Die Sanierung der Bühnentechnik im Theater Freiburg dauert länger als geplant. Grund seien „erhebliche Lieferschwierigkeiten bei einem zentralen Auftragnehmer“, so die offizielle, übrigens unter Mitwirkung des städtischen Rechtsamts empfohlene Sprachregelung am Theater. Und im Dezernat von Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach. Und so berichteten nach einer Pressekonferenz Mitte September dann auch mehrere Medien. Hinter den Kulissen aber ging es deutlich dramatischer zu: Nach Informationen der cultur.zeit schlidderte dieser zentrale Auftragnehmer wochenlang haarscharf an einer Insolvenz vorbei. Das Rathaus sprang unterwegs mit 200.000 Euro ein, damit überhaupt weitergearbeitet werden konnte. Und wäre da nicht auch noch ein kanadischer Investor gewesen, der der Firma unter die Arme griff, der Vorhang für die Spielzeit 2014/15 im Großen Haus wäre wohl gar nicht aufgezogen worden.

 

Ulrich von Kirchbach würde die Informationen der cultur.zeit ob des dramatischen Akts in der Spielzeitpause am liebsten gar nicht kommentieren. „Es hat enorme Probleme gegeben, wir waren in der entscheidenden Phase mit eingebunden und hoffen, dass wir mit einem Konzert am 8. November nun das Große Haus wieder eröffnen können“, sagt er nur. Wenn Rebekka Bakken an jenem Tag auf der neuen Bühne Tom Waits singt, werden die Intendantin Barbara Mundel, der kaufmännische Direktor Klaus Engert – der übrigens, ungewöhnlich für so einen Posten, nur noch Teilzeit arbeitet -, die Technische Direktorin Beate Kahnert, von Kirchbach selbst und viele andere drei Kreuze machen. Denn dann ist der Super-Gau ausgeblieben, eine Tragödie verhindert.

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Denn wenn die Firma hätte Insolvenz anmelden müssen, wäre die Spielzeit im Großen Haus sang- und klanglos ausgefallen. Der Eigenbetrieb Theater Freiburg hätte die Restarbeiten neu ausschreiben müssen, allein das kann Monate dauern. Und wer baut schon gerne – siehe etwa den Flughafen Berlin Schönefeld – auf der Baustelle eines anderen weiter? Da wären nicht nur hochkomplexe Gewährleistungsfragen zu beantworten gewesen. Da wären auch neue, enorme Kostenrisiken aufgetaucht. Insofern ginge der Vorwurf fehl, die Stadtspitze, die kurzerhand mal 200.000 Euro für dringend benötigtes Material ausgelegt hatte, das die Produzenten wegen der unsicheren Gemengelage nicht mehr an den Hauptauftragnehmer liefern wollten, hätte hier mit Steuergeld gespielt. Nur so konnte überhaupt der neue Zeitplan – das Projekt sollte ursprünglich schon seit Mitte September abgeschlossen sein – bis zum 8. November gehalten werden. Dementieren will von Kirchbach das nicht. „Es gab sicher ein paar unruhige Nächte.“

 

Zwischen 5,5 und 6 der insgesamt 14,35 Millionen Euro teuren Sanierung der maroden Bühnentechnik und der Passage 46 – nebst dem neuen, herrlich inszenierten Eingang ins Kleine Haus – gehen an den zentralen Auftragnehmer. Es war nicht der Job in Freiburg, der das Unternehmen in finanziell prekäre Lage brachte. Es war andernorts. Und es war der kanadische Investor, der ein Weiterarbeiten am Ende ermöglichte. Ob diesem der Eröffnungstag gewidmet wird?

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Barbara Mundel hatte unterdessen Zeit, „meine Schockstarre aufzulösen“. Sie sprach angesichts der Umplanung von Aufführungen und Proben  von einer „irrsinnig komplexen Logistik“. Die Proben für Carmen sind – nur ein Beispiel für den Aufwand – in die Lokhalle Freiburg verlegt worden. Die Premiere der Bizet-Oper wird am 29. November über die neuen Bretter gehen. Die erste Theaterpremiere mit neuer Bühnentechnik steigt am 23. November mit dem Kinderstück „Die Bremer Stadtmusikanten“ nach dem Märchen der Brüder Grimm. Die große Wiedereröffnung des Hauses aber ist nun am 13. November, wenn das Festival „Politik im Freien Theater“ mit „Sfumato“ eröffnet wird.

 

Die gute Nachricht: Die Verzögerung nutzen die Verantwortlichen, um jetzt auch bereits die Obermaschinerie fertigzustellen, die sonst erst nach der Spielzeit eingebaut worden wäre. „Dann“, so von Kirchbach, „hätten wir im Juli wieder eine Baustelle gehabt.“ Am Theater mutmaßlich ein Wort, das den Puls wieder hätte höher schlagen lassen.

 

 

 

Info

Die Sanierung

Das Freiburger Stadttheater ist nach Plänen des Berliner Architekten Heinrich Seeling als damals eines der größten deutschen Kommunaltheater gebaut und am 8. Januar 1910 von Oberbürgermeister Otto Winterer eröffnet worden. In den ersten beiden Bauabschnitten wurde die Sanierung der Bühnentechnik vorbereitet und das Haus barrierefrei umgebaut: Der Dachstuhl des Bühnenturms bekam eine neue Stahlkonstruktion, um die Obermaschinerie aufzuhängen. Im Großen Haus wurden ein Aufzug und eine behindertengerechte Toilette eingebaut und die Flucht- und Rettungswege im Foyer verbessert. Alle Arbeiten fanden bei laufendem Betrieb oder in den Sommerpausen 2012 und 2013 statt und sind termingerecht abgeschlossen worden. Im vergangenen März folgte dann der dritte und schwierigste Bauabschnitt: die Kompletterneuerung der Bühnentechnik. Das Theater zog aufs Ganter-Areal. Seither wurden Bühnenturm, Vorbühne und das Untergeschoss der Hauptbühne entkernt, um schrittweise die neue und moderne Technik einzubauen: Obermaschinerie mit Schnürboden, Arbeitsgalerien und Portalbrücke, Bühnenbeleuchtung, Audio-Video-Anlage, Untermaschinerie mit neuer Drehbühne und integrierten Podien, neuer Bühnenboden sowie sicherheitstechnische Anlagen. Bei diesem Abschnitt waren zahlreichen Spezialfirmen tätig. Die hoch komplexe Baustelle zu steuern und zu koordinieren, war fürs Theater enorm aufwändig.