, in dem die statische Fotografie im Vordergrund steht?
Wenders: Wir mussten Salgados Fotografien einen eigenen Raum schaffen. Dieser wurde aber nicht so sehr von uns bestimmt, sondern von den Geschichten, die er zu den Bildern erzählen konnte. Der neue Raum besteht aus der Leinwand, Salgados Stimme, der Musik und ein bisschen auch aus den sparsam eingesetzten Erzählstimmen von Juliano und mir.

 

chilli: Für Sie selbst nimmt Fotografien einen genauso wichtigen Teil Ihres künstlerischen Schaffens ein wie das Filmemachen. Gibt es eine Parallele zwischen Ihnen und Sebastião Salgado?
Wenders: Ich bin zwar auch Fotograf, habe „Das Salz der Erde“ aber als Filmemacher realisiert, der über einen Fotografen mehr erfahren wollte. So begegnen sich hier also der Filmemacher und der Fotograf, nicht zwei Fotografen. Als Fotografen kommen wir beide von Positionen, die unterschiedlicher nicht ein könnten. Salgado war Ökonom und hat sich der sozialen Fotografie von der politischen und sozialen Seite her genähert. Ich wollte Maler werden und habe nur Orte fotografiert.

 

chilli: Warum meiden Sie bei dieser Kunst die Menschen?
Wenders: Menschen zu fotografieren bedeutet in einen Dialog zu treten und mit ihrem Einverständnis einen gemeinsamen Willen oder Absicht in einem Bild zu bezeugen. Man muss ihnen das Gefühl geben, gesehen zu werden. Menschen zu fotografieren ist wirklich eine ganz eigene Begabung! Das Tolle an den Bildern von Salgado ist, dass sie nie gestohlen sind. Man hat immer das Gefühl, die Menschen zeigen sich ihm gerne und das gibt ihm eine Berechtigung, das zu tun. Ich dagegen habe beim Filmemachen immer so viel Menschen vor der Kamera, dass ich beim Fotografieren ganz froh bin, den ganzen Raum den Orten geben zu können, die sonst immer in den Hintergrund gedrängt werden.

 

chilli: Sie gehören zu den wenigen Regisseuren, die verstärkt über Bilder Geschichten erzählen. Bedauern Sie, dass das im heutigen Kino kaum mehr so umgesetzt wird?
Wenders: Heute erscheint in der Tat vieles beliebig ins Bild gesetzt. Die Regisseure sind sich ihrer Mittel nicht bewusst oder gehen davon aus, dass es dem Zuschauer egal ist, ob die Bilder gut quadriert sind oder nicht. Ich finde es schade, dass so nachlässig mit der Bildsprache umgegangen wird. Aber die großen Studios machen es vor. Auch im Einsatz von 3D herrscht Beliebigkeit. Ich sehe das auch an den Studenten: Da fehlt oft das Bewusstsein, dass das Bild eine ganz klare Sprache sein kann. Es geht hin zu einem großen Mahlstrom von Dahingewurschteltem.

 Bei der nächsten Berlinale erhält Wim Wenders den Goldenen Ehrenbär für sein Lebenswerk. © Donata Wenders

 

chilli: Und das fällt vielen vielleicht auch gar nicht auf.
Wenders: Die wenigsten Menschen sehen Filme heute noch auf die privilegierte Weise im Kino, wo Form und Gestaltung wirken können. Auch „Das Salz der Erde“ wird wahrscheinlich ein größeres Publikum übers Internet, auf Tablets und Smartphones erreichen.

 

chilli: Damit verliert das Kinobild dann seine Magie?
Wenders: Nicht unbedingt. Wenn ein Bild eine gewisse Magie besitzt, weil man etwas investiert hat und mit Leidenschaft und Passion reingegangen ist, kann es diese auch auf dem Smartphone noch behalten. Es wird selbst da noch ein anderes Erlebnis sein als etwas einfach „Hingedrehtes“. Auch auf diesen Medien ist es wichtig, dass da jemand etwas zeigen will und weiß wie es wirkt. Auf dem Tablet erscheint nicht notwendig alles beliebig.

 

chilli: Wenn Sie an die Zeit mit Sebastião Salgado zurückdenken, welcher Eindruck bleibt Ihnen von diesem Menschen?
Wenders: Er ist ein ganz leidenschaftlicher, tief neugieriger und sozial engagierter Humanist, der vor allem in seiner positiven Lebensdeutung für mich auch ein Vorbild geworden ist. Er hat wirklich etwas bewirkt in seinem Heimatland, in Brasilien, und hat gezeigt, dass man Regenwald wieder aufforsten kann. Das ist ihm in so großem Maßstab gelungen, dass die Regierung seine Methoden aufgenommen hat und das jetzt auch auf andere abgewirtschaftete Landstriche überträgt. Die Zerstörung der Natur kann rückgängig gemacht werden! Das ist eine gewaltige Botschaft.

 

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: © NFP / Donata Wenders; NFP / Sebastião Salgado / Amazonas Images; Donata Wenders / Quelle: teleschau – der mediendienst