In Buchhandlungen wird man vergeblich nach Titeln wie „Erneuerung der Fransen“ oder „Die Kakteenherde oder Vom Brandherd zum Herdentrieb“ suchen. Selbst im schier unerschöpflichen Fundus der inzwischen allgegenwärtigen Online-Anbieter werden sie nicht zu finden sein, ebenso wenig wie „Vom Schlachthof zum Kanzler“ oder „Südlich ist westlich von östlich“. Der Grund: Diese und viele andere Bücher sind bisher gar nicht erschienen. Aus vielen Motiven heraus. Doch das ändert sich nun – in Freiburg.

Der frisch gegründete Verein Text-Mission hat sich auf die Fahnen geschrieben, literarische Werke, die vom Verschwinden bedroht sind, für die Nachwelt zu erhalten, sie vor dem Vergessen zu retten. Und hat deswegen jetzt die Anthologie „Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“ herausgegeben.

Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher

 

Annette Pehnt, Friedemann Holder, Michael Staiger (Hrsg.)
Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher
224 Seiten, gebunden, Piper, 2014
24,99 Euro

 

Zum Verein zählen bislang allein die Freiburger Schriftstellerin Annette Pehnt und die beiden Literaturwissenschaftler Friedemann Holder und Michael Staiger von der Pädagogischen Hochschule. Sie unterstellten einfach mal, dass es in jeder Schriftstellerlaufbahn ungedruckte, verworfene Geschichten, Romanstoffe oder Titel gibt, fragten etwa 200 deutschsprachige Gegenwartsautoren nach ihren nicht realisierten Projekten – und stießen dabei auf ein Mitmach-Interesse, mit dem sie selbst nicht gerechnet hatten: Etwa 80 Schriftsteller, darunter Büchner- und Bachmann-Preisträger, reagierten und berichteten freimütig über ihre zuweilen mehrfach gemachte Erfahrung des Scheiterns.

Sie lieferten die entsprechenden Werke gleich mit – und auch die Stories, die hinter dem Weg der Entwürfe bis hin in die Schublade steckten. Und das waren keine Verlust-, Verdruss- und Jammergeschichten, sondern faszinierende, manchmal irrlichternde, manchmal alberne, manchmal selbstironische oder auch altersmilde Prosa-Miniaturen zum Zusammenhang von Titel und Text. Sie alle, findet Annette Pehnt, eröffnen „intime Einblicke in das Ringen um Worte“ in der Schreib-Werkstatt.

71 Autoren stimmten schließlich der Veröffentlichung zu – für die drei Freiburger Literaturexperten der Text-Mission wurde die Idee zum realen Projekt, für das sich mit dem Piper-Verlag auch bald ein wohlwollender Unterstützer fand. Und, als ganz besonderes Schmankerl, es fanden sich 71 junge Grafiker und Designer der Karlsruher Hochschule für Gestaltung und der Fachhochschule Bielefeld, die für die bisher unveröffentlichten Titel richtige Umschläge entwarfen – und den verschmähten Büchern damit auch rein optisch zu einem späten Erfolg verhalfen.

Herausgekommen sind hochoriginelle, kreative, teilweise kuriose und witzige Buchcover, die diese Bibliothek im Buch zu einer bibliophilen Rarität machen. Die Text-Mission, so die Herausgeber, habe damit eine ihrer Aufgaben erfüllt: Vergessene und verworfene Texte „aus der Babyklappe der Literaturgeschichte zu bergen und durch Buchbehausung Schutz zukommen zu lassen“. Wie die nächste Mission aussieht, wird sich im Januar zeigen, wenn sich die Missionare zu ihrer Mitgliederversammlung treffen. Und womöglich wieder über Schubladen nachdenken.

Text: Erika Weisser