Irgendwo zwischen Flächennutzungsplan und Bebauungsplan ist er angesiedelt, der Perspektivplan für Freiburg, der bald Millioneninvestitionen steuern soll und jetzt sein erstes öffentliches Coming-out im prall gefüllten Saal des E-Werks hatte. Mehr als 300 Interessierte kamen, 250 durften rein, es war wie bei einem Sportclub-Spiel gegen die Bayern, die Veranstaltung wurde mit Verspätung angepfiffen. Nun will das Rathaus sie wiederholen, womöglich noch vor der Sommerpause. „Wir haben die Resonanz unterschätzt“, sagte Salomon. Fand das aber im Grunde gut.

 

Einen Perspektivplan für Freiburg hatte Baubürgermeister Martin Haag schon kurz nach seinem Dienstantritt im Januar 2011 im Interview mit dem Freiburger Stadtmagazin chilli angekündigt. Oberbürgermeister Dieter Salomon meinte nun, die Idee dazu stamme vom Chef des Stadtplanungsamts Roland Jerusalem. Klar ist: Es ist sinnvoll für eine wachsende Stadt, sich einen solchen Plan zu zimmern, wie Marit Pedersen, stellvertretende Leiterin der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt in Hamburg aufzeigte.

 

In ihrem Vortrag „Qualitäten für Wohnen und Freiraum“ blickte sie zurück auf das Erarbeiten eines Perspektivplans für die Hansestadt. Ein zentrales Ziel an Elbe wie an Dreisam: Tausende neue Wohnungen, ein Drittel davon öffentlich gefördert. In Hamburg hatte der indes schon eine Grundlage: den sogenannten Federplan von Fritz Schumacher aus dem Jahr 1909. Und tatsächlich entwickelte sich die Stadt mit heute 1,75 Millionen Einwohnern entlang der großen Entwicklungsachsen aus diesem Werk.

 

 

Neue Perspektiven entdecken: Was kommt hierhin, wenn das Stadion wegkommt? Foto: ns

Neue Perspektiven entdecken: Was kommt hierhin, wenn das Stadion wegkommt? Foto: ns

 

Natürlich steht im Norden in den vergangenen Jahren vor allem die Hafen-City im Fokus, wo 5800 Wohnungen gebaut wurden und werden – und Raum für 45.000 Arbeitsplätze. Den Druck auf den Wohnungsbau verdeutlicht eine ungewöhnliche Entscheidung des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz. Der setzte sich mit den Chefs der sieben Bezirksämter zusammen und schrieb jedem ins Pflichtenheft, wie viele Wohnungen jedes Jahr in seinem Bezirk gebaut werden müssen.

 

Wenn die Bezirke die Vorgabe schaffen, werden sie mit Geld (250 Euro pro genehmigter Wohnung) belohnt, wenn nicht, „das kommt nicht vor, die Entscheider wollen sich in der alljährlichen Sitzung keine Blöße geben“, meinte Pedersen.

So wurden allein im vergangenen Jahr Genehmigungen für gut 10.000 Wohnungen erteilt. In Freiburg sind seit 2006 nur etwa 5000 Wohnungen gebaut worden: Längst nicht genug, um den Zuwachs bei den Arbeitsplätzen, den Zuzug von Studierenden und den Bedarf einer besonders kinderreichen Stadt zu befriedigen.

 

Die im Breisgau zu Zeiten von Norbert Schröder-Klings, von 2007 bis 2011 Leiter des Referats für Stadtentwicklung und Bauen, nahezu heilige Geschossflächenzahl (GFZ) von 1,2 spielt in Hamburg derweil keine Rolle: „Wir schauen überhaupt nicht nach der GFZ, unsere Maßgabe ist die Quartiersdichte insgesamt“, so Pedersen, die selber in einer Wohnanlage mit einer GFZ von 3,0 „gut“ lebt. Spätestens hier war das Unwohlsein des Auditoriums zu spüren.

 

Dabei ist Freiburg von den nackten Zahlen her eine eher dünn besiedelte Stadt (siehe Infobox). Allerdings sind 42 Prozent der Gemarkung Wald und gleich zwei Drittel der Flächen geschützt. Salomon wusste bei der anschließenden Diskussion, dass München jedes Jahr um 30.000 Einwohner wächst – auf nur der doppelten Gemarkungsgröße von Freiburg. Die bayrische Metropole ist die am dichtesten besiedelte Stadt in Deutschland.

 

Das Gros der Beiträge der Interessierten war kritisch. Uto R. Bonde fürchtete nach den an die Leinwand geworfenen großen Hamburger Gebäuden, dass auch in Freiburg „zu viel die Sprache der Investoren statt die Sprache der Bürger“ gesprochen werde; es wurde kritisiert, dass beim Perspektivplan offenbar gar nicht über das Wohnen von ärmeren Menschen und Flüchtlingen gesprochen werden soll; die Wagenburg „Sand im Getriebe“ verteilte Handzettel „Experimentelle Wohnformen ermöglichen statt beschlagnahmen!“ und fordert, dass im Perspektivplan „Sonderbauflächen Experimentelles Wohnen“ ausgewiesen werden.

 

Der Perspektivplan soll die oft sehr emotionalen, sehr oft von Einzelinteressen geprägten Debatten ums Bauen in Freiburg versachlichen. Wenn neue Bebauungspläne erarbeitet werden, sollen diese künftig aus dem Kontext des Perspektivplans heraus verstehbar sein. Wenn es nach Haag geht, dann werden ab 2016 neue Bauvorhaben nicht mehr auf dem Bierdeckel diskutiert, sondern gesamtstädtisch gesehen. Das wäre ein Vorteil für die Behörden – und das Niveau der Diskussionen.

 

Lars Bargmann

 

 

Der chilli-KOMMENTAR

Hohe Erwartungen runterschrauben

 

Kennen Sie das Lied von der Unzulänglichkeit? „Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht und mach dann noch ‘nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht“, heißt es bei Bertolt Brecht. Nun ist es ein Perspektivplan, mit dem das Baudezernat die künftige Entwicklung der Stadt besser steuern möchte. Nicht, dass das zu kritisieren wäre: „Pläne machen und Vorsätze fassen, bringt viel gute Empfindungen mit sich“, schrieb einst  – mit kritischem Unterton – Friedrich Nietzsche. Aber es wird wohl sein wie so oft: Die Realität wird sich um diesen Plan auch nicht mehr scheren als um die Bevölkerungsprognosen, anhand derer 2006 ein unzulänglicher Flächennutzungsplan verabschiedet worden war.

 

Selbst wenn ein guter, hinreichend konkreter Perspektivplan ergäbe, dass etwa im Stadtteil Oberwiehre entlang der Dreisam das Verhältnis von Freiraum zu Bebauung so gut ist, dass dort noch gut und gerne nachverdichtet, pardon, innenentwickelt werden könnte, werden andere Parameter wie die Lust der Nachbarn an lokalpolitischer oder juristischer Einflussnahme, oder der wichtige Naturschutz, oder Hochwassergefahren, oder baurechtliche Belange dies realiter konterkarieren.

 

Wer nicht enttäuscht werden möchte, darf die Erwartungen nicht zu hochschrauben. Der Plan wird hoffentlich Überraschendes zutage fördern, neue politische Handlungsstränge offerieren, vielleicht mehr Akzeptanz, mutmaßlich auch eine neue Art von Freiraumsensibilität. Das wäre durchaus ein Gewinn. Es wäre aber stark überraschend, wenn er neue Flächen für den Wohnungsbau aufzeigen oder die Freiburger Bürgerschaft ungeteilt davon überzeugen würde, dass in einer wachsenden, kleinen Großstadt künftig an mancher Stelle schlicht höher und dichter gebaut werden muss.

 

Lars Bargmann

 

 

 

Info1: So wird der Perspektivplan gemacht

 

In einem ersten Schritt (in jeder Stufe gibt es unterschiedliche Beteiligungsmodelle) wird ein Atlas Freiburg erstellt, der Informationen über Siedlungsstrukturen, Bebauungsdichte, Versorgung mit Grünräumen, Nutzungen, Erreichbarkeiten zusammenfasst. Das soll zeigen, in welchen Bereichen Handlungsbedarf besteht.

 

Dann werden die Talente der Stadt herausgearbeitet, das Stadtgebiet in Quartierstypen eingeteilt, es geht um räumliche Qualitäten, um Potenziale für die Innenentwicklung, um Freiräume, auch darum, schlummernde Talente zu wecken. Hinzukommen strategische Bausteine, die auch anhand von Beispielen aus anderen Städten das Vorgehen einer Weiterentwicklung konkrete Vorschläge machen sollen, wo man mit welchen Mitteln ansetzen kann.

 

Auf der Zielgeraden sollen in drei Denkrichtungen mögliche Szenarien für Freiburgs räumliche Entwicklung vorgestellt und diskutiert werden. Im Ziel ist daraus Ende 2015 der etwa 250.000 Euro teure Perspektivplan geworden. Und der soll die nächsten 15 Jahre Stadtentwicklung maßgeblich prägen. Mehr Info: www.perspektivplan-freiburg.de

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Info:

Dünner und dichter

Einwohner/km²

München: 4468

Berlin: 3.834

Stuttgart: 2850

Hamburg: 2319

Konstanz: 1581

Weil am Rh.: 1541

Freiburg: 1424